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Von Nullen und Einsen

Rückzug ins Waldhäuschen

Der Druck aufs Netz durch Politik und Medienindustrie nimmt stetig zu, die Infoflut, die viele von uns wuschig macht, ebenso. Hinzu kommt das Potenzial als universelle Überwachungsmaschine. Zeit, sich digital abzunabeln? Wenn das mal so einfach wäre, schreibt wiwo.de-Technik-Kolumnist Ben Schwan.

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New World Order? Demonstranten Quelle: AP

Neulich hat mich eine Zahl reichlich geschockt. Sie lautet 8 Millionen und entspricht der Anzahl der GPS-Standortabfragen, die Gesetzeshüter in einem einzigen Jahr bei einem einzigen Mobilfunkprovider in den USA gestellt haben. Die alte Formel vom "If you build it, they will come" scheint dementsprechend auch für die metergenaue Überwachung der Bürger zu gelten: Seitdem es so viele schöne Daten über uns alle gibt, die bei Internet-Anbietern, Suchmaschinen und Handy-Netzfirmen bereit zum Pflücken vorliegen, erleichtert das die Arbeit von Geheimdiensten, Staatsanwaltschaften und Polizeibehörden ungemein und auch Unschuldige geraten schnell ins Überwachungsraster - da reicht nur ein Klick im Abhörportal.

Druck auf Netzgemeinde wächst

18 Monate speichern viele Suchmaschinen alle Sucheingaben mit IP-Nummern mindestens und damit unsere intimsten Wünsche. Mancher Mobilfunkanbieter sichert sogar jede aufgerufene Internet-Adresse für zwei Jahre. Wie oft solche und andere Angaben per "lawful intercept" von staatlichen Stellen abgefragt werden, darüber schweigt die Industrie gerne - es wäre ihr vermutlich zu peinlich, zuzugeben, dass inzwischen ganze mittelgroße Abteilungen mit der kommerziellen Schnüffelunterstützung beschäftigt sind, weil sonst die reguläre Geschäftstätigkeit der Telekom- und Internet-Riesen ins Stocken geriete.

Unterdessen wächst der Druck auf diejenigen, die aktiv am Netzleben teilnehmen. In diesem angeblich rechtsfreien Raum hat man sich schneller eine teure Abmahnung wegen unzulässiger Meinungsäußerungen eingefangen, als man in seinem Blog-Programm "Abschicken" anklicken kann. Die Medienindustrie bastelt parallel dazu im Konzert mit der Politik an rechtsstaatlich fragwürdigen Netzsperren, mit denen Nutzer bald enorm leicht ihren Anschluss verlieren könnten, wenn sie nur einmal zu viel des Dateitauschs verdächtigt werden.

Starkes Internet-Bürgertum gefordert!

Und dann wäre da noch die Datenflut, die täglich auf uns einströmt und selbst einen alten Feuilletonisten-Haudegen wie Frank Schirrmacher ganz wuschig macht und zum Wehklagen in Buchform anheben lässt, obwohl der doch tagtäglich mit Texten arbeiten, die das Leib- und Magen-Medium des Netzes sind. Tatsächlich fällt es auch einem Netzjunkie wie mir an manchen Tagen schwer, wirklich alle interessanten Nachrichten wegzulesen. Das Gefühl, das man dann tief in seinem Innern spürt, lässt sich nur mit schlechtem Gewissen beschreiben. Dabei war man doch auch früher ohne 500 verschiedene RSS- und Twitter-Feeds gut informiert, jedenfalls dachte man das immer.

Was ist also die Lösung? Ab in die Thoreausche Häuschen im Wald? Das kann ja eigentlich niemand wollen. Ich selbst musste vor kurzem mehrere Tage lang an einem mobilen Internet-Zugang verbringen, der mir nur ein knappes Megabit bescherte, wenn es hochkam. Nachdem die Breitbandleitung dann endlich wieder ging, schaute ich mir wie ein trinkender Wüstenwanderer in der Oase alle YouTube-Videos der letzten Woche an, die vor kurzem noch fünf Minuten zum Laden gebraucht hatten - man vermisst bekanntlich immer erst dann eine scheinbare Selbstverständlichkeit, wenn sie einmal weg ist. Ein Abnabelung von anderen Suchtmedien wie Mobiltelefon oder sogar nur E-Mail kommt bei den meisten von uns genauso wenig in Frage.

Da bleibt eigentlich nur, altbekannte Freiheitsrechte auf das Netz zu übertragen und ein starkes Internet-Bürgertum zu fördern, das sich gegen die ständigen Angriffe auf die Civil Liberties von staatlicher wie kommerzieller Seite wehrt. Gegen den Überfluss an Daten hilft nur vernünftiges Medientraining und die Stärke, zu Überflüssigem einmal schlicht "Nein" zu sagen, sprich: das Ignorieren des Unnötigen zu forcieren und das Wichtige hervorzuheben. Mag sein, dass das erst unsere Kinder wirklich lernen. Den Komfort des digitalen Lagerfeuers will ich persönlich aber nicht einmal im Waldhäuschen missen. Wie geht es Ihnen?

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