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Topraks Technik Talk Mein schöner gelber Porsche

Das Auto war schon immer der Sündenbock der Umweltdiskussion. Elektroautos sollen das ändern. Dann können Öko-Fans und Autohersteller endlich Frieden schließen. Doch wiwo.de-Autor Mehmet Toprak traut dem Frieden nicht.

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Mehmet Toprak Quelle: Mertoglu

Wissen Sie, was ich mir wünsche? Gesundheit, Harmonie und Glück für meine Familie und alle Menschen auf der Welt. Ja, klar, das ist das Wichtigste. Aber, ganz ehrlich. Ich wünsch mir einen Porsche. Und zwar einen 911 Carrera S. Der Klassiker schlechthin. Sechszylinder-Boxermotor, 385 PS, 0 auf 100 in 4,7 Sekunden, 302 Stundenkilometer Spitze. Die Farbe habe ich mir auch schon ausgesucht: Gelb, die Farbe der unbekümmerten Lebensfreude.

Ich komm jetzt in das Alter, wo die Schläfen ergrauen, da muss ein Porsche her. Ich freu mich schon auf die neidischen Blicke, wenn ich in den knallgelben 911er steige und losbrause. Das ist der übrigens der Moment, auf den es ankommt. Da muss alles in einer Bewegung passieren. Türe auf, einsteigen und ansatzlos aus der Parklücke schießen. Niemals umständlich am Sicherheitsgurt rumfummeln, niemals den Gang suchen. Sonst ist der Effekt weg. Einsteigen und losbrausen. Sollte man vielleicht vorher üben.

Ich wäre auch nicht der Typ, der im Sportwagen nur seine Rolex spazieren fährt, und bestimmt keiner dieser Spießer, die den Wagen jeden Samstag durch die Waschstraße fahren. Mein Porsche darf ruhig mal schmutzig werden. Auf dem Beifahrersitz würde sich der Abfall häufen. Zerknüllte Fastfood-Tüten, ein T-Shirt, der Tennisschläger und vielleicht eine leere Gauloise-Schachtel. Der nonchalante Schlamper eben. Der echte Mann beherrscht lässig das technische Wunderwerk, vor dem andere in Bewunderung erstarren. Soll ich mir eventuell noch die Haare lang wachsen lassen?

Ich weiß, was Sie denken. Sie denken, ich sehe nicht aus wie einer, der Porsche fährt. Eher wie so ein Skoda-Fahrer. Skoda Fabia Kombi. Manchen Menschen ist sogar die Automarke ins Gesicht geschrieben. Aber es gibt ein noch viel größeres Problem. Das mit der Umwelt. Der Carrera pustet pro Kilometer bis zu 250 Gramm CO2 in die Luft. Sportwagenfahrer sind also Klima-Rowdys. Deshalb hat der Luxuswagen-Besitzer heutzutage ein Imageproblem. Deshalb macht es leider keinen Spaß mehr, im 911er durch die Stadt zu düsen.

Die Lösung: Sportwagen mit Elektroantrieb

Der Mythos des Porsche 911 wird auf der Webseite mit Multimedia-Gimmicks wie Wallpaper oder Sounds geschickt gepflegt.

Eine Alternative gibt es natürlich. Den Elektrosportwagen. Zum Beispiel den Tesla aus Kalifornien und auch ein modifizierte Porsche mit Elektromotor dreht schon seine Runden, der "eRuf Konzept Modell A". Die Fahrleistungen sollen ordentlich sein. 204 PS und von 0 auf 100 in weniger als sieben Sekunden. Dann wäre ja alles klar. Die Zukunft heißt, saubere Luft durch Elektroautos. Aber ein paar Fragen fallen einem doch ein.

Die Elektroautos arbeiten mit Lithium-Ionen-Akkus. Das ist dieselbe Technik, die seit Jahren auch in Notebooks verwendet wird. Mmmh, war da nicht was? Richtig, da gab es einige Rückrufaktionen in den letzten Jahren. In der Presse stand dann regelmäßig die Schlagzeile "Brennende Notebooks". Nun hoffentlich kriegen die Entwickler das Problem in Griff. Mir gefällt die Vorstellung nicht, an einem heißen Sommertag mit ein paar hundert launischer Akkus unter dem Sitz über die Autobahn zu heizen, mit dem Risiko, dass mir bei Tempo 140 plötzlich eine Stichflamme in den Hintern schießt.

Wichtiger als das Brandrisiko ist aber folgende Überlegung. Haben die Elektro-Enthusiasten einmal durchgerechnet, was es bedeutet, wenn 44 Millionen Pkw in Deutschland irgendwann mal alle an der Steckdose hängen. Unsere Stromerzeuger werden dann ganz schön ächzen und die Umweltschützer auf die Stromautos schimpfen wie heute auf die Benziner.

Elektroautos sind Öko-Flops

Das Argon TR ist mit Hightech-Komponenten wie SON Nabendynamo, Scheibenbremsen und Rohloff-Nabenschaltung bestückt.

Die Diskussion verengt sich viel zu sehr auf das Thema CO2-Emissionen. Von Elektroautos wird ja erwartet, dass sie annähernd dieselben Fahrleistungen und den gleichen Komfort bieten wie ein Benziner. Auf Komfort zu verzichten, fiele keinem ein. Folglich müssen sie genauso groß und genauso schwer sein wie der Sechszylinder von Mercedes oder BMW. Zwei Tonnen rollendes Metall, um einen Menschen von A nach B zu bringen. Was für eine irrsinnige Verschwendung von Energie und Material. Selbst ein Kleinwagen wie der neue strombetriebene Mini E wiegt noch 1,5 Tonnen.

Autos sind gemessen an ihrem Zweck zu schnell, zu schwer und zu groß. Deshalb stehen sie für ein überholtes Konzept von Mobilität. Solange die so hochgelobten Elektroautos nichts anderes sind als modifizierte Benzinkutschen, gilt das auch für sie. Diese sind nicht die Lösung des Umweltproblems, sie verschieben es höchstens und gewähren eine kurze Verschnaufpause im Wettrennen gegen die nahende Klimakatastrophe.

Das schnellste Verkehrsmittel

Wenn das Elektroauto die Probleme nicht löst, sollen wir dann alle wieder U-Bahn fahren oder zu Fuß gehen. Angesichts der Fortschritte in der Outdoor-Technik mit Walking-Schuhen und Funktions-Textilien sowie mobilen Helfern wie Handys, GPS-Navis und iPods ist der Fußgängergedanke gar nicht so mehr so abwegig. Schneller ist allerdings das Fahrrad. Es gibt kein Verkehrsmittel, das so wenig Energie benötigt, um den Menschen von A nach B zu bringen. In einem Umkreis von etwa 12 Kilometern ist das Rad auch das schnellste Verkehrsmittel in der Stadt.

Ein geniales Stück Technik, das mit minimalen Aufwand die maximale Wirkung, sprich Mobilität bringt. Es benötigt weniger Material als der Kofferraumdeckel eines Kleinwagens und kostet wahrscheinlich auch weniger als dieser. Gleichzeitig schenkt es seinem Besitzer Fitness, Spaß und echte Mobilität. Wer jetzt die Nase rümpft, weil Fahrräder nicht "techie" genug sind, sollte sich mal ein aktuelles Modell wie das Argon TR Super ansehen: Magura-Scheibenbremsen, SON-Nabendynamo und Rohloff-Schaltung, alles was das Hightech-Herz begehrt.

City-Hubschrauber mit Öko-Motor

Stilvolle Fortbewegung – Retroräder wie dieses von Stilrad verbinden Retro-Design mit guter Verarbeitung.

Sollte es der Menschheit jemals gelingen, ein Vehikel zu bauen, das den Gesetzen der Vernunft gehorcht, dann werden mehrere Entwicklungslinien zusammenfließen: Komfort und Platzangebot des Automobils, Einfachheit und Effizienz des Fahrrads und Energiequellen aus Solar- und Akkutechnik. In der Kombination ergibt das ein überdachtes Vier-Sitzer-Rad, mit Carbon-Rahmen, Anhängerkupplung und Triple-Antrieb: Muskelkraft, Akkus und Solarzellen. Vielleicht sogar als kompakten City-Hubschrauber mit Windrad-Antrieb.

Zugegeben, das klingt ziemlich verwegen. Techno-Quacksalberei? Aber schließlich bin ich nur der Kolumnen-Schreiber, der sein Hirn quält, um Ideen zu formulieren, die andere schon vor Jahren realisiert haben sollten. Die hochbezahlten Entwickler-Genies sitzen in den Konzernzentralen von VW, BMW, Mercedes und Porsche. Sollen die sich was einfallen lassen. Ich will endlich meinen Öko-Porsche mit eingebautem gutem Gewissen haben. Und wenn er mit Kuhmist fährt …

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