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Von Nullen und Einsen

Facebook wird Datenschutzfeind Nummer eins

Wenn es nach dem 25-jährigen Facebook-Gründer Mark Zuckerberg geht, dann wird das Web bald mit "Ich mag das"-Buttons überzogen. Das soziale Netzwerk versucht, sich immer stärker in bestehende Internet-Angebote zu integrieren - was diese aufgrund der Nutzermassen, die das bringen kann, auch freudig und freiwillig mitmachen. wiwo.de-Technik-Kolumnist Ben Schwan fragt sich, wie klug das ist.

Mark Zuckerberg will das Quelle: AP

Mark Zuckerberg war sich seiner Sache sicher: "Da werden wir also hingehen und diese Politik loswerden", sagte der Facebook-Gründer bei seiner Ansprache zur "f8"-Entwicklerkonferenz  vor wenigen Tagen unter Applaus der Anwesenden. Gemeint war die bis dato geltende und datenschutztechnisch äußerst sinnvolle Praxis des sozialen Netzwerks, laut der Partnerfirmen von Facebook erhaltene Nutzerdaten maximal 24 Stunden ablegen oder zwischenspeichern ("Store or Cache") durften. Nun dürfen sie die Infos deutlich länger auf den eigenen Servern behalten, was es Usern erheblich schwerer machen wird, eventuell entfleuchte sensible Profildaten wieder einzufangen - sie könnten ja bei "Farmville" oder einer der Abertausend anderen Facebook-Anwendungen stecken.

Die neue "Store or Cache"-Regelung ist nur eines von zahlreichen Beispielen, bei denen das Facebook-Management mit dem Schutz der Privatsphäre seiner laut eigenen Angaben mittlerweile 400 Millionen Kunden geradezu willentlich grob umgeht. Es scheint so, als ob hinter all diesen Skandalen und Skandälchen System steckt. Und so gab der in diesem Jahr biblische 26 Jahre alt werdende Zuckerberg bereits selbst zu, die Definition von Privatheit habe sich in den letzten Jahren seiner Meinung nach deutlich verändert. Nutzer wollten jetzt "teilen". "Die gesellschaftliche Norm ist eine andere." Dem schließe man sich schlicht an.

Bald gibt es kein Entkommen mehr

Ich habe hier jetzt nicht vor, wie weiland Verbraucherschutzministerin Ilse Aigner zum großen Facebook-Wehklagen anzusetzen (Vorratsdatenspeicherungs-Heuchelei, anyone?) und schließlich zu drohen, meinen Account zu schließen. Ich weiß, wie Facebook funktioniert und was Facebook will. Allerdings ist schon wahr, was viele Datenschützer raten: Nur mit einer großen Portion Vorsicht und restriktiven Nutzereinstellungen kann man das soziale Netzwerk heutzutage noch vernünftig nutzen, ohne in Privatsphärenfallen zu tappen.

Und es dürfte noch schlimmer werden, weil es bald kein Entkommen mehr geben wird. Langsam aber sicher entfaltet sich der eigentliche Spielplan, den Zuckerberg und Co. in den nächsten Monaten und Jahren verfolgen werden. Dabei geht es vor allem darum, Facebook als festen Bestandteil der Netzinfrastruktur zu etablieren. Während man zu Google als Anlaufstelle noch willentlich "gehen" muss, um nach Inhalten zu suchen oder Kommunikationsdienste in Anspruch zu nehmen, wird Facebook uns künftig auf Schritt und Tritt begleiten.

Erstaunlicherweise muss der Konzern dazu erstaunlich wenig tun. Websites vom gigantischen Providerportal über das viel genutzte Nachrichtenangebot bis hin zu ersten E-Commerce-Anbietern nutzen "Facebook Connect", damit sich Nutzer mit ihrer Social Networking-Identität einloggen können. Andere betreiben Fan-Seiten und werden bald die nächste Stufe der Integration zünden - den überall zu findenden "Ich mag das"-Knopf ("Like-Button"). Mit diesem kann dann auf jeder Website vermerkt werden, ob man sie mag, eingespielt wird das dann ins eigene Facebook-Profil und Facebook kann sammeln, was gerade wirklich populär ist.

Das ganze Netz wird sozial

Zuckerberg präsentierte seine Vision eines "offenen Graphen" der Benutzerbeziehungen auf der "f8" anhand des Bewertungsportals Yelp. Künftig soll es möglich sein, all seine Freunde, all seine Interessen und diverse andere Profilinfos wie die Ortsangabe "überall im Netz mitzunehmen". Dann sieht Yelp beispielsweise, dass man in Stadt X wohnt und Freunde Z und Y diese oder jene Kneipe mögen. "So wird das gesamte Netz sozial."

Blöd nur, dass all diese Infos dann künftig an einer zentralen Stelle zusammenlaufen - Facebook eben. Wie die meisten Menschen inzwischen wissen, sammelt Google seit langem intimste Infos über seine Nutzer - die Suchanfragen eben. Doch das, was in einem Facebook-Netz an Daten anfällt, ist wesentlich detaillierter und damit für jeden Schnüffler interessanter, weil es eben Beziehungsinfos sind. Wenn Geheimdienste oder Polizeibehörden heute einen Verdächtigen abhören, sind ihnen die Gesprächsinhalte erstaunlich egal. Viel wichtiger ist es, zu wissen, wer mit wem wann kommuniziert. Da wird aus dem offenen Graphen eine offene Dystopie.

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