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Von Nullen und Einsen

Der ewige Speicher der Smartphones

Wenn die Affäre um Ortungsdaten auf dem iPhone eines belegt, dann ist es die Tatsache, welchen Informationsumfang moderne Smartphones mittlerweile vorhalten können. Tatsächlich haben die Geräte mittlerweile fast so viele Sinne wie ein Mensch: Sie hören, sehen, wissen, wenn sie bewegt werden und "fühlen" mit ihren Touchscreens. Die Wissenschaft findet diese tragbaren Supersensoren spannend, Datenschützer gruselig. Die Wahrheit, meint wiwo.de-Technik-Kolumnist Ben Schwan, liegt irgendwo dazwischen.

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Ortungsdaten eines iPads in Quelle: dpa

Alles nur ein Missverständnis: Wenn man Apple-Chef Steve Jobs Glauben schenkt, war die Affäre um die monatelange Speicherung von Ortungsdaten auf dem iPhone nicht viel mehr als eine technische Panne.

Erstens, so der Apple-Chef am Mittwoch in einem Exklusivinterview mit einer US-Zeitung, habe es sich nicht um Bewegungsinfos gehandelt. Sondern um eine Datenbank, die Nutzern wiederum auf Abruf ihre Position schneller durchgeben konnte, wenn der normale GPS-Chip nicht flott genug war. Zweitens habe es eine Verkettung mehrerer unglücklicher "Bugs" gegeben, die dazu führten, dass in der Datenbank mehr erfasst wurde als von Apple gewollt - das werde man nun per Software-Update schnell bereinigen.

Darf Apple das?

Dass sich aus der von Jobs eingeräumten "Hilfsdatenbank" wiederum zumindest recht grob schließen ließ, wo sich ein Nutzer aufhielt - und das über Monate: Sei's drum. Dass die Datei schlauerweise unverschlüsselt auf vielen Rechnern lag: Erstmal wurscht. "Echte" Bewegungsprofile auf wenige Meter genau waren es ja nie.

Nebenbei erfährt man dann - wer aufpasst, hätte es allerdings bereits seit letztem Sommer wissen können -, dass Apple Millionen iPhones und vermutlich auch iPads als "Crowdsourcing"-Quelle nutzt, um eine schicke Ortsdatenbank samt Verkehrsservice aufzubauen. Dazu hat man sich, soviel Recht und Ordnung muss sein, eine entsprechende Klausel in die iTunes-Lizenz eingebaut.

Hier ist der entsprechende Punkt: "Um standortbezogene Dienste auf Apple-Produkten anzubieten, können Apple und unsere Partner und Lizenznehmer präzise Standortdaten erheben, nutzen und weitergeben, einschließlich des geographischen Standorts Ihres Apple-Computers oder Geräts in Echtzeit." Allerdings würden diese Standortdaten "in anonymisierter Weise" erhoben, "persönlich identifiziert" soll man darüber nicht werden können. Wie stark jedoch anonymisiert wird - schmeißt das Unternehmen beispielsweise IP-Adressen weg? -, weiß nur Apple allein.

Nun gut, ich will Apple hier nicht als Singularität hinstellen. Eher ist es so, dass es den hippen Markenhersteller schlicht als Erstes erwischt hat. Google-Android-Geräte sammeln ebenfalls Infos etwa zum Aufbau eigener Ortsdatenbanken und Google hat auch noch die Suchdaten der Nutzer parat. (Es gibt zum Glück bislang keinerlei Indiz, dass es hier zu alptraumartigen Verknüpfungen kommt.) Auch Windows Phone 7 trackt und der Staat mit seinen Vorratsdaten bis vor kurzem natürlich auch. (Viel genauer als Apple, übrigens.)

Supersensor in der Hosentasche

Vielleicht, und das ist meine große persönliche Hoffnung, macht die Ortsdaten-Affäre nun mehr Menschen darauf aufmerksam, was für Supersensoren sie in ihrer Hosentasche mit sich herumtragen. Ein Smartphone hat Ohren (Mikrofon), Augen (ein bis zwei hochauflösende Kameras), kann "fühlen" (Touchscreen) und weiß stets, wo es ist (GPS) beziehungsweise wie es bewegt wird (Beschleunigungs- und Kreiselsensor). Das wird von Forschern mittlerweile genutzt, um erstaunliche Infos auszulesen oder die Geräte zum Gesundheitsmonitor zu machen.

Die andere Seite der Medaille ist die Tatsache, dass all die Speicher- und Erfasserei technisch wie finanziell kaum mehr etwas kostet. Ergo: Es wird mehr abgelegt, als nötig ist. Apples Programmierern fiel offenbar beim Bau ihrer Hilfsdatenbank nicht auf, dass sie problemlos monatelang Ortsinfos vorhalten konnte, die paar Megabyte störten nicht. Ein weiteres Beispiel: In jedem Bild, das mit einem modernen Smartphone geknipst wird, befinden sich, sollte man es nicht extra abgedreht haben, GPS-Infos über den Ort der Aufnahme. Stellt man solche Fotos nur oft genug ins Internet, lässt sich mit wenig Mühe ein Bewegungsprofil rekonstruieren. All das passiert einfach nebenbei.

Es wird nicht mehr lange dauern, bis jeder einzelne Anruf, den wir auf unseren Smartphones tätigen, rein zur Bequemlichkeit als Audiodatei mitsamt KI-technisch erfasstem Text vorliegt - Googles "Voice"-Dienst macht das für Voicemail-Anrufe bereits. Wir speichern also noch und nöcher und unsere Smartphones helfen uns dabei. Die Frage ist nur: Warum erkennen wir immer erst dann, welche gefährlichen Informationshaufen wir produzieren, wenn mal wieder irgendeine Datenschutzaffäre durch die Medien geistert?

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