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Von Nullen und Einsen

Medien vor der digitalen Revolution

Die Zukunft der Medien ist digital. Doch wie wird dieses Ziel erreicht? Nicht jede Technik ist die ideale. Ein gutes Beispiel sind die derzeit noch wenig überzeugenden elektronischen Lesegeräte für Bücher und Zeitschriften. Ob IT-Riesen wie Microsoft oder Apple helfen können?

Ben Schwan

Ich bin, was neue Technik anbetrifft, ein geduldiger Mensch. Ich bin gerne bereit, mir unfertige Produkte zu kaufen - falls sie mir die Industrie in Form von zu rezensierenden Testmustern nicht sowieso schon von sich aus in den Briefkasten schiebt - und habe beispielsweise schon Generationen von Mobiltelefonen kaputt gespielt. Die Anzahl der Rechner und anderer IT-Produkte, die mein Heim via Paketdienst erreichen und durch den Müllschlucker wieder verlassen haben, gilt in meinem Freundeskreis als legendär.

Um es kurz zu fassen: Ich bin, was die Industrie einen "Early Adopter" nennt, und habe vor, dies bis ins hohe Alter auch zu bleiben. (Mein Opa, Besitzer des ersten Fernsehers in unserer Stadt, schraubte noch jenseits der 75 eigene Schaltungen zusammen. Irgendwas davon muss ich geerbt haben.)

Dementsprechend freudig erwarte ich auch die Digitalisierung sämtlicher Mediengattungen - schon allein aus Platzgründen. Aus meterlangen CD-Sammlungen werden klitzekleine Musikspieler, DVD-Berge landen in Form von Videodienste-Downloads auf der Festplatte, einst in dicken Ordnern abzuheftende Papier-Rechnungen kommen per E-Mail ins Haus und die aktuellen Nachrichten zu 90 Prozent aus dem Web, wo sich ja bekanntlich inzwischen multimedial alles findet.

Was jedoch seit Jahren nicht so recht digital werden will, sind Bücher und Zeitschriften. E-Book-Lesegeräte existieren bereits seit dem Ende des vergangenen Jahrhunderts. Durchgesetzt hat sich bis dato keine der Plattformen, auch wenn der Hype um die elektronischen Bücher seit knapp zwei Jahren wieder in vollem Schwung zu sein scheint, weil die so genannte E-Ink-Technologie Bildschirme erlaubt, die zwar noch vergleichsweise dunkel, dafür aber papierähnlich scharf sind.

Es herrscht Einheitsbrei

Die Palette an verfügbaren Geräten wirkt allerdings, wenn man ehrlich ist, eher unspannend. Noch herrscht Einheitsbrei, denn die verwendete Technik, namentlich erwähntes E-Ink-Display, ist fast überall dabei. Amazon scheint mit seinen inzwischen bereits drei verschiedenen Kindle-Generationen Marktführer zu sein. Allerdings weiß das niemand so genau, weil der E-Commerce-Konzern nach wie vor keine Verkaufszahlen seiner Lesegeräte angibt - eine Tatsache, die neulich Steve Jobs zu der hübsch-schnippischen Bemerkung veranlasste, ein Unternehmen würde sich doch sicher kommunikativer geben, wenn es von einem Produkt besonders viel absetze.

Die beiden aktuell verfügbaren Kindles, das verbesserte zweite Standardmodell mit sechs Zoll und der etwas größere DX mit 9,7, sind zwar inzwischen durchaus bedienbar und bieten ein gut sortiertes Buchangebot zum Bestseller-Einheitspreis von 10 Dollar. Auch die Idee, den Vertrieb der Inhalte über ein kostenloses Drahtlosnetz abzuwickeln, in diesem Fall gestellt vom US-Mobilfunkanbieter Sprint, ist prima. Allerdings endet da schon die Sexiness des mausgrauen Geräts.

Kindle: Designtechnisch eher mittelmäßig

Denn: Irgendwie ist der Kindle designtechnisch so mittelmäßig, dass man sich selbst als Early Adopter nur schwer dazu entscheiden kann, wirklich die notwendigen 300 bis 489 Dollar zu investieren. Hinzu kommt, dass der Kindle nach wie vor nur in den USA angeboten wird. Europaversionen nähern sich zwar langsam und stellen technisch eigentlich kein Problem dar. Doch Amazon hat trotz Verhandlungen noch keinen vernünftigen Mobilfunkpartner gefunden, der die Nutzer nicht monatsweise zur Kasse bitten würde.

Beim zweitgrößten Anbieter Sony fehlt es meiner Meinung nach ebenfalls an technischer Brillanz. Das hat zum einen damit zu tun, dass hier zu Lande lange Zeit ein völlig veraltetes Modell des hauseigenen Readers angeboten wurde. Inzwischen stehen neue Varianten, darunter eine berührungsempfindliche, in den Startlöchern. Doch was ich davon auf der letzten IFA sehen konnte, haute mich nicht vom Hocker - so wird das Display nach wie vor derart langsam angesteuert, dass man mit dem beigelegten Stift kaum vernünftig malen kann.

Andere E-Book-Anbieter setzen ebenfalls auf E-Ink und jeweils unterschiedliche Oberflächen. Der wohl interessanteste davon ist das Berliner Start-up Txtr, dessen Gerät im Oktober auf den Markt kommen soll - samt Verkaufsplattform a la iTunes und ausgefeilter Software, die zu wichtigen Teilen Open-Source sein soll.

Formate-Chaos bei Geräten

Den verschiedenen E-Buch-Plattformen gemein bleibt das Formate-Chaos. Zwar gibt es mit ePUB inzwischen einen weitläufig akzeptierten Standard (Amazon kocht allerdings eine Extrawurst), doch enthält der möglicherweise inkompatible Rechtemanagement-Komponenten, mit denen die Nutzer geknebelt werden. So dürfen Verlage etwa darüber entscheiden, ob man ein Buch auch auf einen anderen Reader übertragen kann oder nicht. Und so dümpelt das Geschäft mit Geräten und E-Books aktuell eher vor sich hin, anstatt wirklich wild zu boomen.

Vielleicht müssen erst IT-Riesen in den Markt einsteigen, damit es massenwirksame Impulse gibt. So gerüchtelt es seit einigen Wochen verschärft vor sich hin, dass Apple im Januar eine Art Riesen-iPhone vorstellen wird, das dank 10-Zoll-Farbbildschirm multimedial ist, sich aber auch prima für Bücher und Zeitschriften eignet. Verhandlungen mit Verlagen laufen angeblich schon. Und auch Microsoft möchte im Reader-Geschäft mitmischen. Die neuartige elektronische Kladde "Courier", von der seit einigen Tagen Prototypen-Videos durch das Netz geistern, wäre sicher ebenfalls ein geeignetes Leseinstrument. Und sexy dazu.

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