WiWo App Jetzt gratis testen
Anzeigen

Überwachung Wenn Handydaten verraten, wo als nächstes Gewalt ausbricht

Hilfsorganisationen wollen Handydaten nutzen, um Katastrophen vorherzusagen Quelle: dpa

Hilfsorganisationen und Wissenschaftler überwachen in Krisen- und Katastrophengebieten Mobilfunknutzer, um schneller auf Notsituationen reagieren zu können. Das sorgt auch für Kritik.

  • Artikel teilen per:
  • Artikel teilen per:

Die Elfenbeinküste im März 2011: Der Konflikt zwischen den Truppen des amtierenden Präsidenten Laurent Gbagbo und den Unterstützern des designierten Präsidenten Alassane Ouattara eskaliert zum Bürgerkrieg. Offensiven treiben Gbagbo dazu, sich mit knapp zweihundert Getreuen zu verschanzen – bis schließlich Soldaten der Vereinten Nationen und aus Frankreich den Konflikt stoppen. Am Ende hat der kurze Krieg rund 3000 Menschen das Leben gekostet.

Einige Monate später machen sich drei Wissenschaftler von der University of Essex, der New York University und der University of Pittsburg daran, Mobilfunkdaten des Landes aus jener Zeit auszuwerten, bereitgestellt vom Telekommunikationskonzern Orange. Ihr Ziel: Sie wollen einen Algorithmus ermöglichen, durch den sich anhand der Mobilfunkdaten der Menschen vorhersagen lässt, wo gerade Gewalt ausbricht.

Vom Klimawandel ausgelöste Naturkatastrophen, politische Instabilität, Krieg – die Zahl der Flüchtlinge weltweit war noch nie so hoch wie heute. Nach Schätzungen der UN-Flüchtlingshilfe (UNHCR) sind aktuell mehr als 70 Millionen Menschen auf der Flucht. Und Experten erwarten, dass die Zahl in den nächsten Jahren steigen wird. Forscher und Hilfsorganisationen arbeiten deshalb seit ein paar Jahren daran, die Ströme anhand digitaler Spuren nachzuverfolgen oder sogar vorhersagen zu können. Das soll helfen, die Menschen zielgenauer mit Hilfsgütern zu versorgen sowie Gewalt und Chaos zu stoppen.

Tagtäglich hinterlassen wir digitale Spuren, ob bei Facebook oder Instagram. Das mächtigste Werkzeug für die Helfer aber sind Handydaten. Aus ihnen lässt sich neben dem Standort einer Person auch ablesen, wie oft und wie lange diese telefoniert hat. Die amerikanischen und britischen Forscher, die die anonymisierten Handydaten von rund vier Millionen Nutzern an der Elfenbeinküste ausgewertet haben, stießen bei ihrer Studie auf deutliche Muster. Kurz bevor an einem Ort Gewalt mit Todesopfern ausgebrochen war, benutzten sehr viel mehr Menschen ihr Telefon für Anrufe, heißt es in einem Bericht der Wissenschaftler. Diese Anrufe seien zudem deutlich kürzer gewesen als normal. Die Menschen warnten sich offenbar gegenseitig.

Inzwischen setzen laut dem US-Wissenschaftsmagazin „Nature“ Hilfsorganisationen rund um die Welt und regelmäßig Handydatenanalysen bei Krisen und Katastrophen ein. In Haiti etwa, nach dem großen Erdbeben von 2010; in der Türkei, um die Reisewege syrischer Flüchtlinge nachzuvollziehen; nach dem Erdbeben 2015 in Nepal; um das Reiseverbot während der Ebola-Epidemie in Sierra Leone zu überwachen. Das Potenzial, mit diesen Daten Menschen zu helfen, ist groß. Hilfsorganisationen können mit Hilfe solcher Daten frühzeitig und an den richtigen Orten Zeltlager, Nahrungsmittel und Medikamente einfliegen. Und Gesundheitsbehörden können besser abschätzen, wie sich ein Virus ausbreitet.

Eine Organisation, die sich auf die humanitäre Analyse von Handydaten spezialisiert hat, ist Flowminder aus Stockholm. Das gemeinnützige Start-up will Gesundheit und Wohlstand in Entwicklungsländern fördern, unter anderem durch das Auswerten großer Mengen von Mobilfunkdaten und Satellitenbildern. Vor wenigen Wochen nun veröffentlichte Flowfinder-Gründer Linus Bengtsson zusammen mit Kollegen eine wissenschaftliche Arbeit, in der sie beschreiben, wie sie eine Methode entwickelt haben, um jene Menschen anhand ihrer Telefondaten zu finden, die aufgrund von Naturkatastrophen die Heimat verlassen mussten.

Im Hurrikan hilfreich, bei Kranken unverhältnismäßig

Angewendet haben sie die Technik beispielsweise, nachdem Hurrikan Matthew am 4. Oktober 2016 Haiti traf. Der Sturm zwang mindestens 100.000 Familien, ihr Zuhause zu verlassen. Mithilfe von Telefondaten des Netzbetreibers Digicel konnte Bengtsson selbst solche Flüchtlinge aufspüren, die sich nach dem Hurrikan nur wenige Kilometer von ihrem ursprünglichen Zuhause entfernt aufhielten. Das ist ein gewaltiger Fortschritt: Denn in vielen Statistiken sind diese Art Binnenflüchtlinge heute gar nicht erfasst. Zugleich konnte Flowfinder anhand der Mobilfunkmasten, mit denen sich die Handys verbinden, nachvollziehen, wo sich die Flüchtlinge wann hinbewegt haben.

Die Autoren betonen, dass sie die Daten ausschließlich in gebündelter Form und anonym analysieren. So seien keine Rückschlüsse auf Individuen möglich. Trotzdem trifft die Technologie immer wieder auf Skeptiker. Viele Telefongesellschaften stellen ihre Datensätze, wenn überhaupt, den Forschern und Hilfsorganisationen nur insgeheim bereit.

Kritik ernteten Flowfinder, die UN und die Harvard-Universität etwa, als sie anonymisierte Telefondaten im westafrikanischen Sierra Leone untersuchten. Sie wollten Verstöße gegen ein Reiseverbot registrieren, das die Behörden nach einem Ausbruch der tödlichen Viruskrankheit Ebola verhängt hatten. Kritiker bezeichneten das als unverhältnismäßig, weil sich Ebola nicht durch die Luft übertrage, sondern über den Austausch von Körperflüssigkeiten.

Jetzt auf wiwo.de

Sie wollen wissen, was die Wirtschaft bewegt? Hier geht es direkt zu den aktuellsten Beiträgen der WirtschaftsWoche.
Diesen Artikel teilen:
  • Artikel teilen per:
  • Artikel teilen per:
© Handelsblatt GmbH – Alle Rechte vorbehalten. Nutzungsrechte erwerben?
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%