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Trotz Siegeszug des Smartphones Lang lebe die Telefonzelle!

Die Zahl der Telefonzellen ist in den vergangenen Jahren stark zurückgegangen: Mittlerweile betreibt die Telekom nur noch 29.000 Fernsprechapparate. Warum die Telefonzelle trotzdem nicht komplett ausstirbt.

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Ausrangierte Telefonzellen der Deutschen Telekom in einem Lager in Brandenburg. Quelle: dpa Picture-Alliance

Unterwegs telefonieren bedeutete noch vor einigen Jahren, dass der Anrufer viel Zeit einplanen muss: Telefonkarte im Kiosk aufladen. Telefonzelle suchen. Warten. Sich über den Vordermann aufregen, weil der minutenlang telefoniert. Sich über den strengen Geruch in der Zelle ärgern. Und im besten Fall feststellen, dass genau die Seite aus dem Telefonbuch herausgerissen ist, auf der die Nummer des Telefonpartners steht. Eine andere Telefonzelle suchen – und das gleiche Spiel von vorn.

Dieser nervtötende Vorgang ist aus unserem Alltag so gut wie verschwunden. Kaum ein Mensch braucht heute noch eine Telefonzelle. In Zeiten, in denen laut Digitalverband Bitkom mittlerweile 51 Millionen Deutsche eine Smartphone besitzen – und zu jeder Zeit und überall zum Spottpreis telefonieren können – sind Telefonzellen das Überbleibsel einer längst vergangenen Zeit.

Die Telekom baut deshalb jedes Jahr tausende Telefonhäuschen ab. Während es laut Bundesnetzagentur 2008 noch mehr als 100.000 Telefonzellen in Deutschland gab, waren es 2015 nur noch 29.000. "Die Bedeutung der Telefonzelle hat mit dem Siegeszug der Handys abgenommen", sagt Telekom-Sprecher André Hofmann. Telekom und Bundesnetzagentur sind sich sicher, dass die Zahl in Zukunft weiter zurückgehen wird.



Damit wird ein Telekommunikationsgerät zum Auslaufmodell, das über ein Jahrhundert das deutsche Stadtbild wesentlich geprägt hat: erst in Gelb, später in Magenta und Grau. Nach der massenhaften Verbreitung des Festnetzanschlusses in den 80er und 90er Jahren nutzten bereits weniger Menschen die Telefonzelle. Laut Dirk van Laak, Professor für Zeitgeschichte in Gießen, hatten in dieser Zeit etwa 90 Prozent der Haushalte in Westdeutschland einen Festnetzanschluss, im Osten deutlich weniger. "Schon damals zog man sich gerne mit dem Telefon zurück. Vor allem für Jugendliche konnte die Schnur gar nicht lang genug sein, um im eigenen Zimmer ungestört zu telefonieren", sagt van Laak, der zur Geschichte von Infrastruktureinrichtungen forscht.

Mit der Verbreitung des Mobiltelefons Anfang der 2000er und dem Smartphone nutzten weniger Menschen die Telefonzelle: "Das Smartphone bietet eine räumliche Unabhängigkeit in einem Ausmaß, das es bisher noch nie gegeben hat", sagt van Laak. Und macht die ortsgebundene Telefonzelle praktisch wertlos.

Bis die Telefonzelle aber vollkommen verschwindet, wird es vermutlich noch eine Weile dauern. Die Telekom ist in Deutschland für die Grundversorgung der Telekommunikation verantwortlich. Heißt: Jeder Deutsche muss die Möglichkeit haben, ohne großen Aufwand das öffentliche Telekommunikationsnetz und öffentliche Telefondienste nutzen zu können.

Aber gerade unter den älteren Bürgern ist das Smartphone – das die Telefonzelle eigentlich überflüssig macht – nur mäßig verbreitet: Laut dem Digitalverband Bitkom besaß im Jahr 2015 nur jeder Vierte über 65 Jahren ein solches Gerät. Zum Vergleich: Unter den 14- bis 29-Jährigen haben 89 Prozent ein Smartphone. Und so gibt es immer noch öffentliche Orte, an denen die Telefonzelle nicht wegzudenken ist. Etwa in der Nähe von Senioren- und Pflegeheimen, Krankenhäusern, Flughäfen oder Bahnhöfen.

Zumindest optisch bleibt uns die Telefonzelle erhalten

Und dann sind da noch die Kommunen, die beim Abbau der Telefonzellen ein Wörtchen mitreden dürfen. Die Telekom hat nämlich mit der Bundesvereinigung der kommunalen Spitzenverbände vereinbart, dass das Telekommunikationsunternehmen die Städte und Gemeinden nur dann um einen Abbau einer Telefonzelle bitten darf, wenn sie sich nicht mehr rechnet. Heißt: wenn der monatliche Erlös unter 50 Euro liegt. "Der Umsatz ist ein klares Indiz dafür, dass der Wunsch nach einer Grundversorgung an dieser Stelle offensichtlich nicht mehr besteht", sagt der Telekom-Sprecher.

Die Kommunen können aber ihr Veto einlegen – obwohl sie sich nicht an Kosten für Strom, Standortmiete und Wartung beteiligen. "Wenn die Kommune trotz unserer Anfrage an einem Standort festhalten möchte, sprechen wir mit ihr über eine kostengünstige Alternative", erklärt Hofmann.

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Das ist in den meisten Fällen ein Basistelefon – eine nicht vor Wetter geschützte Telefonsäule. Das Basistelefon hat zwei Vorteile: Es ist günstig im Unterhalt und sicher vor Vandalismus. Doch Telekom und Kommunen müssen laut dem Unternehmen nur selten um eine Einigung ringen – und ein Basistelefon installieren. "Die große Mehrheit sieht ein, dass der Abbau an der vorgeschlagenen Stelle Sinn macht", sagt Hofmann.

Dazu gehört auch die Stadt Düsseldorf. Ende 2015 zählte die Verwaltung im Stadtgebiet nur noch 230 öffentliche Fernsprecher – in diesem Jahr sollen weitere Telefonzellen aus dem Stadtbild verschwinden: "Für 2016 ist mit einem weiteren Abbau zu rechnen, da die Bevölkerung, auch die älteren Mitbürger, sich immer mehr mit Mobilgeräten eindecken", sagt ein Pressesprecher.

An manchen Stellen rüstet die Telekom aber die Telefonhäuschen auf. Deutschlandweit hat das Unternehmen an einigen öffentlichen Plätzen sogenannte Multimedia-Stationen installiert: Darüber können die Nutzer telefonieren, SMS verschicken und über den Hotspot mit ihren mobilen Endgeräten wie Notebook oder Smartphone ins Internet gehen. Wie viele Multimedia-Stationen die Telekom aktuell betreibt, möchte sie auf Anfrage von WirtschaftsWoche Online nicht preisgeben. Laut einer Unternehmensmitteilung waren es 2014 etwa 9000 Stück – aber auch deren Zahl wird wohl dank Smartphone in den vergangenen zwei Jahren zurückgegangen sein.

Ein kleiner Wermutstropfen für Nostalgiker: zumindest optisch wird uns die Telefonzelle in der einen oder anderen Gegend in den nächsten Jahren erhalten bleiben. Die Telekom verkauft die alten Telefonzellen, die dann eine Renaissance erleben: mal als Telefonkabine in Unternehmen mit Großraum-Büros, mal als Garten-Deko, mal als Bibliothek – und in Berlin mittlerweile als Tele-Disko.

Benjamin Uphues, selbsternannter Disco-König, kaufte drei Telefonzellen, jeweils im Wert zwischen 400 und 800 Euro, und baute sie zu einer Mini-Tanzfläche um. Dort werfen die Besucher zwar immer noch eine Münze in den Schlitz. Anstatt eines Telefonats schenkt die Teledisko ihm mit ihrer Musik "ein paar Minuten Freiheit", wie Uphues sagt.

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