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Topraks Technik Talk

Der virtuelle Räuber Hotzenplotz

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Das schlechte Gewissen der Digitaltechnik

Das PRS-505 von Sony wird über die Buchhandelskette Thalia vertrieben. Quelle: Sony

Die Haptik (griech. Lehre vom Tastsinn) ist übrigens das Lieblingswort all derer, die noch von Analogzeiten schwärmen. Egal, ob es um Vinyl-Schallpatten geht, die so schöne Cover hatten oder um Bücher. Die Digitaltechnik versucht daher, die Welt der Dinge nachzuahmen. Das kann man an der Bedienoberfläche von Windows sehen. Für viele Funktionen gibt es Symbole, die reale Dinge auf den Bildschirm holen. Fürs Zeichnen gibt es Buntstifte und Pinsel, fürs Löschen Radiergummi oder Schere und so weiter. Die kümmerlichen Bildchen sind das schlechte Gewissen der Digitaltechnik, die uns immer mehr von der sinnlichen Welt entfremdet. Die spannende Frage wird sein, ob wir das auf Dauer wirklich aushalten.

Um das herauszufinden, sollte man den E-Books einfach mal eine Chance geben. Die Dinger sind nämlich nicht nur sehr praktisch. Sie könnten auch der bedrohten Lesekultur neuen Schwung geben.

Die offensichtlichen Vorteile sind schnell aufgezählt. Es werden nur noch die Bücher ausgeliefert, die der Kunde bestellt. Besser gesagt: Der Text liegt als Datei irgendwo auf einem Server und der Kunde lädt es über seinen Mobilfunk-Provider auf sein Lesegerät. Das rettet eine Menge Bäume. Am schnellsten werden sich die elektronischen Bücher bei Fach- und Sachbüchern durchsetzen. Hier sind buchbinderische und ästhetische Aspekte ziemlich egal. Das sind Bücher fürs aktive Lesen und Arbeiten, und da kommen die Möglichkeiten der E-Book-Reader wie Markieren oder Notizen machen wie gerufen. Für Sachbücher sind E-Books das ideale Medium.

Impulse für die Literaturszene

Interessant wird es aber auch in der Literaturszene. Im E-Buch-Zeitalter sind talentierte Jungautoren nicht mehr darauf angewiesen, einen Verlag zu finden. Sie können ihre Inspirationen einfach in die digitale Landschaft bloggen, SMSen oder posten. Wenn sie Mist schreiben, wird wenigstens kein Papier verschwendet. Wenn sie gut sind, dann finden sich auch Leser dafür. Und irgendwann bemerkt dann ein Lektor die 100 000 Downloads im Lyrik-Blog und nimmt den talentierten Autor unter Vertrag. Im elektronischen Zeitalter kann die literarische Kleinkunst aufblühen. Da können auch neue literarische Formen entstehen. Es wird eh mal wieder Zeit für eine neue literarische Gattung. Wie wärs mit dem täglichen Gedicht aufs Smartphone?

E-Books könnten das Lesen wiederbeleben und mit der vielgeschmähten digitalen Kultur versöhnen. Seit es elektronische Medien gibt, hört man die Klagen über den Kulturverlust: "Die Leute lesen nicht mehr. Kinder können sich nicht mehr konzentrieren, weil sie nur noch vor dem TV-Gerät oder dem Computer sitzen." Stimmt natürlich - zum Teil. Aber wenn es gelingt, die E-Books in den Digitalen Lebensstil einzubauen, dann wird die schöne Tätigkeit des Lesens im Internetzeitalter eine ungeahnte Renaissance erleben und alle Kulturpessimisten beschämen.

Vielleicht kann ich ja Klaus und Elke doch noch überzeugen. Auch wegen der Abwrackprämie und dem neuen Auto. Ich hab das Bild vor mir. Draußen regnet und stümt es. Klaus am Steuer. Lautlos gleitet die Limousine über die kurvige Landstraße, sicher geführt von Navigationssystem und intelligentem Fahrlicht. Die Ledersitze sind geheizt und aus dem Bord-Entertainment-System perlt das zweite Klavierkonzert von Mendelssohn-Bartholdy. Elke, die sonst immer über den Verkehr meckert, ist jetzt ganz still und tief versunken in den schwedischen Krimi auf ihrem  neuen E-Book-Reader ...

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