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Valley Talk

Vor dem Sturm aufs Börsenparkett

Matthias Hohensee Quelle: Frank Beer für WirtschaftsWoche
Matthias Hohensee Korrespondent (Silicon Valley)

Das kommende Jahr bringt weitere Dynamik in die kalifornische Internet-Branche. Ob der Boom anhält oder die Wachstumsblase platzt, hängt vor allem am Erfolg von Twitter.

Social Media an der Börse
TwitterKurz vor dem Börsengang waren die Investoren heiß auf den Kurznachrichtendienst: Die Nachfrage nach der Aktie war so hoch, dass Twitter den Ausgabepreis von erst mindestens 17 Dollar auf 26 Dollar hochschrauben konnte. Das sieben Jahre alte Unternehmen, das noch nie auch nur in die Nähe von schwarzen Zahlen gekommen ist, war damit schon vor dem Läuten der Börsenglocke in New York gut 14 Milliarden Dollar wert. Am Ende des ersten Handelstages stand die Aktie dann sogar bei 44,90 Dollar. Twitter konnte die Investoren bislang überzeugen, dass die Wachstumsaussichten gut sind und mit dem Anziehen der Werbeerlöse auch die Gewinne folgen werden. Aber es gibt keine Garantie, dass diese Rechnung aufgeht. Und wie lange hält die Geduld der Börsianer, wenn erst einmal Quartal für Quartal weiterhin rote Zahlen in der Bilanz auftauchen sollten? Schließlich wird Twitter jetzt nicht mehr wie in den ersten Jahren im Verborgenen agieren können, sondern unter voller Transparenz. Zudem weisen Skeptiker darauf hin, dass das Wachstum abflache und Twitter mit 230 Millionen Nutzern weltweit immer noch nicht bei der breiten Masse angekommen ist. Quelle: REUTERS
Facebook soll einen Börsengang der Superlative planen Quelle: dpa
Der Internet-Gutscheindienst Groupon gab zum Börsenstart Anfang November 35 Millionen Aktien zum Preis von 20 Dollar aus Quelle: REUTERS
LinkedIn startete im April 2011 mit massiven Kursaufschlägen Quelle: REUTERS
Spiele-Anbieter Zynga Quelle: dapd
US-Portal Yelp hat erste Unterlagen bei der Börsenaufsicht eingereicht Quelle: dapd
Yandex Quelle: REUTERS

Was bringt das kommende Jahr für das Silicon Valley und die noch immer maßgeblich vom kalifornischen High-Tech-Tal beeinflusste Internet-Branche?

Absehbar ist, dass es eine Woge von Internet-Börsengängen geben wird. Auslöser ist der erfolgreiche IPO von Twitter an der New Yorker Börse, trotz der tiefroten Zahlen des Kurznachrichtendienstes. Als Kandidaten für den Gang aufs Parkett werden unter anderem die Online-Speicheranbieter Dropbox und Box gehandelt, der Datenverwalter Evernote sowie der Zimmervermittler AirBnB. Daneben könnten die Eventplattform Eventbrite, der Umfragedienstleister Survey Monkey und der Zahlungsdienst Square den IPO wagen.

Wahrscheinlich ist auch Glam Media dabei, der vom deutschen Burda Verlag mitfinanzierte Vermarkter von Inhalten für den gehobenen Lifestyle, und auch die digitale Pinnwand Pinterest. Deren Wert wird trotz magerer Umsätze bereits auf sechs Milliarden Dollar geschätzt. Und schließlich ist auch der von Facebook-Investor Peter Thiel finanzierte Datenauswerter Palantir ein potenzieller Börsenstarter.

Und so fließt weiter viel Geld ins Silicon Valley, obwohl Wagnisfinanziers inzwischen schon heiße Ohren bekommen wegen der Rekordbewertungen der Startups. Laut dem Marktforschungsunternehmen CB Insight ist es so viel Geld wie seit fünf Jahren nicht mehr. Das allerdings wird bevorzugt in spätere Runden gesteckt. Viel schwerer haben es Unternehmen, die nach dem Start Anschlussfinanzierungen suchen.

Was die Technik-Welt 2013 bewegt hat
20. Januar 2013Einst hat das Unternehmen Atari mit der Spielekonsole Atari 2600 den Markt bestimmt. Anfang des Jahres stellte das Unternehmen einen Insolvenzantrag für sein Geschäft in den USA. Bekannt wurde die Firma unter anderem mit Games-Titeln wie „Pong“ oder „Asteroids“. Quelle: Blumenbüro Holland/dpa/gms
20. Februar 2013Google gibt den Startschuss für Tests seiner Computer-Brille Google Glass. Zunächst bekommen rund 10.000 Nutzer in den USA das futurische Gerät mit Mini-Display und Kamera. Für 2014 wird der Anlauf der Serien-Produktion nicht ausgeschlossen. Quelle: AP/dpa
1. März 2013Google setzt seine neuen Datenschutz-Regeln in Kraft, das Bündeln und Auswerten von Informationen über verschiedene Dienste hinweg erlauben. Datenschützer gehen dagegen vor. Im November setzten sich Verbraucherschützer mit einer Klage in Berlin durch. Quelle: dpa
22. April 2013Die Deutsche Telekom erntet massive Kritik für den Plan einer Tempo-Bremse im Festnetz-Internet. Der Konzern will zum Jahr 2016 die Surf-Geschwindigkeit drosseln, wenn ein bestimmtes Datenvolumen verbraucht ist. Das Spottwort „Drosselkom“ macht die Runde. Quelle: dpa
14. Mai 2013Im Streit um die Arbeitsbedingungen beim Online-Händler Amazon in Deutschland gibt es den ersten Streik. Die Arbeitsniederlegungen gehen bis zum wichtigen Weihnachtsgeschäft weiter. Amazon kündigt neue Logistik-Standorte in Polen und Tschechien an. Quelle: dpa
20. Mai 2013Yahoo blättert auf der Jagd nach jungen Nutzern 1,1 Milliarden Dollar für die Blog-Plattform Tumblr hin. Gründer David Karp bleibt an Bord. Yahoo-Chefin Marissa Mayer kämpft gegen die Schwäche bei den Werbeerlösen an, während Rivalen wie Google und Facebook davonziehen. Quelle: dpa
5. Juni 2013Mit dem ersten Bericht zur Überwachung von Handy-Verbindungen bricht der NSA-Skandal aus. Die Papiere von Informant Edward Snowden enthüllen unter anderem, dass der US-Geheimdienst flächendeckend Internet-Aufsaugt und Kanzlerin Angela Merkel abgehört wurde. Quelle: dpa

Ein Grund für den Fokus auf späte Finanzierungsrunden ist die fürs nächste Jahr erwartete Zunahme von Unternehmensübernahmen. Viele US-Konzerne und Internet-Größen wie Facebook, Yahoo, Google oder Twitter haben reichlich Barreserven. Wie viel Geld tatsächlich für Übernahmen in den USA zur Verfügung steht, hängt auch von den Verhandlungen der US-Wirtschaftsverbände mit der Regierung ab. Sie wollen einen vergünstigten Steuersatz für im Ausland geparkte Gewinne erreichen.

Scheitert der Vorstoß, wären das hingegen gute Nachrichten für verkaufswillige High-Tech-Startups in Europa und dem Nahen Osten, an die die im Ausland gebunkerten Barreserven der US-Investoren fließen könnten. Apple etwa hat sich gerade schon für 350 Millionen Dollar den israelischen Bewegungssensorspezialisten PrimeSense gesichert, dessen Technologie Basis für die Steuerung von Microsofts Spielkonsole Xbox ist.

Warum alle Firmen gleichzeitig an die Börse möchten
Kion, Springer Science, Deutsche Annington – und dann auch noch Osram. Ende Juni und Anfang Juli werden sich die Firmenchefs der Neuzugänge an der Frankfurter Börse fast die Glocke in die Hand geben. Dabei ist der letzte normale Börsengang in Frankfurt – LEG Immobilien – dann schon fünf Monate her. Dass sich die Börsenkandidaten nun plötzlich drängeln, ist kein Zufall. Denn die Zeitfenster, auf die Unternehmen für einen erfolgreichen Börsengang angewiesen sind, sind – jedenfalls in Deutschland - eng. Im März, im Juni, im September und Mitte November werden deshalb die meisten Börsengänge gestartet. Quelle: dpa
„Es gibt Fenster, die man erwischen muss. Da müssen mehrere Faktoren zusammentreffen: Das Unternehmen muss bereit sein für einen Börsengang, der Markt muss stabil sein, aber auch der angepeilte Börsenplatz muss gut laufen“, sagt Martin Steinbach, der für die Unternehmensberatung Ernst & Young Börsengänge begleitet. „Der IPO-Eurostoxx-Performance-Index zeigt nach oben. Daher steht die Ampel derzeit auf Grün.“ Quelle: dpa
Die ZahlenDiese Voraussetzungen allein würden Börsengänge im Mai oder August noch nicht ausschließen. Doch hinzu kommen die rechtlichen Vorgaben. Die Zahlen, die die Unternehmen in ihrem Wertpapierprospekt verwenden, dürfen zur Erstnotiz nicht älter sein als 135 Tage, das sind viereinhalb Monate. „Sonst dürfen die Wirtschaftsprüfer die Zahlen nicht mehr beglaubigen“, erläutert Oliver Seiler, der als Wirtschaftsanwalt für die Kanzlei Allen & Overy an vielen Börsengängen mitarbeitet. Das heißt: Verweist der Börsenaspirant auf seine Geschäftszahlen zum Jahresende, muss er bis spätestens Mitte Mai an der Börse sein. Quelle: dpa
Der AusblickÄltere Zahlen würden die Investoren nervös machen - vor allem bei Unternehmen, deren Geschäft stark schwankt. Das begünstigt auch Börsengänge im zweiten Halbjahr. Denn dann wagen die Firmen einen Ausblick auf das kommende Jahr – und die meisten Investoren treffen ihre Kaufentscheidungen für neue Börsenwerte auf Basis der Erwartungen für das Folgejahr. Auch in den vergangenen Jahren hatten daher viele Kandidaten auf einen Termin im Herbst gesetzt – doch da kam regelmäßig eine Krise dazwischen. Die LEG, die ihren Börsengang im Januar auf Basis der Zwischenbilanz bis September 2012 gestartet hatte, war eine Ausnahme. „Je stabiler das Geschäftsmodell ist, desto eher kann das das wagen“, sagt Seiler. Quelle: REUTERS
Urlaubsszettel Quelle: Fotolia
Interne GründeDass Kion, Springer Science und Deutsche Annington auf den letzten Drücker kommen wollen, hat auch individuelle Gründe: Beim Gabelstapler-Konzern Kion musste erst der Einstieg des chinesischen Großaktionärs Weichai Power abgeschlossen sein, der größte deutsche Wohnungskonzern Annington hatte erst im April einen neuen Vorstandschef bekommen. Und beim Wissenschaftsverlag Springer Science versuchen die Eigner alternativ zu den Börsen-Vorbereitungen einen Käufer für das ganze Unternehmen zu finden. Endgültige Offerten werden erst in diesen Tagen erwartet. Quelle: dpa
Dass der Lichtkonzern Osram erst jetzt an die Börse kommt, ist eher Zufall: Aktionärsklagen gegen die Abspaltung hatten den Schritt zuvor verhindert. Doch auf die Sommerpause musste auch Osram achten. Zwar verschenkt Siemens die Papiere nur an die eigenen Aktionäre. Doch um eine Verkaufswelle großer Aktionäre - etwa von Indexfonds - nach dem Börsendebüt zu vermeiden, müssen Banker vorher neue Investoren für Osram-Aktien im Volumen von mehreren hundert Millionen Euro finden. Quelle: REUTERS

Noch mehr Geld wird wohl ein neues Gesetz lockermachen, dass es erstmals auch US-Kleinanlegern erlaubt, noch vor dem Börsengang Anteile an Wachstumsunternehmen zu erwerben. Das war wegen des Risikos lange umstritten. Und das Risiko steigt noch, weil durch die Geldflut zunächst einmal der Zwang für die Gründer sinkt, nachhaltig zu wirtschaften. Denn bis zu einem potenziellen Crash ist ja erst einmal genug Geld da. Parallelen zum Platzen der Dotcom-Blase vor gut einem Jahrzehnt drängen sich jedenfalls auf.

Klar ist auch: Das Silicon Valley entwickelt sich immer mehr zum Online-Werbetal. Google überholt gerade beim Umsatz die lokale Ikone Intel, die in den Achtziger- und Neunzigerjahren die Trends im High-Tech-Valley setzte. Im Gerangel um Werbegelder geht es vor allem um die Brosamen, die Google, Yahoo und Facebook dem Rest der Branche lassen. Vor allem Twitter, aber auch Pinterest stehen unter Druck nachzuweisen, dass ihre Dienste tatsächlich ausreichend Klientel erreichen. Das gilt auch für mobile Werbung. „Wenn die als lästiges Übel empfunden wird, haben wir als Branche ein Problem“, sagt Brian Wong, Gründer von Kiip, einem Vermarkter mobiler Werbung.

Umso mehr, als das Interesse der Unternehmen wächst, den Zusammenhang von geschalteter Werbung und erfolgten Verkäufen besser zu belegen. Im Silicon Valley arbeitet man unter anderem deshalb an der stärkeren Kooperation zwischen Kreditkartenanbietern, Online-Zahlungsdienstleistern und Händlern, um Werbewirkungen und Entscheidungsprozesse zu erfassen.

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Die Kardinalfrage für 2014 aber ist, ob der Boom anhält oder die Tech-Blase platzt. Nobelpreisträger Robert Shiller etwa ist sich ziemlich sicher, dass es zur Überhitzung kommt. Auch für den legendären Wagnisfinanzierer Michael Moritz von Sequoia Capital gehören Blasen zum Silicon Valley. Folglich ist die Kunst weniger, deren Platzen hervorzusagen, sondern das Wann, das Wieheftig und – vor allem – das betroffene Segment rechtzeitig zu identifizieren.

Ein gefährdeter Sektor sind Internet-Unternehmen, deren Geschäftsmodell vorrangig auf Internet-Werbung gründet. Hier ist die Konkurrenz einfach zu groß. Als einer der entscheidenden Indikatoren für das Wohlergehen der Wachstumswirtschaft hier im Silicon Valley gelten daher die derzeit noch tiefroten Geschäfte von Twitter.

Da sich dessen Erfolg aber erst gegen Ende des Jahres genauer absehen lässt, verschiebt sich der Knall womöglich noch einmal. Dann bebt das Tal erst 2015.

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