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US-Gründermesse Fantasien aus der Wüste

Die Demo ist die prestigeträchtigste Gründermesse der Welt. Unternehmer stellen derzeit im kalifornischen Palm Desert ihre neuesten Ideen vor.

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Pulse

Die Dame auf Sitz 6e des Alaska Airline Flugs von San Francisco nach Palm Springs ist genervt. „Ja, wir haben es ins Wall Street Journal geschafft und auch in die New York Times“, spricht sie in ihr Handy. „Allerdings nur mit ein paar Sätzen. Wir müssen was drastisches machen, was aufregendes.“

Gelegenheit haben sie und ihr Auftraggeber Leapfrog, der interaktive Bücher für Kinder entwickelt hat, in den nächsten 72 Stunden reichlich. Der Flieger ist heute bis auf den letzten Platz belegt. Die Mehrheit der Passagiere hat ein Ziel: Den Wüsten-Kurort Palm Desert. Dort, wo es Amerikas gut betuchte Pensionäre zum Golfspielen und Sterben hinzieht, läuft noch bis Mittwochabend die prestigeträchtige Startup-Messe der Welt – die Demo. Die Konferenz ist Kult. Der ehemalige Kolumnist des US-Wirtschaftsmagazins Fortune und heutige Wagnisfinanzierer Stewart Alsop hat sie in den 80-er Jahren ins Leben gerufen.

Hightech-Pioniere wie Tivo, Palm und Skype stellten hier erstmals ihre Produkte vor. Dass sich die Demo trotz heftiger Konkurrenz und allerlei Wirtschaftsabschwüngen gehalten hat, liegt vor allem an Alsops Nachfolgerin Chris Shipley. Die Journalistin ist fast das ganze Jahr beschäftigt, aus rund 800 Bewerbern die interessantesten Unternehmen auszuwählen.

In diesem Jahr sind es 77 Firmen, die dem Auditorium aus Geldgebern, Firmenaufkäufern und Journalisten sechs Minuten lang ihre Mission erläutern dürfen. Dieses Privileg ist teuer. Rund 18.000 Dollar kosten die Kurzpräsentation auf der Bühne plus Stand in der Messehalle.

Objektiv ist die Demo nicht. Was gut ist, wird nicht allein durchs Produkt oder die Idee entschieden, sondern auch, wer sich den Auftritt finanziell leisten kann. Aber es lohnt sich. Teilnehmer MooBella, der vor zwei Jahren seine Linux-gesteuerte Eiskreme-Maschine vorstellte, sackte später satte 25 Millionen Dollar in einer neuen Finanzierungsrunde ein. Und dann ist da noch die versammelte Schar der Elite-Technologiekolumnisten der USA, deren Urteil über Erfolg und Untergang eines Startups entscheiden oder es zumindest nachhaltig beeinflussen kann.

Die glorreichen drei sind in Palm Desert vertreten - Walt Mossberg vom Wall Street Journal, Stephen Wildstrom von der Business Week und Edward Baig von USA Today. Flankiert werden sie von Angel Investoren und Scouts von Google, Yahoo und Microsoft.

Ihnen wird eine bunte Show geboten, von 21-jährigen Studienabbrechern, gestandenen Technologieveteranen, Idealisten, geschliffenen Marketing-Profis und etwas schwer verständlichen Hightech-Unternehmern aus China. Man möge meinen, der Kampf um die Vorherrschaft bei den sozialen Netzwerken sei durch Facebook, Linkedin und Myspace entscheiden. Doch es gibt noch immer Geld für solche Netze und so präsentieren sich auch auf der Demo Firmen wie Moli.com, Redux.com und Huddle.net.

Greenplug

So glaubt David McIntosh eine Marktlücke im umkämpften Geschäft der sozialen Netzwerke ausgemacht zu haben. Seine Kreation Redux, die er gemeinsam mit einem Ex-Mitarbeiter von Facebook entwickelte, will Wildfremde übers Internet zusammenbringen. Wenn man in eine neue Stadt zieht, sagen wir mal San Francisco, fragt Redux Vorlieben sowie Hobbys ab und schlägt anhand der Aussagen passende Bekannte vor. Finanzieren soll sich das Ganze mit Werbung. Wer angibt, mehr als drei Paar Sportschuhe zu besitzen und regelmäßig zu joggen, bekommt auf seiner Seite Anzeigen von Nike eingespielt. „Die Daten geben wir natürlich nicht raus“, versichert McIntosh, der mit 21 Jahren noch ganz am Anfang seiner Gründer-Laufbahn steht.

Und dann sind da noch furchtlose Veteranen wie Kevin Merritt und David Kaufman, die sich mit neuen Produkten in die von Platzhirschen wie Microsoft oder dem Finanzsoftwareanbieter Intuit belegten Märkte drängeln. Merritt hat mit Blist eine elegante Datenbanksoftware entwickelt – Werbespruch: „Die unkompliziertes Datenbank der Welt“. Kaufman, Gründer von Voyant, hat sein Leben einer Finanzplanungssoftware gewidmet und präsentiert sie mit Worten wie sie nur ein Ingenieur wählen kann: „Und jetzt schauen wir mal, wie sich die finanzielle Situation der Familie verändert, wenn beide Eltern in den nächsten zwei Jahren versterben.“ Nicht gut, ist die kurze Antwort.

Und dann ist da noch Frank Paniagua, der die Armada von Stromadaptern für Laptops, Mobiltelefon und MP3-Player durch eine universelle Lösung Greenplug ersetzen will. Gemeinsam mit Technikchef Gus Pabon, lange Jahre bei Apple für Stromadapter verantwortlich, hat er einen Chip entwickelt, der automatisch die angeschlossenen Geräte erkennt, die Stromzufuhr regelt und sich automatisch abschaltet, wenn die Akkus geladen sind.

Paniagua und Pabon sind nicht die ersten, die sich an dem Problem versuchen. Knackpunkt ist, dass Computer- und Unterhaltungselektronikhersteller gar kein Interesse an einem universellen Adapter haben. Mit einem als Zubehör verkauften Adapter lässt sich mehr Profit erwirtschaften als mit einem knallhart kalkulierten Notebook.

Auch Nicholas Lewis ist Idealist. Der Neuseeländer treibt eine Art soziales Netzwerk voran, wobei „Aktionsnetzwerk“ der bessere Begriff ist. Statt massenhaft echte oder Pseudo-Bekannte für sein Profil zu rekrutieren, setzt  Celsias auf das gemeinsame Organisieren von Projekten – in diesem Fall das Einsammeln von Spenden und Auswählen von Umweltprojekten. Das Geschäftsmodell sind Spenden, Provisionen aus dem Verkauf von als sinnvoll eingestufter Umwelttechnik sowie Sponsoringgelder von durch Firmen finanzierten Umweltprojekten.

SpeakLike

Sanford Cohen, ein Serienunternehmer, will mit Speaklike erreichen, dass sich die Welt besser versteht. „Maschinelle Übersetzung wird immer besser, aber sie ersetzen erfahrene Dolmetscher nicht“, sagt Cohen. Seine Software schaltet über das Internet menschliche Übersetzer hinzu, die genau verfolgen, was die Maschine übersetzt und bei Unsinn korrigieren. Erster Nutzer ist ein Anbieter von Medizintechnik, der seine Kunden im Ausland von US-Experten beraten lassen will.

Abgerechnet werden soll nach Zeit oder Wortmenge. “Es wird billiger als ein Live-Übersetzer”, verspricht Cohen.

So richtig umwerfend sind die Ideen und Produkte der Demo 2008 nicht. Bis auf eine Ausnahme. Der Stift der Firma Livescribe hat das Zeug zum Bestseller. Das in Oakland angesiedelte Unternehmen hat ein Hightech-Schreibgerät entwickelt, das wie ein edler Montblanc-Füller anmutet. Der Pulse genannte Stift ist eigentlich ein ummantelter Mini-Computer. Er überträgt schriftliche Notizen an den Computer, erkennt Texte automatisch und nimmt Vorlesungen, Interviews oder Gespräche auf. Notizen lassen sich so mit Audio-Sequenzen unterlegen. Um sie abzuspielen, tippt man einfach die Notiz an.

Neu ist das Konzept nicht, die Infrarotkamera in der Stiftspitze basierte auf Technologie der schwedischen Firma Anoto. Sowohl Anoto als auch Logitech bieten einen ähnlichen Stift an. Doch der von Livescriebe ist eleganter, preiswerter und kann wesentlich mehr. Profit will das Unternehmen nicht mit dem Verkauf der Hardware oder dem Spezialpapier machen. Sie setzt auf zusätzliche Software, die aus dem Stift beispielsweise einen automatischen Übersetzer samt Sprachausgabe macht.

Auf das Spezialpapier lassen sich außerdem Applikationen im wahrsten Sinne des Wortes drucken, die der Stift erkennt – also beispielsweise ein Taschenrechner, ein Piano oder ein Keyboard.

Die Ergebnisse werden auf dem Oled-Displays des Stiftes oder den eingebauten Lautsprecher wiedergegeben. Kostenpunkt: Ab März in den USA für 149 Dollar im Handel beziehungsweise im Internet.

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