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Von Nullen und Einsen

Einfach mal abschalten

Der Informationsüberfluss, der heutzutage dank RSS, Facebook, Twitter und Co. auf durchschnittliche Nutzer einprasselt, ist kaum mehr zu handhaben - wer nur kurze Zeit offline ist, hat schnell das Gefühl, den Anschluss zu verlieren. Dabei tut eine freiwillige Datendiät ab und an durchaus gut.

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Peter Lustig, früherer Quelle: dpa

Erinnert sich noch jemand an die gute, alte Originalfassung der ZDF-Kindersendung "Löwenzahn"? Als der Moderator Peter Lustig ihr noch vorstand, hatte dieser ein wunderbares Ritual: Jedes Mal kurz vorm Abspann wies er seine kleinen Zuseher an, doch nun endlich den Aus-Knopf des Fernsehers zu betätigen, damit sie mal wieder raus an die frische Luft kämen und mit ihren Freunden spielen sollten.

Heutzutage wirken solche Aufforderungen erschreckend nostalgisch. Dabei wären sie im Zusammenhang mit unserer längst suchtartige Züge annehmenden Internet-Nutzung eigentlich ab und an ganz gut. Ich gebe mal kurz ein Beispiel, was ein Tag im Netz für mich bedeutet - ich mag als auf Technologie abonnierter Journalist und Nachrichtenjunkie zwar ein Extrembeispiel sein, doch gibt es inzwischen garantiert viele Menschen, die ähnlich arbeiten.

Gerade ist es 16 Uhr geworden. Seit heute Morgen habe ich gut 60 RSS-Feeds ungefähr 30 Mal gecheckt. Dabei kamen insgesamt 300 neue Nachrichten heraus, die ich mir auf etwa 50 tatsächliche Neuigkeiten herunter destilliert habe. Auf Twitter liefen derweil rund 1000 Botschaften von mich interessierenden Menschen aus Medien, Wirtschaft und Technologie ein, von denen ich allerdings nur rund ein Drittel wirklich lese, das meiste wird nur gescannt und auf interessante Links abgeklopft. An E-Mails hatte ich heute eher einen ruhigen Tag, es müssen vielleicht 15 Botschaften mit wichtigem bis mittelwichtigem Inhalt gewesen sein. Der Spam-Count - ich habe zum Glück einen hervorragenden Filter - liegt bei zirka 600. Parallel habe ich diverse Websites abgesurft, deren RSS-Feed ich aus verschiedenen Gründen nicht nutze - manchmal zu viel Output, manchmal einfach uninteressant.

Macht zusammen verdammt viel Material, das es zu sichten und zu überblicken gab. Und in private Dinge wie soziale Netzwerke habe ich noch gar nicht hineingeschaut - und geschrieben auch erst zwei kleine Storys ...

Ich muss diesen ganzen Kram lesen, um auf meinem Fachgebiet auf dem Stand der Dinge zu sein, um darüber berichten und Entwicklungen bewerten zu können. Das ist mein Job. Eine kleine Neigung zu ADHS kommt mir dabei sicher zu Gute. Andererseits bedeutet dieser enorme Infohaufen auch, dass ich, sollte ich einmal nicht am Schreibtisch sitzen oder mobil am Laptop oder Smartphone arbeiten können, schnell das Gefühl bekomme, etwas zu verpassen. Und da bin ich kein Einzelfall. Die Sucht nach Neuem ist längst universal, egal ob es nun neue Botschaften bei StudiVZ oder harte News sind.

Natürlich, die Art des Zugriffes auf Informationen wird immer bequemer. Inzwischen laufen wir mit Hardware herum, von der wir vor fünf Jahren nicht einmal träumen konnten, wie iPhone oder Acht-Stunden-am-Stück-Notebooks mit HDTV-Bildschirm.

Aber manchmal kommen mir wirklich Zweifel, was ich tatsächlich versäumen würde, wenn ich infomäßig etwas weniger abhängig wäre. Ich bin der festen Überzeugung, dass es in wenigen Jahren Menschen (oder Softwareagenten) geben wird, die nichts anderes tun, als Infos für andere aufzubereiten, die keine Zeit dafür haben, sich mit all den Neuentwicklungen auseinander zu setzen. Denn Zeit und Nichterreichbarkeit, das wird immer klarer, sind eines der teuersten Güter dieser Datengesellschaft. (Um den Journalismus ist mir deshalb übrigens eigentlich nicht bange.)

Und was tun wir, um uns dann doch einmal auf eine einzige Sache zu konzentrieren? Inzwischen gibt es sogar Programme, die speziell darauf ausgelegt sind, Ablenkungen am Rechner zu minimieren, etwa indem sie den User allein auf den Text fixieren oder ganz radikal die Netzverbindung trennen.

Nun gehöre ich noch zu einer Generation, die in ihrer Jugend erlebt hat, dass es auch ohne ständigen Ping aus dem Handy geht. Ich kenne es noch, dass man mal ein Buch ganz ohne Musikuntermalung lesen konnte und erinnere mich an eine Zeit, an der man zehn Minuten vorspulen musste, nur um an das geliebte letzte Lied auf der C-120-Compactcassette zu gelangen. (Autoreverse und später tragbare CD-Player waren eine echte Offenbarung.)

Heutige Jugendliche haben überhaupt kein Problem damit, gleichzeitig Facebook, lustige YouTube-Videos, iTunes und den Fernseher "offen" zu haben. Die Gehirnstrukturen, das wissen Forscher inzwischen, verändern sich jedenfalls aufgrund des ständigen Inputs. Vielleicht gehöre ich mit meiner Sehnsucht nach etwas Ruhe ja schon zum alten Eisen.

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