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Topraks Technik Talk

Hightech-Zombies betteln um Gnade

wiwo.de-Autor Mehmet Toprak ist ein begeisterter Technik-Freak, der alles liebt, was Tasten hat und einen Knopf zum Einschalten. Wirklich? Nein, nicht wirklich. Heute kommt die Wahrheit ans Licht.

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CeBIT-Besucher und Aussteller: Quelle: dpa

Mann, bin ich froh, dass diese Veranstaltung zu Ende ist. Mein Chef hat mich dazu verdonnert. Vier verdammte Tage lang. Die Misere beginnt schon mit der Unterkunft. Nix Hotel. Aus Kostengründen haben sie dich in diese Privatunterkunft in Hannover eingebucht. Nachts rollst du dich auf dem Kinderbett zusammen und machst dich um 6.45 Uhr in einem kalten Badezimmer fertig. Die alte Vermieterin zwingt dich, statt dich morgens einfach in Ruhe frühstücken zu lassen, ihren selbstgebackenen Käsekuchen zu essen. Und dann belabert sie dich solange, bis du dich in ihr Gästebuch einträgst. Sie zeigt dir den freundlichen Spruch vom vorigen Jahr, als der Herr von der Telekom da war. Dem hat ihr Käsekuchen auch immer so geschmeckt.

Gegen 9.10 Uhr stolperst du mit ungefähr 750.000 anderen Business-Profis aus der Stadtbahn. In Anzug und Krawatte, frisch rasiert und gekämmt. Du checkst noch einmal die Waffen. Kugelschreiber, Konferenzmappe, Smartphone, Visitenkarten, alles am Mann. Dein After Shave reicht für die nächsten 14 Stunden, und du hasst diesen Tag jetzt schon. Du stehst vor der größten Computermesse der Welt und du bist hier, um zu performen.

Das eisige Lächeln der Hostessen

So geht’s mir immer auf der CeBIT. Die Weltfestspiele der Optimisten und Technokraten, der Wichtigtuer und Anzugträger, der Phrasendrescher und IT-Consultants. Da hetze ich mit meiner Aktenmappe im Halbstundentakt von Termin zu Termin. Hast du einen Termin in Halle 2, dann ist der nächste garantiert in 24. Und überall schenken die Standhostessen mit eisigem Lächeln diesen abgestandenen Maschinenkaffee ein und füttern dich mit Industriekeksen.

Gefühlte 20 Mal pro Tag sitze ich vor einem gegelten Produktmanager, der mir erzählt, wie seine Company mit Version 12.1. der Video-Schnippschnapp-Lösung das "Consumersegment" adressieren und den Markt mit "aggressivem Pricing" aufrollen wird. Dann nicke ich verständnisvoll und frage mich im Stillen selbst: "Was um Himmels willen mache ich hier?" Leute wie ich sollten in einer Jogginghose zu Hause sitzen und sich eine DVD reinziehen. Oder im Café sitzen und faul in die Sonne blinzeln. Faulheit, das ist mein Element. Leider ist Faulheit eine brotlose Kunst, also muss ich auf der Hightech-Messe meine Brötchen verdienen.

CeBIT, mein größter Feind

Die CeBIT ist mein größter Feind und das Ding, um das sie alle tanzen, die größte Enttäuschung meines Lebens. Wir hatten mal gehofft, der Computer würde uns Arbeit abnehmen oder diese wenigstens erleichtern. Kein zeitraubendes Sortieren von Karteikarten mehr, das geht alles per Software-Datenbank, die alle Daten blitzschnell speichert, sortiert und wieder ausgibt. Der automatische Zeilenumbruch in Word 3.0 schien die Verheißung auf schwereloses Schreiben. Aus dem großen Versprechen ist eine große Enttäuschung geworden. Heute mühen wir uns durch endlose Menüs in Word 2007 und grübeln in den Optionen über "hängende Einzüge" und unberechenbare Tabstopps. Vor lauter Optionen-Sudoku kommt man kaum mehr zum Arbeiten. Von Erleichterung ist nichts zu spüren. Und Windows ist kein Betriebssystem mehr, sondern eine Orgie von Bugfixes, Patches und Updates.

Big Lebowski in Halle 2

Jeff Bridges als

Was bei der Geschirrspülmaschine noch geklappt hat - sie hat unseren Alltag erleichtert, ist beim Computer schief gegangen - er hat uns keine Verkürzung der Arbeitszeit gebracht. Er bringt genau so viel, dass es sich knapp lohnt. Zehn Schritte voraus und neun zurück, das ist das Schema. Auch das Internet ist längst kein Vergnügen mehr. Überall muss man wachsam und auf der Hut sein wegen all der Viren und Hacker. Außerdem poppt auf jeder zweiten Seite irgendein saudummes Werbefenster auf, das man zuerst wegklicken muss. Die schönen und nützlichen Dinge des Internet werden (fast) aufgefressen durch den Aufwand, den man treiben muss, um in deren Genuss zu kommen. Für Faulpelze, die einfach gechillt durchs Netz cruisen wollen, ist das Internet der falsche Ort.

Ich fühle mich wie der "Dude", alias Jeff Lebowski in dem Film "The Big Lebowski". Ein vergammelter Alt-Hippie, der im Bademantel träge durchs Leben schlurft, White Russians trinkt, Walgesänge hört und höchstens mal eine Runde Bowling mit seinen Kumpels spielt. Er und sein Freund, der paranoide Vietnam-Veteran Walter, geraten in Schwierigkeiten, auf die sie einfach nicht vorbereitet sind.

Der Computer ist der natürliche Feind des Lebowskis, der im Herzen aller guten Menschen wohnt. Als rasender Taktgeber der Informationsgesellschaft teilt der Computer die Menschen in zwei Klassen. Die einen verlieren ihren Arbeitsplatz, weil der Computer das schneller macht, die anderen rackern sich dafür am PC kaputt. Das hektische Gewusel auf der CeBIT ist die soziale Folge einer Technik, die den Menschen im wahrsten Sinne des Wortes unter Strom setzt.

Bunny Lebowski am Swimming Pool

Irgendwie will es mir so vorkommen, als ob es dem schnarrenden Hightech-Zombie, der mir beim Kaffee erzählt, wie toll die Version 12.1. seiner Video-Schnippschnapp-Software ist, im Grunde ganz genauso geht. Er würde jetzt auch lieber wie der Dude eine Runde Bowling spielen, dummes Zeug reden dürfen und vielleicht einen Joint rauchen. Unsere Unterhaltung würde dann ganz anders verlaufen: "Mann, was ist so toll an deiner bekackten Software?" - "Nichts Kumpel, was Typen wie du verstehen würden". Die Standhostess, die jeden Tag 150 Gäste Kaffee und Kekse servieren muss, würde auch lieber am Swimming-Pool sitzen und sich die Zehennägel lackieren, so wie Bunny Lebowski im Film. Auch sie trägt den Lebowski im Herzen, da bin ich ganz sicher.

Die Wahrscheinlichkeit, dass viele CeBIT-Teilnehmer heimlich vom Nichtsnutz  träumen, ist gar nicht so gering. Das lässt sich beweisen: In Xing, dem Business-Netzwerk, Hort aller High-Performer und Karriere-Überflieger, gibt es auch ein Forum für Kinofans. Was ist der meistgenannte Lieblingsfilm der Xing-Community? The Big Lebowski.

Vielleicht sollten wir auf der CeBIT 2010 einen Lebowski-Tag festlegen. An diesem Tag rennen, nein, schlurfen wir alle in Bademantel und Shorts durch die Hallen und an jedem Stand süffeln wir einen White Russian. Oder noch besser: Die Messe richtet einen eigenen theme parc dazu ein. Statt der langweiligen  Ausstellungen zu eGovernment oder Green IT hieße das Motto "eDude". Da lassen sich exzellente Marketingkampagnen aufsetzen: Lebowski, wie er mit dem Blackberry-Smartphone eine Bowlingbahn reserviert, Lebowski als Security-Administrator eines Bademantel-Herstellers, Lebowski wie er zum Joint Walgesänge auf dem MP3-Player genießt, und nicht zu vergessen sein Freund, der verrückte Walter, wie er auf einem Netbook die Scores aus dem Bowling-Turnier eingibt. Mann, wäre das eine bekackt schöne Computermesse ...

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