WiWo App Jetzt gratis testen
Anzeigen
Benachrichtigung aktivieren
Dürfen wir Sie in Ihrem Browser über die wichtigsten Themen der WirtschaftsWoche informieren? Sie erhalten 1 bis 3 Meldungen pro Tag.
Fast geschafft
Erlauben Sie www.wiwo.de, Ihnen Benachrichtigungen zu schicken. Dies können Sie in der Meldung Ihres Browsers bestätigen.
Benachrichtigungen erfolgreich aktiviert
Wir halten Sie ab sofort über die wichtigsten Themen der WirtschaftsWoche auf dem Laufenden. Sie erhalten 1 bis 3 Meldungen pro Tag.
Wiwo Web Push

Verrücktes Experiment Leben wie 1986

Zwölf Monate lebte eine kanadische Familie ohne moderne Kommunikationsgeräte, jetzt kehren sie in die Gegenwart zurück. Was sie während des Versuchs lernte.

Diese Technik! Dinge, die Ihre Kinder nicht mehr kennen
Früher war alles besser? Von wegen. Wer heutzutage einen Reise buchen will, geht nicht als erstes in ein Reisebüro, sondern sucht im Internet. Dort gibt es alles, individuell zusammenstellbar und vom heimischen Rechner aus. Quelle: dpa/dpaweb
Können Sie sich erinnern, wann Sie das letzte Mal bei der Auskunft angerufen haben, weil Sie eine Telefonnummer nicht gefunden haben? Halt: Kennen Sie eine Nummer, bei der Sie anrufen könnten? Eben. Quelle: dpa
Erinnern Sie sich noch? Irgendwann landete die Abholkarte in der Post, mit der jeder Haushalt sein persönliches Exemplar des Telefonbuchs und der Gelben Seiten ausgehändigt bekam. Zwar gibt es die Papierausgaben immer noch. Doch vieles spricht für die digitale Ausgabe - Verfügbarkeit, Aktualität und Benutzerfreundlichkeit sind da nur drei Argumente. Quelle: AP
Im Bücherregal machen die dicken Wälzer natürlich schon was her. Doch selbst Duden und Wörterbücher sind online deutlich bequemer zu benutzen als auf Papier. Quelle: dpa/dpaweb
Saßen Sie in ihrer Jugend auch sonntags vor dem Radio, um während der Chartsendung die Lieblingslieder auf Kassette aufzunehmen? Wie groß der Ärger doch jedes Mal war, wenn der Moderator in die letzten Sekunden des Songs hineinquasselte. Und wie gehütet wurde die eigens für einen aufgenommene Kassette der ersten großen Liebe. Heute ist alles digital. Kaum noch Musiksammlungen, die man beim ersten Date in der eigenen Wohnung durchsuchen kann. Dabei war das doch die perfekte Methode, schon frühzeitig Konfliktpotenzial aufgrund unterschiedlicher Geschmäcker aus dem Weg zu räumen. Quelle: REUTERS
Wie aufwändig es das Fotografieren und Austauschen von Fotos doch einmal war. Jetzt gibt es Fotos fast nur noch digital und wer die Printvariante bevorzugt, bekommt sie innerhalb weniger Minuten ausgedruckt. Quelle: dapd
Wer heute einmal nicht telefonieren kann, hat entweder gerade ein leeres Akku oder gehört zu der Minderheit, die sich bewusst gegen ein mobiles Telefon entschieden hat. Auf die Idee, ein öffentliches Telefon zu benutzen, kommen daher die wenigsten, weshalb die Telefonsäulen in den vergangenen Jahren immer mehr aus dem Stadtbild verschwunden sind. Quelle: AP

Die Kisten werden aus dem Keller geholt. Ein Fernsehgerät wird ausgepackt, ein Handy, vielleicht auch der Computer. Ein Jahr lang hatte die Familie McMillan-Patey in Guelph westlich von Toronto auf all die Geräte verzichtet, die heute den Alltag und die Kommunikation prägen, und sie in den Keller verbannt. Sie lebte technologisch auf dem Stand von 1986. Nun kehrt sie langsam in die Gegenwart zurück.

„Wir sind nicht anti-technologisch eingestellt“, sagt der 26-jährige Blair McMillan. „Aber wir wollten unseren Kindern die Möglichkeit geben zu erfahren, wie wir in unserer Kindheit lebten.“

Blair wurde ebenso wie seine Partnerin Morgan Patey im Jahr 1986 geboren. Es war das Jahr, in dem das Space Shuttle Challenger explodierte und sieben Astronauten tötete, in dem in Tschernobyl der Atomreaktor durchbrannte. Es war aber auch ein Zeitalter, das für die heute ganz Jungen fast steinzeitlich klingt – ohne Internet und email, Handy, Smartphone und Textmessages und TV mit Hunderten Kanälen.

Vor einem Jahr hatten die McMillan/Pateys ihr „Familienprojekt“ begonnen: zurück in das Jahr 1986. Am kommenden Sonntag, am 27. April, endet das Projekt. „Wir werden es nicht fortsetzen. Es war interessant, aber wenn man ins Arbeitsleben zurückkehren will, braucht man eigentlich Zugang zum Internet.“

Auslöser war vor mehr als einem Jahr die Erfahrung, dass bereits sein fünfjähriger Sohn Trey auf die Frage, ob er draußen spielen wolle, antwortete, „Nein, ich will auf meinem iPad spielen“. Als Blair dann auch noch Ratschläge von Medizinern hörte, Kinder sollten 30 Minuten an frischer Luft aktiv sein, begann das Grübeln. „Ich dachte daran, dass meine Eltern eher das Problem hatten, dass ich eine halbe Stunde still sitze“, erzählt Blair und streicht über seinen buschigen Schnurrbart im Stil der 1980-er Jahre, der ebenso wie seine Koteletten ordentlich gewachsen ist.

Der Videorekorder wurde wieder ausgepackt

Diese technischen Dinge können wir uns künftig sparen
WeckerHeutzutage lohnt es sich eigentlich nicht mehr, sich einen Wecker zuzulegen. Schließlich haben nicht nur Smartphones, sondern auch alte Handys eine Weckfunktion - Schlummertaste inklusive. Quelle: dpa
NavigationsgeräteUnd mit der entsprechenden Navigations-App sowie einer Halterung fürs Auto wird das Smartphone zum Navigationsgerät. Die Kosten für ein Navi können sich Verbraucher also schenken. Quelle: AP
DigitalkamerasGleiches gilt für Digitalkameras, deren Absatz auch entsprechend zurückgeht. 2013 wurden sechs Millionen Digitalkameras verkauft, 2011 waren es noch 8,2 Millionen. Für die Urlaubsschnappschüsse von Hobbyfotografen sind Smartphonekameras in den meisten Fällen völlig ausreichend und die Profis greifen ohnehin eher zu Spiegelreflexkameras. Quelle: dpa/dpaweb
VideokamerasGleiches gilt für Camcorder und Videokameras aller Art. Selbst die noch im Jahr 2007 so gehypte Flip-Kamera wurde vom Smartphone verdrängt. Der Hersteller der Flip-Kameras, Cisco, stellte die Produktion bereits ein. Quelle: REUTERS
KabelfernsehenUnd auch unsere Fernsehgewohnheiten haben sich - nicht nur wegen des Smartphones - verändert. Statt die Glotze anzuwerfen, schauen immer mehr Menschen Serien und Filme lieber online. Laut dem Branchenverband Bitkom sind derzeit mehr als 14 Millionen TV- und Videogeräte online. Wer sich also selber zu den Internet-Guckern zählt, kann künftig auf einen Kabelanschluss verzichten. Quelle: dpa
DVD-PlayerDurch Videos on demand und Streamingdienste wird langsam auch der DVD- oder Blue-Ray-Player obsolet. Bei den DVD-Verkäufen ist bereits ein Rückgang der Verkaufszahlen zu verzeichnen. Und wer sich wirklich ein neues Gerät zulegen will, sollte statt des DVD-Players lieber einen Blue-Ray-Player wählen: Der spielt beide Formate ab und liefert in der Regel eine bessere Bildqualität. Quelle: dpa
Portable KonsolenAuch die Spieleindustrie bekommt Smartphones in den Bilanzen zu spüren: Diese ersetzen nicht nur zunehmend die tragbaren Spielekonsolen, Handyspiele überholen sogar mitunter Computer- und Konsolenspiele. Quelle: dapd

Die Familie war erst vor zwei Jahren nach Guelph gezogen. Blair stammt aus der Region Guelph, Morgan aus der Provinz Alberta. Sie lebten zunächst in einem Apartment, zogen vor einem Jahr aber in ein Haus, das 1987 gebaut worden war und von der Inneneinrichtung dem Stil jener Zeit entsprach. „Keine Geräte aus rostfreiem Stahl“, erzählt Morgan. Blair, der bei einem Versicherungsunternehmen arbeitete, ließ sich beurlauben, um ganz Familienvater zu sein, während seine Partnerin ihren Job bei einem pharmazeutischen Unternehmen in Guelph behielt.

„Trey war zunächst gar nicht begeistert, denn er spielte gerne mit Morgans iPad“, erzählt Blair. Aber die Familie, zu der noch der zweijährige Denton gehört, gewöhnte sich an das neue Leben. Sie fand ein altes Fernsehgerät, das noch nicht für Kabelfernsehen gebaut war, dafür aber mit Anschluss für einen Videorecorder. „Wir benutzten das Fernsehgerät nur, um Videos anzusehen.“

Computer, zwei Smartphones, drei Bildschirme für HD-Fernsehen und iPod wurden in Kisten gepackt. Stattdessen kam ein Telefon mit Wählscheibe und Schnur ins Haus, ohne Anrufbeantworter. Puzzles wurden gekauft, Bausätze für Züge und viele andere Spielsachen. „Wir haben jetzt eine riesige Spielzeugsammlung“, sagt Blair. Wenn beim Essen oder Spielen Fragen aufkamen, dann wurde nicht gegoogelt, um die Antwort zu finden, sondern zur Enzyklopädie gegriffen und nachgeschaut.

Für Trey war es natürlich immer wieder eine Herausforderung, wenn er zu Freunden kam, in deren Haushalt die technologische Gegenwart präsent war. „Aber unsere Freunde haben unser Entscheidung akzeptiert und sich entsprechend verhalten, wenn Trey bei ihren Kindern war“, sagt Blair. Soweit es die Eltern mitbekommen haben, hat niemand Trey gehänselt, weil er kein iPad habe.

Und wie reagierte die Umgebung?

Diese Technik! Dinge, die Ihre Kinder nicht mehr kennen
Früher war alles besser? Von wegen. Wer heutzutage einen Reise buchen will, geht nicht als erstes in ein Reisebüro, sondern sucht im Internet. Dort gibt es alles, individuell zusammenstellbar und vom heimischen Rechner aus. Quelle: dpa/dpaweb
Können Sie sich erinnern, wann Sie das letzte Mal bei der Auskunft angerufen haben, weil Sie eine Telefonnummer nicht gefunden haben? Halt: Kennen Sie eine Nummer, bei der Sie anrufen könnten? Eben. Quelle: dpa
Erinnern Sie sich noch? Irgendwann landete die Abholkarte in der Post, mit der jeder Haushalt sein persönliches Exemplar des Telefonbuchs und der Gelben Seiten ausgehändigt bekam. Zwar gibt es die Papierausgaben immer noch. Doch vieles spricht für die digitale Ausgabe - Verfügbarkeit, Aktualität und Benutzerfreundlichkeit sind da nur drei Argumente. Quelle: AP
Im Bücherregal machen die dicken Wälzer natürlich schon was her. Doch selbst Duden und Wörterbücher sind online deutlich bequemer zu benutzen als auf Papier. Quelle: dpa/dpaweb
Saßen Sie in ihrer Jugend auch sonntags vor dem Radio, um während der Chartsendung die Lieblingslieder auf Kassette aufzunehmen? Wie groß der Ärger doch jedes Mal war, wenn der Moderator in die letzten Sekunden des Songs hineinquasselte. Und wie gehütet wurde die eigens für einen aufgenommene Kassette der ersten großen Liebe. Heute ist alles digital. Kaum noch Musiksammlungen, die man beim ersten Date in der eigenen Wohnung durchsuchen kann. Dabei war das doch die perfekte Methode, schon frühzeitig Konfliktpotenzial aufgrund unterschiedlicher Geschmäcker aus dem Weg zu räumen. Quelle: REUTERS
Wie aufwändig es das Fotografieren und Austauschen von Fotos doch einmal war. Jetzt gibt es Fotos fast nur noch digital und wer die Printvariante bevorzugt, bekommt sie innerhalb weniger Minuten ausgedruckt. Quelle: dapd
Wer heute einmal nicht telefonieren kann, hat entweder gerade ein leeres Akku oder gehört zu der Minderheit, die sich bewusst gegen ein mobiles Telefon entschieden hat. Auf die Idee, ein öffentliches Telefon zu benutzen, kommen daher die wenigsten, weshalb die Telefonsäulen in den vergangenen Jahren immer mehr aus dem Stadtbild verschwunden sind. Quelle: AP

Und wie reagierte die Umgebung? „Unsere Freunde fanden es ganz toll, was wir machen. Das sei gut für die Kinder, hörten wir. Aber niemand ist uns gefolgt“, sagt Blair rückblickend. Zu den eher enttäuschenden Erfahrungen gehört, dass die Kontakte mit manchen Freunden nachließen. Wer nicht textet oder auf Facebook präsent ist, ist von Informationen abgeschnitten.

Einige seien gar nicht auf die Idee gekommen zum Telefon zu greifen, um sie anzurufen, sagt Morgan. Selbst dass Freunde Nachwuchs bekamen, erfuhren sie verspätet. „Es ist etwas beängstigend, wie Kommunikation läuft.“ Auch für Kinder bestehe Kommunikation oft darin, dass man sich Nachrichten sendet anstatt sich zu treffen und miteinander zu reden.

Zum gemeinsamen Fernsehschauen kam ohnehin niemand, weil die Familie ja kein Kabelfernsehen hatte, und an ihrer Tür war ein Kasten angebracht, in dem Besucher ihre Handys, iPhones und iPads abgelegen konnten. Für manche war es wohl zu viel, für ein paar Stunden auf ihre Geräte zu verzichten. „Aber wir hatten ein sehr schönes Thanksgiving-Fest mit Freunden und Familie“, erzählt Blair. „Jeder gab sein Handy ab und wir hatten eine gute Zeit zusammen.“

In Arbeit
Bitte entschuldigen Sie. Dieses Element gibt es nicht mehr.

Noch weiß Blair nicht genau, wie es beruflich mit ihm weitergeht. Möglicherweise wird er als „Consultant“, als Berater tätig sein. „Vielleicht wollen andere Familien ja Hinweise und Hilfe, wie sie die richtige Balance zwischen der Nutzung der modernen Technologie und dem Familienleben finden.“

Zunächst aber werden einige der modernen Dinge, auf die die Familie McMillan-Patey ein Jahr verzichtete, wieder aktiviert. „Aber in Maßen“, meint Morgan, „wir wollen nicht in alte Verhaltensmuster zurückfallen.“ Ein Handy statt drei, dann vielleicht der Computer mit Internet, und der Fernsehapparat. „Das Fernsehgerät muss sein“, betont Blair. „Schließlich sind jetzt die Playoffspiele der NHL.“

Diesen Artikel teilen:
© Handelsblatt GmbH – Alle Rechte vorbehalten. Nutzungsrechte erwerben?
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%