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Twitter-Blockade in der Türkei Wie funktionieren Internetsperren?

Internetsperren sorgen immer wieder für heftige Diskussionen. Nach Staaten wie China, dem Iran oder Russland greift nun auch die Türkei auf diese Weise zu politischer Zensur. Wie Internetsperren funktionieren und wie man sie umgeht.

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Ein Twitter-Logo auf dem Display eines iPhones ist vor der türkischen Nationalflagge zu sehen. Quelle: dpa

Ein ganzes Land vom Zugriff auf populäre Online-Angebote – wie etwa Twitter – abzuschneiden, ist zumindest in gut vernetzten Staaten der westlichen Welt fast ein Ding der Unmöglichkeit. In Deutschland etwa existieren an die 15 Internet-Austausch-Knoten, von denen der „Deutsche Commercial Internet Exchange“, kurz DE-CIX, gemessen am maximalen Datendurchsatz sogar zu den größten Internet-Knoten der Welt gehört. Frankreich und Großbritannien haben je 13 Knoten und sogar Russland ist über 16 Austausch-Punkte mit dem globalen Datennetz verbunden.

Will ein Staat Inhalte wirksam blocken, so muss er an diesen Internet-Knoten ansetzen und dort so etwas wie einen zentralen Zugriffsfilter installieren. Der arbeitet als eine Art staatlich gesteuerte Firewall, die all die Aufrufe von unliebsamen Webseiten auffängt und die Surfer – statt zu den gewünschten Servern im Internet – auf vorher eingerichtete Sperrseiten umleitet. Das Problem bei einer solchen Totalsperre ist, dass sie umso schwieriger zu installieren ist, je mehr Austauschpunkte existieren und je mehr Internet-Dienstleister sich an diesen Punkten über Direktleitungen miteinander vernetzen.

Was den Zensoren die Arbeit erschwert ist, dass das (ursprünglich ja als militärisches Kommunikationssystem konzipierte) Internet darauf ausgelegt ist, dass die Datenpakete darin auf beliebigen Wegen zum Ziel finden. Schließlich sollte die Kommunikation im Kriegsfall auch dann noch funktionieren, wenn einzelne Datenleitungen gekappt sind. Rein technisch betrachtet stellt auch eine zentrale Webseiten-Sperre – konkret jetzt für den Twitter-Dienst – nichts anderes als eine gekappte Leitung dar. Und auf die würde das Internet reagieren, in dem es die Seitenabfragen kurzerhand auf andere Leitungen umroutet.

So komplex aber scheint das Problem in der Türkei gar nicht zu sein. Denn obwohl das Land mit der TURNET genannten Turkish Information Exchange sogar nur einen nennenswerten internationalen Netzwerk-Austauschknoten besitzt, melden IT-Experten vom Bosporus, dass es durchaus weiter möglich sei, Twitter zu erreichen. Nur sei der direkte Aufruf der Twitter-Webseite über www.twitter.com inzwischen unterbunden.
Das nämlich erfordert – statt des Aufbaus einer Great-Turkish-Firewall, analog etwa zu dem tatsächlich mit enormem Aufwand betriebenen staatlichen Web-Filter in China – „nur“ ein paar Modifikationen in den Rechenzentren der türkischen Internet-Anbieter. Wie es scheint, hat die türkische Regierung – angeblich gestützt auf einen richterlichen Beschluss – diese Internet Service Provider (ISP) verpflichtet, Aufrufe von Twitter nicht mehr zu den Zielservern durchzustellen, sondern auf eine Sperrseite umzuleiten.

Die Schlupflöcher

In diesen Ländern wird das Internet zensiert
ChinaEs ist ein Paradox: 300 Millionen Menschen nutzen in China das Internet - von der Zensur jedoch weiß nur ein Bruchteil der Menschen. Die Regierung nutzt dafür verschiedene Methoden. Filter kommen ebenso zum Einsatz wie Ausspähung und Einschüchterung. Neben pornografischen Seiten sperrt die Regierung Auftritte religiöser und politischer Gruppierungen, welche die Regierung als 'schädlich' ansieht. Auch renommierte Nachrichtenseiten wie BBC oder Social-Media-Portale wie Facebook, Twitter und Youtube sind nicht abrufbar. Nun verschärft China die Zensuren und weitet die Blockaden auf mehrere Internetseiten aus. Der Großanbieter von Cloud-Diensten, Edgecast, räumte am 18.November in einer Mitteilung ein, dass viele seiner Dienste seit kurzem von China aus nicht mehr oder nur noch eingeschränkt abrufbar sind. Die Zensurexperten von Greatfire.org bezeichneten den Schritt als „Versuch, China vom globalen Internet abzuschneiden“. Die Organisation hatte mehrfach angeprangert, dass Chinas Zensurapparat immer ausgefeilter operiere. Teilweise würden Zugriffe auf internationale Internetseiten gezielt verlangsamt, um sie für chinesische Nutzer unbrauchbar zu machen. Chinas Internet wird seit Jahren stark kontrolliert. Soziale Netzwerke wie Facebook und Twitter sowie Youtube oder Webseiten von Menschenrechtsorganisationen und ausländischen Medien wie die „New York Times“ oder die Nachrichtenagentur Bloomberg sind von China aus nicht abrufbar. In diesem Jahr hatte China die Sperren bereits ausgeweitet. Kurz vor dem 25. Jahrestag des Pekinger Massakers im Juni wurde erstmals der Zugang zu allen Google-Diensten in China wie Suche, Gmail, Maps und die Fotoplattform Picasa gesperrt. Quelle: REUTERS
TürkeiSeit 2007 können lokale Strafgerichte Webseiten landesweit sperren lassen, sofern sie pädophile oder pornografische Inhalte, die Verherrlichung von Drogen oder Beleidigungen des Staatsgründers Atatürk zeigen. Jetzt hat die Türkei allerdings nochmals die Kontrolle von Internetnutzern verschärft. Die staatliche Telekommunikationsbehörde TIB darf künftig Internetseiten ohne Gerichtsbeschluss sperren lassen, wenn sie die „nationale Sicherheit“ oder die „öffentliche Ordnung“ gefährdet sieht. Außerdem kann sie Daten über das Surfverhalten von Internetnutzern uneingeschränkt sammeln. Einer entsprechenden Gesetzesänderung stimmte das türkische Parlament in der Nacht zu Mittwoch zu, wie die Nachrichtenagentur Anadolu meldete. Es ist bereits die zweite Verschärfung in diesem Jahr. Internetanbieter müssen die Anweisung zur Sperrung von Webseiten innerhalb von vier Stunden umsetzen. Erst nach 24 Stunden müsse die Telekommunikationsbehörde die Entscheidung einem Gericht vorlegen, um die Sperrung bestätigen zu lassen. Mit Material von dpa Quelle: dpa
NordkoreaNordkorea gilt als das Land mit der weltweit striktesten Internetkontrolle, steht laut Machthaber Kim Jong Un aber vor einer "industriellen Revolution". In seiner Neujahrsrede kündigte der Machthaber mehr Investitionen in Forschung und Technologie sowie Computer in allen Schulen an. Bisher haben lediglich ein paar tausend Privilegierte Zugang zu einer stark zensierten Version des Internets. Unter den zugelassenen Seiten befinden sich 30 Portale, die die großen Führer "Kim Jong-il" und "Kim Il Sung" preisen. Quelle: dapd
RusslandStaatschef Vladimir Putin plant eine Ausweitung der Netzzensur. Vorgesehen ist ein Twitter-Verbot für Staatsdiener sowie Klarnamenzwang in sozialen Netzwerken. Damit wollen die Machthaber um den Staatschef gegen "extremistische Propaganda" und Blogger, die "politische Spekulation verbreiten", vorgehen. Derweil gehen immer mehr Menschen gegen Putins Regime auf die Straße. Quelle: dpa
AfghanistanSeit Juni 2010 werden in Afghanistan diverse Webseiten und Soziale Netzwerke gesperrt. Darunter Facebook, Youtube, Twitter und Google-Mail sowie Seiten mit den Themen Alkohol, Dating, Glücksspiel und Pornografie. Quelle: dpa
WeißrusslandSeit Januar 2012 ist ein Weißrussland ein Gesetz in Kraft, das Alexander Lukaschenko bereits 2010 auf den Weg gebracht hatte. Danach dürfen ausländische Dienste nicht mehr für E-Mails, Finanztransaktionen, den Vertrieb von Waren und Dienstleistungen genutzt werden. Außerdem müssen die Provider inhaltliche Zensur durchsetzen und PC-Nutzer sich in Internetcafés ausweisen. Quelle: dpa
MyanmarIn Myanmar können sich die meisten Menschen Computer gar nicht leisten, weshalb die Zensurmaßnahmen der Militärregierung vor allem Internetcafés betreffen. Der Zugang zu oppositionellen Webseiten wird hier systematisch blockiert. Auch E-Mail-Programme von Yahoo oder Hotmail können nicht genutzt werden. Was die User in den Cafés treiben, wird sehr genau beobachtet. Alle fünf Minuten werden die URLs der aufgerufenen Seiten gespeichert. Quelle: REUTERS

Möglich machen das die Domain Name Server (DNS) in den Rechenzentren der ISPs, deren Aufgabe es ist, die in normaler Schrift verfassten Web-Adressen in den zwölfstelligen Zahlen-Code umzuwandeln, unter dem jeder Server im Internet identifizier- und erreichbar ist (wie etwa 217.079.220.230 für www.wiwo.de). Wenn also die türkischen ISPs in ihren DNS-Rechnern für „twitter.com“ eine andere Ziffernfolge als Zieladresse hinterlegen, laufen die Twitter-Aufrufe aus dem Land erst einmal ins Leere.

Das funktioniert vergleichsweise schnell und sieht wirksam aus – ist es aber nicht. Denn längst kursieren im Internet Anleitungen, wie türkische Onliner ihre PCs, Tablets oder Smartphones so umkonfigurieren können, dass die Maschinen statt der – offenbar regulierten – DNS-Rechner der ISPs den Seitenaufruf über andere, alternative DNS-Quellen aufrufen.

Theoretisch kann der Staat die Internet-Anbieter natürlich auch zur Sperrung der alternativen DNS-Rechner verdonnern. Aber Erfahrungen aus früheren Sperrversuchen in anderen Ländern zeigen, dass das eher einem Hase-und-Igel-Spiel gleicht als einer wirklich wirksamen Sperre.

In Arbeit
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Dazu kommt, dass es längst Browser-Erweiterungen wie etwa den Hola Unblocker gibt, die den einzelnen PC – unter Umgehung der „offiziellen“ DNS-Adressen – mit ungeblockten Servern im Ausland verbinden, von denen aus Web-Surfer dann auch die unerwünschten Web-Dienste wieder erreichen können. Solche Angebote bauen dazu eine Art virtuellen Tunnel durchs öffentliche Internet, über die die Daten verschlüsselt übertragen werden können, ohne dass die staatlichen Zensoren darauf einfach zugreifen können. Nicht umsonst ist die Nutzung solcher „Virtual Private Networks“ in Staaten wie China für die gemeine Bevölkerung verboten – und unter Strafe gestellt.

So drastisch geht die türkische Regierung allem Anschein nach bisher nicht zu Werke. Sie belässt es bei den „verbogenen“ DNS-Aufrufen. Und sie lässt – bislang zumindest – sogar Twitter noch ein kleines Schlupfloch. Denn zumindest wer Tweets absetzen will, der kann das auch weiterhin tun: Per SMS vom Smartphone, die entsprechenden Kurzwahlen aus den türkischen Handynetzen von Avea, Vodafone oder Turkcell, hatte Twitter bereits gestern – rechtzeitig vor der Sperre – auf seinem eigenen Profil veröffentlicht:

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