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Umdenken beim Spieleriesen Wie Electronic Arts auf die Gratis-Kultur reagiert

Der Trend zu Gratisspielen verändert das Geschäftsmodell einer ganzen Branche. Auch der Videospielgigant Electronic Arts steuert um. Doch reagiert das Unternehmen schnell genug?

Kostenlose Spiele werden immer besser und beliebter - auf der Gamescom im Köln bilden sie daher einen Schwerpunkt. Quelle: dpa

Es ist ein ruhiger Mann, der beim Computerspieleriesen Electronic Arts (EA) für die Zukunft zuständig ist. Sean Decker spricht mit leiser Stimme, die im Messelärm der Gamescom schwer zu verstehen ist. Dabei hat sein Wort Gewicht, denn Decker ist bei EA verantwortlich für die kostenlosen Spiele und dieser Bereich verändert derzeit die Branche radikal.

Free-to-play heißt das Zauberwort über das hier in Köln überall gesprochen wird. Denn während das traditionelle Geschäft mit Konsolentiteln zurückgeht, verzeichnen die Gratisspiele enormen Zulauf. 25 Millionen Spieler vermeldete EA zu Jahresbeginn auf seiner Gratisplattform Free4Play. Inzwischen ist die Zahl auf 35 Millionen gestiegen. „Das Wachstum ist nett aber glücklich bin ich erst mit viel mehr“, sagt Decker.

Kein Wunder, bringt es doch beispielsweise der deutsche Konkurrent Bigpoint auf 280 Millionen Spieler. Das Hamburger Unternehmen war vor zehn Jahren einer der ersten Anbieter von Gratisgames, die man direkt im Browser spielen kann. Geld verdienen die Unternehmen dann mit virtuellen Gütern.

Mehr Umsatz mit Gratisspielern

Und auch wenn in der Regel weniger als zehn Prozent aller Spieler überhaupt Geld für zusätzliche Waffen, schnellere Autos oder andere Dinge ausgeben, ist diese Gruppe extrem lukrativ. „Die Durchschnittsumsätze liegen zum Teil deutlich über dem, was Spieler im Konsolenbereich bezahlen“, sagt Olaf Coenen, Deutschland-Chef von EA.

Genauere Zahlen will das Unternehmen nicht nennen, doch auch andere Firmen berichten von Nutzern, die im Schnitt 20 bis 30 Euro für Gratisspiele ausgeben – pro Monat.

Electronic Arts startete erst 2008 mit einem ersten Gratisspiel in den USA, doch inzwischen wird der Bereich massiv ausgebaut. Firmenchef John Riccitiello will in fünf Jahren die Hälfte der Erlöse im Digitalbereich erzielen, derzeit ist es ein Viertel der vier Milliarden Dollar Jahresumsatz.

Doch dafür muss EA einiges bieten, denn es sind nicht nur simple Facebookspielchen, sondern immer aufwendigere Programme die es kostenlos im Netz gibt. „Grafisch sind wir auf Augenhöhe mit den Spielen zum Vollpreis“, sagt Olaf Coenen, Deutschland-Chef von EA. So gibt es kostenlose Versionen von EA-Klassikern wie dem Rennspiel „Need for Speed“ oder dem Shooter „Battlefield“.

Zudem bietet das Unternehmen, zusätzliche Funktionen zu den klassischen Spielen an. So gibt es zum Fußball-Dauerbrenner „FIFA“ die Erweiterung „Ultimate Team“, mit der die Spieler sich online Mannschaften zusammenstellen können. Allein damit nahm EA im abgelaufenen Geschäftsjahr 108 Millionen Dollar ein. Nicht schlecht, wenn man bedenkt, dass Bigpoint mit all seinen Spielen 2010 einen vergleichbaren Umsatz erzielt hat.

Probleme mit Online-Spielen

Trotzdem läuft bei der weltweit zweitgrößten Spielefirma längst nicht alles nach Plan. Der Aktienkurs sank seit Monaten und fiel im Juli unter zehn Euro – eine Schwelle die EA zuletzt Ende der Neunziger Jahre unterschritten hatte. Die Erlöse fielen im Ende Juni abgeschlossenen ersten Geschäftsquartal um vier Prozent auf 955 Millionen Dollar, der Gewinn sackte um neun Prozent auf 201 Millionen Dollar ab.

Hauptgrund ist das schwache Geschäft mit den herkömmlichen PC- und Konsolenspielen unter dem derzeit die ganze Branche leidet. „Wir sind in einer Phase, die es in der Industrie alle fünf bis sieben Jahre gibt“, sagt Coenen. Denn Playstation 3 und Xbox 360 sind schon lange auf dem Markt, die Nachfolger werden jedoch wohl frühestens im kommenden Jahr angekündigt. Daher erwartet der Deutschlandchef auch für 2013 ein schwieriges Jahr.  

Ein kleiner Hoffnungsschimmer ist der Nachfolger von Nintendos Wii, der zum Weihnachtsgeschäft in die Läden kommen soll und eben die neue Onlinewelt. Denn die Rückgänge sollen durch die Digitalumsätze aufgefangen werden. Künftig könnten diese sogar die bisherigen zyklischen Schwankungen der Branche stoppen. „Eine Kannibalisierung sehe ich daher beim besten Willen nicht“, sagt Coenen.

Millionen Nutzer wandern ab

Doch der digitale Schwenk gelingt nicht immer wie gehofft. Probleme macht beispielsweise das im Vorjahr gestartete Online-Spiel „Star Wars“. Mehr als 150 Millionen Dollar hat EA darin investiert und sich davon einen ähnlichen Erfolg versprochen, wie ihn Marktführer Activision Blizzard mir „World of Warcraft“ über Jahre verzeichnete. „Star Wars“ kostet monatlich 14,99 Dollar, doch die Zahl der Spieler die bereit waren, diese Gebühr zu zahlen sank von 1,7 Millionen auf unter eine Million. Analysten kalkulieren sogar nur mit 500 000 Spielern.  

Daher entschied Electronic Arts kürzlich, das Online-Spiel kostenlos zu machen. Im Herbst wird es neben der bisherigen  eine Gratisversion mit kostenpflichtigen Zusatzfunktionen geben.

Generell haben es die Online-Spiele mit monatlicher Gebühr schwer. In Deutschland sanken die Umsätze mit Abogebühren im ersten Halbjahr um 21 Prozent auf 84 Millionen Euro. Der Verkauf virtueller Güter legte hingegen um 63 Prozent auf 145 Millionen Euro zu.

So musste zum Beispiel auch der Bauklotzkonzern Lego sein ebenfalls mit großen Aufwand entwickeltes Spiel „Lego Universe“ erst kostenlos machen - und stellte es dann ganz ein. Und auch „Warcraft“ hat ein Zehntel seiner Spieler eingebüßt, wobei das Fantasyspiel immer noch neun Millionen Fans bindet.  

EA-Manager Decker will das Abomodell trotzdem nicht vollständig abschreiben und sieht es über die Hintertür zurückkommen: „Manche Free-to-Play Spiele haben ja Abonnementfunktionen integriert, so kann man beispielsweise jeden Monat ein Paket an Gütern kaufen.“

Ist in Zukunft alles kostenlos?

Präsentation von Electronic Arts (EA) - ein Viertel der Umsätze erwirtschaftet das Unternehmen im Digitalbereich. Quelle: dapd

Wird es in einigen Jahren also nur noch kostenlose Spiele geben? Das ist die große Frage, die sich derzeit die ganze Branche stellt. Auch bei Electronic Arts ist man sich darüber nicht ganz einig. Wenn die Spiele gut genug sind, erwartet Decker darin das dominante Modell der Zukunft und auch EA-Manager Frank Gibeau erklärte auf der Gamescom, der heute dominierende Verkauf von Software werde „bis Ende des Jahrzehnts“ vom Free-to-Play-Ansatz abgelöst.

Deutschlandchef Coenen ist da skeptischer und sieht das Ende der klassischen Spiele noch lange nicht gekommen. „Viele Spieler wollen nicht dauernd das Gefühl haben, dass sie bezahlen müssen, damit das Spiel weitergeht“, sagt Coenen. Sie würden lieber einmal ein Spiel kaufen und dann ungestört drauflosspielen.  

Keine künstlichen Beschränkungen

Doch ansonsten könnte EA den Kauf seiner herkömmlichen Spiele mit der Zeit überflüssig machen, wenn die eigenen Gratisangebote immer besser werden. Liegt es da nicht nahe, diese bewusst abzuspecken?

„Bei Free-to-Play-Spielen wird das Maximale herausgeholt“, sagt Coenen, „wir können uns auch gar nicht den Luxus erlauben, dass es schlechter aussieht, damit sich andere Spiele verkaufen“.

In Arbeit
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Immerhin hat der Wettbewerb um die Umsonstspieler stark zugenommen. „Die Spieler können jederzeit wechseln, da es sie ja nichts kostet“, sagt Decker. Für Decker liegt der limitierende Faktor nicht in einer Selbstbeschneidung, sondern in der Hardware. Denn die Spiele würden immer besser, doch die Frage ist ob genug Spieler immer bessere Computer kaufen. „Wir könnten noch fantastischere Spiele machen, aber dann hätten wir dafür nicht genug Spieler“, sagt Decker.

In der Vergangenheit waren neue Spiele mit ihren hohen Anforderungen an Speicher und Grafikkarten lange ein Treiber für den Computerverkauf. Dann lösten Konsolen immer mehr den PC als Spieleplattform ab. Derzeit verlagert sich der Prozess wieder auf die Computer zurück, doch es muss sich erst zeigen, ob das auch wieder die Aufrüstung der Hardware antreibt.  

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