Valley Talk

Streaming-Dienste hängen am seidenen Faden

Matthias Hohensee Quelle: Frank Beer für WirtschaftsWoche
Matthias Hohensee Korrespondent (Silicon Valley)

Internet-Musikdienste erleben einen trügerischen Boom. Bisher nämlich floriert die Branche nur, weil die Investoren die Zeche zahlen.

Die bekanntesten Musik-Portale im Internet
Amazon startet Prime Music in Deutschland und Österreich - als Bestandteil von Amazon Prime ohne zusätzliche Kosten. Quelle: obs
Apple Music Quelle: dpa
Die seit März 2012 existierende Plattform Spotify bietet mehr als 30 Millionen Songs an. Eine Gratis-Version erlaubt das Anhören der Musik mit Werbeunterbrechungen. Zusätzliche Premiumfunktionen wie das Downloaden von Liedern sind wie bei den meisten Streaming-Angeboten kostenpflichtig. Nach eigenen Angaben hat Spotify mehr als 75 Millionen Nutzer, 20 Millionen von ihnen zahlen. Der Streaming-Dienst ist in 58 Ländern verfügbar. Preis: kostenlos bis 9,99 Euro monatlich
Die Streaming-Plattform Deezer ist vor allem in Frankreich sehr beliebt. 2007 startete sie als erster Gratis-Streamingdienst auf dem Markt. Heute kostet eine Mitgliedschaft, wie auch bei vielen anderen Diensten, Geld. Kostenlos gibt es nur ein Radio-Angebot und Lied-Ausschnitte. Die Plattform ist mittlerweile in mehr als 180 Ländern verfügbar. Preis: kostenlos bis 9,99 Euro monatlich Quelle: Screenshot
Mit Ampya versucht die ProSiebenSat.1 Media seit 2011 auf dem boomenden Markt der Streaming-Dienste Fuß zu fassen. Beflügelt durch viel Werbung auf den TV-Kanälen des Medienunternehmens zählt Ampya zu den bekanntesten Diensten in Deutschland. 2014 wurde Ampya von Deezer mit dem Ziel übernommen, in Europa noch weiter zu wachsen. Preis: kostenlos bis 9,99 Euro monatlich Quelle: Screenshot
Seit 2012 ist WiMP aus der Bethaphase heraus. Gegründet wurde der Musikstreamingdienst in Norwegen, wo sein Mutterkonzern "Aspiro" sitzt. WiMP gibt es bis jetzt in fünf Ländern zu hören: Deutschland, Norwegen, Dänemark, Schweden und Polen. "Aspiro" spielt schon mit dem Gedanken WiMP auch in Finnland, Portugal, Österreich und der Schweiz zu etablieren. Mit einer hohen Sound-Qualität (gegen Aufpreis) und einem eigenen Redaktionsteam, das Musik empfiehlt, will sich WiMP von der Konkurrenz abheben. Preis: 4,99 bis 19,90 Euro monatlich
Napster startete als Musiktauschbörse und wurde schnell zur Plattform für illegale Raubkopien. Auf rechtlichen Druck der Musik-Industrie wurde die Plattform 2001 geschlossen. Der legale Streaming-Dienst gleichen Namens bietet mehr als 25 Millionen Songs und ist damit einer der größten überhaupt. Nach einer kostenlosen Testphase gibt es den Dienst allerdings nur noch gegen Geld. Preis: 7,95 bis 9,95 Euro monatlich Quelle: AP
Mit Google Play Music mischt auch der Internetgigant beim Musik-Streaming mit. In der Standard-Version können einzelne Musikstücke über Google gekauft oder eigene Mp3s in die Cloud geladen werden. Danach stehen sie zum Anhören über den Stream bereit. Die kostenpflichtige "All inclusive" Version ermöglicht den Zugriff auf Googles Musik-Bibliothek mit mehr als 30 Millionen Titeln. Eine Testversion ist 30 Tage kostenlos verfügbar. Preis: kostenlos bis 9,99 monatlich Quelle: Screenshot
Die Dienste des aus Ingolstadt stammenden Programms Juke sind nur über iOs und Android abzurufen. Die Plattform bietet zwar ein 14-tägiges Probe-Abo, jedoch nur einen einzigen Kostentarif, in dem alle Premiumfunktionen schon enthalten sind. Durch eine zweiwöchige, kostenlose Probeanmeldung bei Juke hat der User zusätzlich Zugriff auf Mixtapes und diverse Radiosender. Preis: 9,99 Euro monatlich Quelle: Screenshot
Die nach einem haitischen Tanzstil benannte Musik-Plattform rara bietet, ähnlich wie Rdio, Spotify und co., eine Musikauswahl von rund 22 Millionen Titeln. Auf Wunsch kann der User über rara Songs nach Stimmungslage sortieren und eine Multifunktionsplattform benutzen. Preis: 4,99 bis 9,99 Euro monatlich Quelle: Screenshot
Die von Skype-Mitgründer Janus Friis ins Leben gerufene Plattform Rdio startete erst 2012 in Deutschland. Mit etwa 32 Millionen Titeln in der Bibliothek und der Verfügbarkeit in 85 Ländern ist sie beim Angebot aber auf Augenhöhe mit der Konkurrenz. Preis: 4,99 bis 9,99 Euro monatlich Quelle: Screenshot
Simfy zählte einst zu den Marktführern in Deutschland. Doch das Unternehmen bekam Probleme, die Berliner Betreiberfirma wurde im Frühjahr 2015 aufgelöst. Große Plattenfirmen hatten dem Dienst die Lizenz entzogen. Simfy-Kunden werden an den Konkurrenten Deezer weitergeleitet. Quelle: Screenshot

Das Spielerparadies Las Vegas hat viele gute und schlechte Zeiten durchgemacht, seit es in den Vierzigerjahren von der Mafia aus der Taufe gehoben wurde. Drei Konstanten sind geblieben: Glücksspiel, Shows und die All-you-can-eat-Buffets.

Die Software- und Internet-Branche hat derzeit viel mit Las Vegas gemein. Mit Gratisofferten werben Unternehmen wie die Speicherdienste Dropbox, Box.net, Evernote oder der Marketingsoftwareanbieter Hootsuite um Nutzer. Die können in bester All-you-can-eat-Manier die Angebote testen. Wie bei den Kasinos steckt die Hoffnung dahinter, dass der Kunde länger bleibt und – besser noch – wiederkehrt. Für Showglanz sorgen derweil schwindelerregende Summen wie jene zehn Milliarden Dollar, mit denen Dropbox jüngst bewertet wurde.

Besondere Geschäftigkeit herrscht bei Online-Musikdiensten. Wer kostenlos grooven will, wird in den USA bei einer Armada von Anbietern fündig; vom schwedischen Marktführer Spotify über Rdio, Google Play, Rhapsody, Pandora, Microsofts Xbox Music bis zu Apples iTunes Radio. Der Markt ist völlig überlaufen, und doch starten noch Newcomer: wie der Kopfhörer- und Lautsprechervermarkter Beats Electronics, der gerade eine Kopie von Spotify startet.

Günstiger Pauschalpreis

Vorbild für alle ist der Online-Videoanbieter Netflix, der bereits den Jackpot gewonnen hat. Das Unternehmen aus dem Silicon Valley ist der größte und bekannteste Online-Videoanbieter, wird an der Börse mit 22 Milliarden Dollar bewertet und konnte vergangenes Jahr sogar 112 Millionen Dollar Gewinn ausweisen.

Mit Letzterem unterscheidet sich Netflix zudem von den meisten Nacheiferern. Wohl auch, weil Netflix-Gründer Reed Hastings das Las-Vegas-Modell am besten umgesetzt hat. Da gibt es den Zugang zum Buffet eben auch nicht für lau, sondern zum günstigen Pauschalpreis. Wer die Spielfilme und Serien auf Netflix legal schauen will, muss 7,95 Dollar pro Monat berappen.

Damit setzt sich Netflix von Unternehmen ab, die ihre Dienste kostenlos anbieten und mit Werbung finanzieren. Auch die kassieren zwar bei einer mehr oder minder überschaubaren Zahl von Kunden Geld für Premiumangebote – ohne Werbung und mit mehr Funktionen. Spotify etwa hat weltweit sechs Millionen zahlende Kunden. Doch die Konkurrenz ist so hart, dass kein Musikdienst die Abopreise erhöhen kann – und alle nur Investorengeld verbrennen.

Dass Netflix so herausragt, hat auch damit zu tun, dass die US-Telekomaufsichtsbehörde FCC bisher streng darüber wachte, dass die Telefongesellschaften und Kabelanbieter die Dienste von Internet-Firmen nicht torpedieren konnten. Doch inzwischen stellen US-Gerichte die sogenannte Netz-Neutralität infrage, die sichert, dass alle Angebote mit gleicher Priorität und Geschwindigkeit durchs Netz geleitet werden. Auf Dauer wird das die Kosten der Online-Dienste hoch treiben, weil sie für den Transport für ihrer Inhalte zahlen müssen.

Songbibliotheken gleichen sich sehr

Während bei Web-Speicheranbietern wie Evernote, Dropbox oder Box.net die Kunden selber für die Inhalte sorgen, müssen die Online-Musikdienste die Kosten der Songs einkalkulieren. Noch sind die Lizenzgebühren dafür niedrig. Doch Studios und Künstler wollen höhere Preise durchsetzen.

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Und während sich Netflix mit selber produzierten Videoserien von der Konkurrenz abheben kann – so wie es für jeden Geschmack unterschiedliche Buffets in Las Vegas gibt –, ist das bei den Musikdiensten schwerer. Ihre Songbibliotheken gleichen sich bis auf wenige Exklusivtitel.

Noch profitieren die Nutzer von der Konkurrenz. Doch das wird nicht so bleiben. Beobachter gehen davon aus, dass am Ende nur ein paar große Anbieter überleben werden. Dann ist Schluss mit der Flut der Gratisdienste. Auch da ist Las Vegas Vorbild: Am Ende gewinnt immer das Kasino.

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