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Von Nullen und Einsen

Twitter zieht die Zügel an

Nach seinem Chefwechsel wird der Kurznachrichtendienst Twitter erwachsen und sucht dringend nach Erlösmodellen. Doch Twitter verärgert dabei seine Partner und riskiert, sein eigenes Ökosystem trockenzulegen.

Mann twittert mit seinem Quelle: dapd

Bei der aktuellen Katastrophe in Japan hat Twitter einmal mehr gezeigt, was es kann: Menschen werden schnell mit Informationen versorgt, direkte Kontakte hergestellt, Ad-hoc-Gemeinschaften gebildet. Der Kurznachrichtendienst ist für viele User mittlerweile nicht mehr aus ihrem täglichen Online-Leben wegzudenken.

Zwar gibt es regionale Unterschiede - der Hype etwa in den USA, wo kein Star mehr ohne eigene Tweet-Verbreitung auskommt, ist noch immer etwas größer als z.B. in Deutschland. Doch die 140-Zeichen-Kommunikation an sich ist längst zu einem Internet-Standard geworden. Auch diejenigen, denen etwa Facebook mit all seinen - nicht immer positiven - Möglichkeiten zu wuselig ist, finden hier eine mögliche Social-Networking-Heimat.

Bei all dem schönen Nutzerwachstum - eine Milliarde Tweets gehen mittlerweile jede Woche heraus - bleibt eine zentrale Frage allerdings nach wie vor unbeantwortet. Sie lautet: Welches Geschäftsmodell hat Twitter überhaupt? Da mag der Dienst in diesen Tagen ruhig fünf Jahre alt werden, echtes Geld verdient er nämlich noch immer nicht. Die Antwort auf die Frage ist auch etwas komplex.

Tabula Rasa bei Großinvestitionen

Wenn man ein wenig sarkastisch sein wollte, könnte man sagen, dass Twitter momentan ein Risikokapital-finanziertes Geschenk an seine User ist. Wie in den schönsten Silicon-Valley-Märchen üblich, haben die Macher erst einmal etwas aufgebaut, um Nutzermassen anzuziehen - ohne großartig darüber nachzudenken, wie sich das denn dann irgendwann rechnen könnte. Die vielen "Eyeballs", so die Devise seit frühesten Dot-Com-Tagen, würden ja wohl irgendwie zu "monetarisieren" sein.

Die Zeit, dies zu tun, scheint jetzt gekommen. In den letzten Monaten hat sich bei Twitter im Management viel getan. Mit Dick Costolo kam ein "Erwachsener" an die Macht und Ev Williams, der eigenbrötlerisch-kreative Mitbegründer-CEO, machte einen mehr oder minder freiwilligen Abgang. Seither herrscht, auch mit Blick auf weitere externe Großinvestitionen oder gar Börsengänge, eine Form von Tabula rasa.

Nachholbedarf bei Werbegeldern

Costolo ist seither dabei, mehr und mehr der von ihm als Kerngeschäft verstandenen Teile des Twitter-Services inhouse zu ziehen. Man muss dazu wissen, dass der Kurznachrichtendienst mehr oder minder mit und in der Community zu dem wurde, was er heute ist. Das liegt schon allein daran, dass enorm viele der Innovationen, die das Angebot auszeichnen, von außen kamen. Die Liste ist lang: Von den berühmten Hashtags (Einordnung von Tweets mit dem #-Zeichen) über die "@mentions" (Erwähnungen anderer Nutzer) bis hin zu den Retweets (Tweet-Wiederholungen) - all das erfanden zunächst User und/oder Third-Party-Entwickler, also Programmierer, denen Twitter Zugriff auf seine Entwicklerschnittstelle (API) gegeben hatte. Von Anfang an umspülte den Dienst ein schnell wachsendes Ökosystem.

Twitter nahm diese Ideen dann entweder in seinen zentralen Dienst auf oder kaufte sich entsprechende Firmen (oder Programmierer) einfach ein. So ist die Suchfunktion des Dienstes ursprünglich extern entstanden und der offizielle Twitter-Client für iPhone und Mac wurde von einem (mittlerweile als Mitarbeiter eingestellten) Shareware-Entwickler programmiert.

Doch Costolo reicht dieser alte Ansatz des "Teile und herrsche" offenbar nicht. Er sieht glasklar, dass Twitter beispielsweise Werbegelder entgehen, wenn zahllose Nutzer ihre Tweets auf einer der vielen externen Apps betrachten. Die hatten Twitter einst überhaupt groß gemacht, war es früher doch gar nicht möglich, mit einer offiziellen Software etwa von einem Smartphone aus zu twittern.

Zwar betont das Unternehmen gerne, dass die meisten User mittlerweile über die eigene Website oder die hauseigenen Clients Twitter nutzten. Wenn man sich jedoch den Datentraffic ansieht, der auch die vielen Intensivnutzer erfasst, sieht es ganz anders aus: Da kommen dann gut 42 Prozent ganz ohne "Eyeballs" auf Twitter-eigene Produkte aus.

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