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Von Nullen und Einsen

Freiwillig freizügig

Soziale Netzwerke laden zum Seelenstriptease ein, ortsbasierte Dienste machen uns zu jeder Minute des Tages trackbar: Das Erstaunliche an dieser neuen Überwachungsgesellschaft sind nicht die vielfältigen technischen Möglichkeiten zur Schnüffelei, sondern die Menschen, die sich so freigiebig beobachten lassen, meint wiwo.de-Technik-Kolumnist Ben Schwan.

Ben Schwan

Vor ein paar Tagen hat Google seinem Portfolio an mobilen Internet-Diensten ein ganz besonderes Feature hinzugefügt: Latitude, jener sowieso schon datenschutztechnisch reichlich umstrittene "Finde meine Freunde auf der Landkarte"-Service, speichert seither auf Wunsch auch eine so genannte Location History, sprich: den Verlauf aller Orte, an denen sich Nutzer und Handy jemals befanden.

Bei Google hält man die Funktion für eine prima Idee: So könne man ja beispielsweise am Abend sehen, wo genau man am Tage diesen tollen Barbecue-Laden gefunden habe, schreibt der verantwortliche Softwareingenieur Chris Lambert treuherzig. Latitude könne zudem jetzt automatisch feststellen, ob sich der Ort, an dem man sich gerade aufhält, auf der täglichen Standardroute befindet. Ist das nicht der Fall, informiere der Dienst einen künftig automatisch über Freunde, die sich außer der Reihe in der Nähe aufhalten.

Problembewusstsein entsteht erst im Notfall

Sie sehen schon: Latitude ist eine Art Stalking-Dienst mit Turbolader, den man selbst aktiviert. Bei Google betont man, der Nutzer habe jederzeit die Kontrolle darüber, was an "Ortsgeschichte" gespeichert wird. Der Öffentlichkeit oder Freunden zugänglich machen könne man die Daten nicht. Dass es ausreicht, Google-Accountname und Passwort des Latitude-Überwachten zu besitzen, um dessen Wege zurückzuverfolgen (und beides wird durchaus gehackt), stört da nur.

Google ist nicht der einzige Dienst dieser Art - Services wie Loopt oder Foursquare arbeiten ähnlich und posaunen Ortsangaben auf Wunsch sogar automatisch in soziale Netzwerke wie Twitter oder Facebook, wo sich die Menschheit sowieso schon einem dauerhaften Seelenstripteaser hingibt.

Natürlich ist es irgendwie witzig, am Abend nach einem Trip durch eine unbekannte Stadt nochmals nachverfolgen zu können, wo man überall war - GPS-Tracker etwa für Kameras verkaufen sich nicht umsonst seit Jahren äußerst gut. Aber wieso man derart sensible Daten dann gleich ins Internet stellen muss, ist mir ehrlich gesagt ein Rätsel. Bin ich vielleicht zu alt, um so etwas zu verstehen? (Ja, ich erinnere mich noch an die Volkszählung, liebe Kids.)

Einzelne Nutzer merken häufig erst dann die Problematik all dieser Datenerfassungen, wenn mit ihren gesammelten Informationen etwas schief läuft - sei es über Spamaktionen, per illegitimer Lastschrift abgeräumte Girokonten, beinhartes Stalking oder Schlimmeres. Polizeibehörden freuen sich unterdessen über die erleichterte Ermittlungsarbeit - die haben schon ihre Fühler hin zu den ortsbasierten Diensten ausgestreckt oder sammeln gelöschte Mails von E-Mail-Dienstleistern

Aufklärung steht an erster Stelle

Hinzu kommen kleine Dinge, auf die niemand mehr achtet. E-Mails flitzen auch heute,  18 Jahre nach Vorstellung adäquater Verschlüsselungslösungen, noch immer meistens im Klartext durchs Netz. Internet-Telefonie (VOIP) lässt sich auf dem Weg zwischen Anrufer und Angerufenem ebenfalls dank standardmäßig fehlender Chiffrierung seit langem erstaunlich leicht mitlauschen. Parallel dazu sind Standardtechnologien, die eine Art wackeligen Status-Quo in Sachen Internet-Sicherheit aufrecht erhalten, akut durch Sicherheitslücken und Dauerattacken gefährdet.

Die Lösung all dieser Probleme wird nicht leicht. Was wir brauchen, ist eine vernünftige Mischung zwischen Schutz der Privatsphäre und Sicherstellung der Innovationskraft der Industrie. Ein Recht auf Anonymität gegenüber Dienstleistern, die keine privaten Daten brauchen, gehört meiner Meinung nach genauso dazu, wie endlich gut funktionierende Auskunftsverfahren darüber, was überhaupt gespeichert wird. Das Problem dabei ist allerdings, dass weder auf Seiten der Nutzer genügend Druck gemacht wird, noch auf Seiten der Politik, weil man mit Datenschutz (noch) keine Wahlen gewinnen kann.

Netzbürgerrechtler und Datenschutzaktivisten müssen deshalb vor allem eines tun: Aufklären. Den Usern muss klar werden, welche Mengen persönlicher Daten sie wirklich hinterlassen und (wichtiger) was damit potenziell angestellt werden könnte. Eventuell läuft das auf eine Schocktherapie hinaus, von der wir in den letzten Monaten einen ersten Vorgeschmack erleben konnten. Eine Überwachungsgesellschaft, die zunehmend auf die Naivität ihrer Bürger gegenüber Wirtschaft und Staat baut, kann nur durch diese auch aufgehalten werden.

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