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Von Nullen und Einsen

Das iPad-Wunder bleibt aus

Da ist es also, Apples "magisches und revolutionäres" Gerät - und es macht viele Dinge besser, die andere Tablet-Maschinen bislang nur halbherzig umsetzten. Ob es dem gigantischen Hype im Vorfeld gerecht wird, bleibt abzuwarten. Besonders Apple-Fans haben das Gefühl, der Konzern hätte noch deutlich stärker in die Trickkiste greifen müssen. wiwo.de-Technik-Kolumnist Ben Schwan geht es ähnlich.

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Apple Chef Steve Jobs stellt Quelle: AP

Monatelang brodelte es in der Gerüchteküche - und erst am Mittwoch kam es zum Klimax: Ein nach wie vor ziemlich dünner Steve Jobs präsentierte mit seinem Team aus Marketing-Boss Phil Schiller und Software-Vizepräsident Scott Forstall das Apple-Gerät, das schließlich dann doch iPad heißen sollte.

Eine neue mobile Kategorie soll es sein, die zwischen Smartphone und Laptop passt und mit einem knapp 10 Zoll großen Bildschirm (1024 mal 768 Bildpunkte, also leider nicht HD) Medieninhalte portabel macht. Preislich geht es ab 500 Dollar los, was sich am unteren Rand der Vorhersagen bewegte.

Hardware-technisch traf der Computerkonzern einige leidlich merkwürdige Entscheidungen, die die Geräteauswahl für den Kunden verkomplizieren dürften. So werden gleich sechs unterschiedliche Modelle des iPad verkauft. Sie unterscheiden sich durch die Speicherausstattung mit 16, 32 und maximal 64 GB - was für ein derartiges Gerät, das die Menschen mit Multimedia vollpacken werden, fast zu wenig ist - und die Art der Vernetzung. Letztere gibt es in den Geschmacksrichtungen reines WLAN sowie UMTS+WLAN. Bei der billigen WLAN-Version muss man allerdings aufpassen: Da sie keinen eingebauten GPS-Chip besitzt, wird es dort nichts mit den schönen, metergenauen ortsbasierten Diensten, allein WLAN-Basisstationen dürften zur Triangulation dienen.

Normale Handy-SIM-Karten funktionieren im iPad nicht

Die UMTS-Variante hat zum Glück A-GPS, doch ein Telefonieren ist auch mit Headset nicht möglich. (Eventuell sind aber Voice-over-IP-Anwendungen denkbar, wie man sie vom iPod touch kennt.) Lobenswert ist dafür, dass Apple die UMTS-Version des iPad vom Start weg ohne SIM-Lock, sprich: Kettung an einen einzelnen Mobilfunkanbieter, verkaufen will (für die USA ist das zumindest bestätigt). Allerdings nutzt das Gerät aus unerfindlichen Gründen statt der ganz normalen Handy-Chip-Karten so genannte Micro-SIMs, die bis dato fast kein Anbieter auf der Welt verwendet. Wer die Karte seines UMTS-Flatrate-Anschlusses also einfach ins iPad schieben will, kann das nicht tun.

Es bleibt abzuwarten, ob es zu SIM-Umtauschaktionen kommt - da die Micro-SIMs jedoch ohne Adapter nicht in reguläre Handys passen, weil sie bislang nur für Industrieanwendungen gedacht waren, gibt es dafür keinen echten Grund. Warum Apple sich für das neue Kartenformat entschied, ist bislang unklar. Der Computerkonzern ist allerdings bekannt dafür, alte Standards mal eben abrupt durch neue zu ersetzen - so hatte der erste iMac anno 1998 beispielsweise nur noch USB-Anschlüsse, obwohl es damals noch fast keine Geräte dafür gab.

Apple hält viel zurück

In anderen Bereichen gibt sich Apple dagegen beim iPad äußerst konservativ. Der Bildschirm hat einen erstaunlich breite Einfassung, die allein dem Anfassen dient, nicht aber für Gesten genutzt werden kann. Kameras, sowohl nach vorne als nach hinten schauend, fehlen - dabei wäre das iPad ein prima Videokonferenz-Werkzeug gewesen. Die Bedienung erfolgt allein durch das Tippen und Wischen auf dem Bildschirm direkt, Ideen, für die Apple sogar Patente besitzt - ein berührungsempfindlicher Rücken, beispielsweise -, wurden unterlassen.

Nur die Praxis kann zeigen, wie bequem das Tippen auf dem iPad ist. Während es bei iPhone und iPod touch aufgrund der Größe problemlos mit den Daumen funktioniert, muss man das iPad schon auf den Knien führen, um das fast Laptop-große virtuelle Keyboard bedienen zu können. (Die optional erhältliche iPad-Hülle, deren Preis wohl bei 40 Dollar liegt, enthält sogar einen Aufsteller, der das erleichert.) Dass Apple für den Schreibtisch sogar ein Dock mit in Hardware gegossener Tastatur (!) verkaufen will, ist ein Zeichen dafür, dass der Computerkonzern sich selbst erstaunlich unsicher war, wie die Leute das iPad denn nun "in Echt" nutzen werden. Ich sehe schon die Menschen mit der neuen Krankheit des chronischen schmerzenden Touchscreen-Arms, weil sie ständig aufgrund der fehlenden Maus ihre Hände zum Klicken heben müssen.

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