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US-Cloud-Anbieter in Deutschland Die deutsche Cloud wird Realität – mit US-Hilfe

Immer mehr amerikanische Cloud-Anbieter wie Salesforce, Oracle oder Amazon eröffnen jetzt eigene Rechenzentren in Deutschland – und reagieren so auf die Sicherheitsbedenken der hiesigen Unternehmen.

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IT-Power: Mehr Rechenzentren in Deutschland Quelle: dpa

Die Ansage war klar und deutlich: „Wir sind nicht in das Prism-Programm involviert, und wir ermöglichen keinen Regierungen direkten Zugang zu den Servern“, hieß es aus der Münchner Niederlassung des amerikanischen Cloud-Anbieters Salesforce auf Anfrage der WirtschaftsWoche. Das war vor etwas mehr als einem halben Jahr. Die Botschaft sollte offenbar lauten: Business as usual. Die durch den ehemaligen NSA-Mitarbeiter Edward Snowden losgetretene Schnüffelaffäre durch amerikanische und britische Geheimdienste habe keinerlei Auswirkungen auf das Geschäft in Deutschland.

Heute zeigt sich: Die Aussage war reichlich voreilig. „Es stößt bei vielen Deutschen, vornehmlich Datenschützern und mittelständischen Unternehmen, auf Unbehagen, dass der Großteil der amerikanischen Cloud-Anbieter den europäischen Markt derzeit noch über Rechenzentren in Irland und den Niederlanden versorgt“, sagt René Büst, Cloud-Experte bei der IT-Beratung Crisp Research in Kassel.

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Der Druck hat Folgen: „Kein Anbieter, der den deutschen Markt als attraktiv betrachtet, kommt daran vorbei, ein eigenes Rechenzentrum in Deutschland zu eröffnen“, sagt Crisp-Analyst Büst. Offen über ihr Unbehagen reden wollen die Kunden wegen der großen Abhängigkeit vom jeweiligen IT-Lieferanten zwar nicht. Fakt ist aber: Mit Salesforce, Oracle und Amazon haben gleich mehrere US-Anbieter angekündigt, eigene Rechenzentren in Deutschland zu eröffnen. Die deutsche Cloud wird Realität.

Unbehagen bei den Kunden

Das ist eine dramatische Kehrtwende zum bisherigen Vorgehen – insbesondere der amerikanischen IT-Granden. Denn zuvor galt im Cloud Computing das Mantra, dass für die Bereitstellung von Softwareangeboten per Internet-Zugriff der Standort der dazu notwendigen Rechenzentren mehr oder weniger egal sei. Schließlich benötigen die Kunden für die Nutzung solcher Dienste bloß eine Internet-Verbindung und einen Browser.

Vor- und Nachteile des Cloud Computing

Cloud Computing gilt als eines der wichtigsten Wachstumsfelder der IT. Unternehmen, so die Vorstellung von Anbietern wie Google, Amazon oder Salesforce, sollen Computerprogramme nicht mehr auf den eigenen Rechnern halten, sondern diese auslagern und nur bei Bedarf per Web anfordern. Der Vorteil liege auf der Hand: Der Kunde muss sich nicht mehr um Aktualisierungen kümmern und bezahlt nur noch die Software, die er wirklich auch nutzt.

Entsprechend hoch sind die Erwartungen der Marktforscher. Laut der jüngsten, Prognose des amerikanischen IT-Analysehauses IDC sollen sich die weltweiten Umsätze mit Cloud-Services von knapp 57 Milliarden Dollar in diesem Jahr bis 2018 mehr als verdoppeln – auf gut 128 Milliarden Dollar. Das entspricht einer jährlichen Wachstumsrate von rund 23 Prozent. Der gesamte IT-Markt soll dagegen nur um gut 3,5 Prozent wachsen. In Deutschland ist das Cloud-Plus sogar noch kräftiger: Von 1,7 Milliarden Euro in diesem Jahr erwartet IDC bis 2018 einen Zuwachs fast um den Faktor drei auf dann 4,9 Milliarden Euro.

Beim Kampf um diesen Kuchen spielt Sicherheit eine immer größere Rolle. Die amerikanischen IT-Anbieter könnten in den kommenden Jahren zwischen 10 und 20 Prozent ihrer Cloud-Auslandsumsätze einbüßen, so eine Studie des Washingtoner Thinktanks Information Technology and Innovation Foundation (ITIF). Das entspräche rund 35 Milliarden Dollar zwischen 2014 und 2016. Die erwarteten Einbußen begründet ITIF-Analyst Daniel Castro mit Bedenken bei nicht amerikanischen Kunden durch die Aufdeckung der Schnüffelaffäre: „Vor allem europäische Anbieter versuchen, gegenüber ihren amerikanischen Wettbewerbern zu punkten.“

Microsoft will nicht mitziehen

Völlig von der Hand zu weisen sind derartige Unkenrufe offenbar nicht. Anders lässt sich die Schar von US-Anbietern nicht erklären, die aktuell nach Deutschland drängt, um hierzulande eigene Cloud-Rechenzentren zu eröffnen.

Vorgeprescht ist ausgerechnet Cloud-Primus Salesforce, der noch im vergangenen Jahr von Problemen in Deutschland nichts wissen wollte. Die räumen die Amerikaner zwar bis heute nicht ein. Dennoch hat der Anbieter von webbasierten Systemen zum Management von Kundenbeziehungen im Juli eine weitreichende Partnerschaft mit der Deutschen Telekom verkündet. Demnach wird die Telekom-Tochter T-Systems der Provider des ersten deutschen Rechenzentrums von Salesforce. Der Betrieb soll Anfang 2015 starten. „Wir sehen für unsere Kunden in Deutschland Erfolg versprechende Möglichkeiten in der Cloud“, sagt Salesforce-Chef Marc Benioff. „Deshalb tätigen wir lokale Investitionen, um den Erfolg zu beschleunigen.“

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Für Marktbeobachter ist dies ein Schritt, um vermeintliche Bedenken als reiner US-Anbieter zu zerstreuen. „Salesforce muss näher an den Kunden herankommen, wenn der Kunde nicht von allein kommt“, sagt Analyst Büst von Crisp Research. Die Pläne von Salesforce zeigten, dass der Druck vonseiten der Kunden enorm sein müsse und Deutschland als Markt attraktiver sei als vermutet: „Der Standortvorteil eines Rechenzentrums in Deutschland ist nicht zu vernachlässigen, um deutschen Unternehmen ihre Bedenken zu nehmen.“

Zu dieser Erkenntnis haben sich inzwischen auch die wichtigsten Salesforce-Konkurrenten durchgerungen. Der amerikanische SAP-Rivale Oracle will in Frankfurt und München gleich zwei neue Rechenzentren in Deutschland eröffnen. Beide sollen noch vor Jahresende in Betrieb gehen und die diversen Cloud-Lösungen der Amerikaner anbieten. „In Deutschland ist Datensicherheit ein besonders sensibles Thema. Die Ankündigung ist ein Zeichen dafür, dass Oracle als US-Unternehmen dem deutschen Markt verbunden bleibt“, sagt Deutschland-Chef Jürgen Kunz.

Microsoft bedient Europa von Dublin und Amsterdam aus

Die deutschen Rechenzentren sollen zudem als Blaupause dienen, nach deren Vorbild Oracle schnell in neue Märkte rund um den Globus expandieren will.

Einen Turbo hat jüngst der amerikanische E-Commerce- und Cloud-Vorreiter Amazon gezündet: Im Gegensatz zur Konkurrenz hat Vorstandschef Jeff Bezos seine Leute im Verborgenen an einem nationalen Angebot tüfteln lassen. Ende Oktober meldete der Cloud-Ableger Amazon Web Services Vollzug und nahm sein erstes Rechenzentrum in Frankfurt in Betrieb – noch vor der Konkurrenz. „In Deutschland kommt dem Datenschutz eine große Bedeutung zu“, so Amazon bei der Eröffnung. „Daher wünschen sich unsere Kunden die Möglichkeit, personenbezogene Daten sicher innerhalb des Landes zu speichern.“

Konkrete Big-Data-Beispiele

Die Strategie von Amazon, Salesforce und Oracle hat den Druck auf Anbieter erhöht, die eine eigene Cloud-Infrastruktur zwischen Rhein und Elbe bisher verweigert haben. Bestes Beispiel ist Microsoft: Der weltgrößte Softwarekonzern bedient den europäischen Markt mit Cloud-Produkten wie der Bürosoftware Office 365 bisher von Dublin und Amsterdam aus.

Billiges Marketing?

Das könnte sich ändern. „Bei unseren Großkunden erfreuen sich die klassischen Microsoft-Produkte, die in unseren Rechenzentren in Irland oder den Niederlanden betrieben werden, eines immer größeren Zuspruchs. Aber für den deutschen Mittelstand ist das offensichtlich noch nicht gut genug“, räumte Microsoft-Deutschland-Chef Christian Illek Mitte September ein. Der Aufbau einer deutschen Cloud sei zwar noch nicht beschlossen, „aber wir prüfen das derzeit“, so Illek.

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Allerdings sieht nicht jeder Branchenkenner die Vorstöße der Amerikaner positiv: „Das ist billiges Marketing und dient einzig dazu, den Kunden zu beruhigen“, schimpft Axel Oppermann, Chef der Beratung Avispador mit Sitz in Kassel. Der rechtliche Rahmen verändere sich durch hiesige Infrastruktur nicht, so Oppermann: „Nur weil ein Rechenzentrum in Deutschland betrieben wird, bedeutet das nicht automatisch, dass die Kundendaten den europäischen Wirtschaftsraum nicht verlassen.“ Grund: Zumindest auf gerichtliche Anordnung könnten auch Betreiber in Deutschland zur Herausgabe von Daten an US-Behörden gezwungen werden.

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