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Valley Talk

Im Internet gibt es keine Privatsphäre

Matthias Hohensee Quelle: Frank Beer für WirtschaftsWoche
Matthias Hohensee Korrespondent (Silicon Valley)

Die Cyberschnüffelei der US-Sicherheitsbehörden im Netz ließe sich unterbinden. Wenn Politik und Web-Konzerne Interesse daran hätten.

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"Sollte es das Programm geben, machen wir nicht mit"
Die „Washington Post“ und die britische Zeitung „Guardian“ berichten über ein bislang unbekanntes Abhörprogramm der US-Sicherheitsbehörden. Einige Folien einer Präsentation zum Programm „PRISM“ nennen Firmen, die demnach den Behörden weitreichenden Zugriff auf ihre Daten gestatten. Dazu gehört Apple, der Hersteller von Smartphones („iPhone“), Tablets und Computern. Das Unternehmen teilte mit: „Wir haben noch nie von PRISM gehört. Wir gewähren keiner Regierungsbehörde direkte Zugang zu unseren Servern und alle Behörden, die Kundendaten beantragen, müssen einen Gerichtsbeschluss erhalten haben.“ Quelle: dpa
Auch Google steht auf der Liste. Einer Präsentationsfolie zu PRISM zufolge, ist der Datenzugriff zwar abhängig vom jeweiligen Internetdienst, kann jedoch Daten wie E-Mail, Chat, Fotos und hochgeladene Dateien umfassen. Google sagt zu den Vorwürfen, dass es „keine Hintertür“ in die eigenen Systeme gebe. Quelle: AP
Auch die Google-Tochter YouTube steht auf der Liste. Video-Dateien sollen auch zum Umfang des Abhörprogramms gehören. Quelle: dpa
Auch das soziale Netzwerk Facebook hat die Anschuldigungen dementiert. „Wir gewähren keiner Regierungsorganisation direkten Zugriff auf Facebook-Server. Wenn von Facebook Daten zu spezifischen Individuen verlangt werden, prüfen wir gründlich, ob Anfragen dieser Art den anwendbaren Gesetzen entsprechen und geben Informationen nur in dem Umfang heraus, wie es das Gesetz verlangt.“ Quelle: dapd
Der veröffentlichen PRISM-Präsentation zufolge ist Microsoft bereits seit 2007 an dem Programm beteiligt. Auch der Windows-Hersteller und Anbieter von E-Mail-Diensten und Suchmaschinen weist die Vorwürfe zurück. Das Unternehmen gebe „niemals auf freiwilliger Basis“ Daten heraus, sondern nur auf Basis eines richterlichen Beschlusses. Außerdem dürften sich diese Beschlüsse nur direkt auf einzelne Accounts beziehen. Quelle: dpa
Auch der Internettelefonie-Dienst Skype steht auf der PRISM-Liste. „Sollte die Regierung ein größeres, freiwilliges Programm haben, um Kundendaten zu sammeln, nehmen wir daran nicht teil“, schreibt Microsoft in seinem Dementi. Quelle: dapd
Das Internet-Portal Yahoo steht angeblich seit Dezember 2008 für das Programm zur Verfügung. Das Unternehmen teilte dazu mit, den Datenschutz sehr ernst zu nehmen. „Wir gewähren der Regierung keinen direkten Zugriff auf unsere Server, Systeme oder Netzwerke.“ Quelle: AP

Anfang der Neunzigerjahre klagten deutsche Sicherheitsbehörden, dass die abhörsicheren Mobilfunknetze ihnen die Strafverfolgung erschweren. Und selbst als wenige Jahre später Lauscheinrichtungen direkt in den Netzen installiert waren, jammerten sie noch, um Kriminelle in trügerischer Sicherheit zu wiegen. Heute weiß selbst der dümmste Dieb, dass sein Handy sich nicht nur abhören, sondern auch orten lässt.

Genauso ist es mit dem Internet. Verbergen können sich in dessen digitalen Weiten nur auf das Verschleiern ihrer Spuren spezialisierte Experten oder Cyberkriminelle, die von ihren Regierungen nicht verfolgt oder sogar bewusst geschützt werden.

„Im Internet gibt es keine Privatsphäre“, erklärte Ende der Neunzigerjahre schon Scott McNeally nüchtern. „Nur wer naiv ist, sieht das anders“, bekräftigte der Silicon-Valley-Computerpionier und Mitgründer von Sun Microsystems, als ich ihn damals nach Datenschutz im Internet befragte.

Das Gespräch fiel mir ein, als durch einen an die Öffentlichkeit lancierten geheimen Gerichtsbescheid bekannt wurde, wie US-Behörden Telefongespräche und E-Mails auswerten, um, wie Präsident Obama klarstellte, Terroristen und Kriminellen das Handwerk zu legen. Im Silicon Valley überrascht die digitale Schnüffelei niemanden.

So lesen Deutsche Behörden mit

Befremdlich ist eher, dass die staatlichen Schlapphüte angeblich direkt auf die Server der Online-Giganten Google, Facebook, Twitter, Yahoo, Apple und Microsoft zugreifen können, ohne dass die IT-Konzerne davon wissen. Was die betroffenen Unternehmen allerdings dementieren. Bislang war nur bekannt, dass die Internet-Unternehmen per Gerichtsbescheid Daten ausfiltern müssen.

Dabei ließe sich der in den Bürgerrechten garantierte Schutz des Privaten sicherstellen (und auch Cyberspione hätten es schwerer), wenn Internet-Anbieter und -Nutzer die Online-Kommunikation wirksam verschlüsselten. Nur wollen genau das weder Regierungen noch Internet-Giganten.

Die Geschäftsmodelle fußen auf Datenauswertung

Woher die meisten Cyber-Angriffe kommen
Platz 10Mit 204.000 kommen die wenigstens Cyberangriffe in dieser Aufzählung aus Brasilien. Die Zahlen basieren auf den Angriffen, die Sensoren der Telekom im April 2013 weltweit registriert haben. Quelle: Deutsche Telekom /// Angriffe, die Sensoren der Telekom im April 2013 weltweit registriert haben Quelle: dapd
Platz 9 Aus Großbritannien gibt es 229.000 Cyberangriffe. Quelle: dpa
Platz 8 262.000 Angriffe kamen im April aus Ungarn. Quelle: Blumenbüro Holland/dpa/gms
Platz 7312.000 der Cyberangriffe wurden von der Telekom aus Australien registriert. Quelle: REUTERS
Platz 6Aus Taiwan kamen 359.000 "Angriffe". Quelle: dpa
Platz 5 Der Blick über einen Teil der rumänischen Hauptstadt Bukarest: Aus Rumänien wurden 370.000 Cyberangriffe registriert. Quelle: dpa
Platz 4 Mit 491.000 kommt eine knappe halbe Millionen der Angriffe, die Sensoren der Telekom im April 2013 weltweit registriert haben, aus den USA. Quelle: REUTERS

Denn die Behörden könnten dann nichts mehr mitverfolgen. Und die Geschäftsmodelle von Google, Facebook & Co. fußen ja darauf, dass sie die Daten auswerten werden können, um Werbung bereitzustellen, etwa in den kostenlosen Diensten. Genau deshalb nötigt Yahoo gerade den Nutzern seines E-Mail-Dienstes die Zustimmung zur Analyse der elektronischen Post ab.

Deutsche Politiker sollte die „Abhöraffäre“ endlich aufrütteln. Besonders weil US-Politiker nonchalant erklären, dass hauptsächlich die Kommunikation von Ausländern ausgewertet wird. Es sind eben nicht nur die Chinesen, die im Ausland eifrig Daten sammeln. Cloud-Computing-Dienste werden fast gänzlich von US-Anbietern dominiert.

Zwar gibt es Gesetze, wonach Unternehmen des europäischen Wirtschaftsraums sensible Informationen auf Servern in der EU speichern müssen. Doch weil private und geschäftliche Nutzung des Internets immer mehr verschwimmen, reicht das nicht mehr aus. Und weil Anbieter aus den USA ohnehin US-Gesetzen unterliegen, ist es belanglos, ob deren Datenspeicher in Europa oder den USA stehen. Eigene Internet-Infrastrukturen deutscher Anbieter, abseits von Google, Facebook, Microsoft, Amazon und Co., könnten da zum Standortvorteil werden, beim Schutz (auch) von Geschäftsgeheimnissen.

Digitale Welt



Zwar scheint der Aufbau solch einer Infrastruktur in einer vernetzten Weltwirtschaft illusorisch. Androhen aber muss die Politik sie zumindest und wohl auch ein Verbot für Unternehmen, Online-Angebote ausländischer Anbieter im Geschäftsverkehr und zum Sichern sensibler Informationen zu nutzen.

Denn als Folge würden US-Unternehmen ihre Lobbyisten in Washington losschicken, damit diese angesichts drohender Wettbewerbsnachteile im Internet Alarm schlagen. Und wirtschaftlicher Druck würde die US-Politik am besten dazu bringen, ihre Überwachungsmethoden zu überdenken.

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