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Von Nullen und Einsen

Was Apples neues Betriebssystem taugt

Microsoft ruft im Herbst mit Windows 8 die Revolution aus, Apple setzt auf die Politik der kleinen Schritte: Mit Mountain Lion liegt seit kurzem das jüngste Betriebssystem für Mac-Rechner vor. Ein Erfahrungsbericht nach zwei Wochen Nutzung zeigt, ob sich die Anschaffung lohnt oder man den Berglöwen besser links liegen lässt.

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Apple Website Quelle: dapd

Apple hat für "Mountain Lion", sein jüngstes Rechnerbetriebssystem für Mac-Maschinen, auf seiner US-Website einen vollmundigen Werbespruch parat: "The world's most advanced desktop operating system gets even better." Man kann von solcherlei Propagandaaussagen halten, was man will, doch eines ist schon mal korrekt: OS X Mountain Lion ist besser als sein Vorgänger, der auf den Namen "OS X Lion" hörte - wenn nicht revolutionär, dann doch evolutionär.

Dabei folgt der Computerkonzern einer Strategie der kleinen Schritte, die ganz anders ist als beim großen Konkurrenten Microsoft. Dessen nächste Betriebssystemversion Windows 8 verspricht nicht weniger als eine Umkrempelung der PC-Nutzung - aus einem Desktop-Betriebssystem wird eine kombinierte Oberfläche für Tastaturcomputer und Tablet. Bei Apple werden beide Welten noch strikt getrennt: iPad und iPhone laufen mit dem für sie angepassten iOS, OS X auf Macs.

Was Apples "Mountain Lion" Neues bietet
Mac-Inhalte kommen groß rausMit dem kommenden Mac-Betriebssystem setzt Apple fort, was bereits mit Mac OS X Lion zu beobachten war: Funktionen aus dem mobilen Betriebssystem iOS für iPhone und iPad kommen nach auch auf den Mac. Dazu gehört bei OS X „Mountain Lion“ die Funktion Airplay Mirroring, die derzeit nur vom iPad beherrscht wird. Dabei kann mit Hilfe eines Apple TVs (119 Euro) der Bildschirminhalt des Macs in 720p-Auflösung auf einen Fernseher via WLAN gestreamt werden. Somit kann beispielsweise ein auf dem Mac vorhandener Film auf dem größeren TV-Gerät angesehen werden. Noch gibt es keine Apple-TV-Geräte, die Videos im zeitgemäßen Full-HD (1080p) unterstützen. Alle folgenden Screenshots des neuen Mac-Betriebssystems stammen von Apple.
Gemeinsam spielenAuch das von iPhone, iPad und iPod touch bekannte Game Center erhält Einzug auf dem Mac. In Spielen, die das Game Center unterstützen, können die Spieler via Internet gegeneinander antreten. Wie in einem sozialen Netzwerk gibt es im Game Center, Freunde. Somit lässt sich nicht nur gegen zufällige Gegner antreten, sondern auch gezielt gegen Freunde, die gerade online sind. Auch die Punktestände in verschiedenen Spielen von Freunden macht das Game Center transparent und fordert so zum Wettkampf heraus.
Speichern in der DatenwolkeApples Datenwolke iCloud ist bereits mit dem derzeit aktuellen Mac-Betriebssystem „Lion“ auf dem Mac eingezogen. Nachfolger „Mountain Lion“ soll sie noch besser integrieren. Die Idee der iCloud: Dokumente, Lesezeichen und Einstellungen werden nicht mehr lokal, sondern im Internet gespeichert - und sind somit immer überall auf jedem Gerät verfügbar, auch bei Verlust oder Zerstörung des Geräts. Nach wie vor ist die iCloud aber auch bei „Mountain Lion“ nur eine Option. Dokumente lassen sich auch weiterhin ganz normal auf die Festplatte speichern.
Speichern in der DatenwolkeApple verspricht, die iCloud lasse sich mit der kommenden Version leichter auf dem Mac einrichten. Es reicht, die Apple-ID einzutragen, die jeder Nutzer von iPad und iPhone bereits hat, um auf die auf anderen Apple-Geräten vorhandenen Kalender, Kontakte und Nachrichten zuzugreifen. Programme, die iCloud Documents unterstützen, speichern Dokumente auf Wunsch automatisch in verschiedenen Versionen im Internet statt auf der Festplatte. In der Datenwolke gespeicherte Dokumente sind auf allen Apple-Geräten vom Mac bis zum iPhone auf demselben Stand. Ältere Versionen lassen sich ebenfalls wiederherstellen. So soll nie wieder ein Dokument verloren gehen. Die Schnittstelle ist für alle Entwickler offen dokumentiert, sodass künftig viele Mac-Programme das Speichern in der Cloud unterstützen sollten.
Apples TorwächterNoch ist der Mac praktisch virenfrei. Schadsoftware gibt es trotz der steigenden Popularität des Apple-Betriebssystems bislang nur im Labor, nicht aber in freier Wildbahn. Dennoch arbeitet Apple weiter an der Verbesserung der Systemsicherheit - immerhin sagen Experten in schöner Regelmäßigkeit das Ende der virenfreien Zeit für den Mac voraus. Das mit „Mountain Lion“ neue eingeführte Programm Gatekeeper soll die Systemsicherheit des Macs erhöhen. Die Anwendung gibt dem Administrator eines Macs Kontrolle darüber, welcher Benutzer am Rechner das Rechte hat, welche Art von Programm zu installieren. Nutzer können so beispielsweise daran gehindert werden überhaupt Anwendungen zu installieren oder ihrem Account ist nur erlaubt, zertifizierte Anwendungen aus Apples App Store herunterzuladen. In jedem Fall werden mit der neuen Version des Mac-Betriebssystems alle Anwendungen vor der Installation auf bekannte Schadroutinen überprüft. Wird der eingebaute Virenscanner fündig, landet die Anwendung im Müll statt im Programme-Ordner.
Twitter an BordSchon für die aktuelle Version „Lion“ gab es Gerüchte über eine Integration von Facebook und Twitter. Beim „Mountain Lion“ ist der Kurznachrichtendienst mit an Bord und in andere Programm integriert. Wer in den Systemeinstellungen seinen Twitter-Account angibt, kann so beispielsweise ein Foto direkt aus einem Bild-Programm twittern.
Grenzenlos chattenMit der derzeit aktuellen Version von iOS hat Apple Messages eingeführt - auf deutsch Nachrichten. Es ist der zentrale Ort für alle Art von kurzen Textnachrichten. Neben SMS können zwischen mobilen Apple-Geräten iPhone, iPad und iPod touch unbegrenzt und kostenlos Textnachrichten, Bilder und Videos ausgetauscht werden. Mit „Mountain Lion“ kommt auch der Mac dazu, wo das Programm Nachrichten iChat ersetzt. Auf dem Mac werden allerdings auch weiterhin die Konkurrenz-Formate AIM, Jabber, Yahoo Messenger und Google Talk unterstützt, die iChat bislang unterstützte.

Nicht, dass Apple es sich nehmen ließe, iOS-Funktionen auf den Desktop zu holen - sinnvolle Features, etwa die von den Mobilgeräten bekannte Nachrichtenzentrale, sind nun in Mountain Lion gelandet. Doch grundsätzlich bleiben es getrennte Ansätze. Ich muss zugeben, dass mir das besser gefällt als bei Microsoft: Apple muss so keine Kompromisse eingehen und kann sich nur die iOS-Funktionen rauspicken, die auch passen. Windows 8 dagegen macht zwar - so legt es die neueste Vorabversion nahe - vieles gut, muss aber stets Kompromisse eingehen: Neben hippen Tablet-Freunden soll die Software ja auch noch konservativen Buchhaltungsabteilungen als PC-Grundlage dienen. Man springt damit zwischen "Metro", dem neuen Look, und der alten Desktop-Oberfläche hin und her.

Für langjährige Mac-Nutzer sieht Mountain Lion nach der erfreulich problemlosen Installation - Apple vertreibt sein Betriebssystem nur noch per Internet, eine Breitbandleitung wird vorausgesetzt - kaum anders aus als der Vorgänger. Die Unterschiede stecken im Detail. Dinge, die in Lion noch störend waren, etwa die kaum fassbaren Scrollbalken oder das nicht sehr hübsche Dock, in dem die Icons sitzen, wurden subtil überarbeitet - optisch aufgemöbelt oder grafisch so verändert, dass sie nützlicher oder zumindest schöner werden. Dank verbessertem Innenleben fühlt sich der Berglöwe auch schneller an, z.B. bei der Arbeit als Dateiserver. Das Unfertige, das Lion auszeichnete, weil es Apples erster Versuch war, mehr iOS-Elemente auf den Mac zu holen, ist weg.

Gottvertrauen auf Apple

Craig Federighi Quelle: REUTERS

Neben der Nachrichtenzentrale bietet Mountain Lion nun auch die iMessages-Funktion aus iOS. Damit ist es möglich, kostenlos Textbotschaften, Videos oder Bilder an Apple-Mobilgeräte zu versenden. Der Hauptvorteil der "Messages" genannten Anwendung liegt dabei darin, dass man bei der iMessage-Nutzung nicht mehr zum iOS-Gerät greifen muss. Alle Botschaften landen von nun an auf allen Maschinen eines Nutzers, sei er nun an Mac, iPhone oder iPad. Schlecht daran ist nur, dass es hier und da an Zuverlässigkeit mangelt: Apple bastelt im Hintergrund noch an der Infrastruktur, was dazu führen kann, das etwa ältere Konversationen fehlen. Die App Messages ersetzt außerdem das bei Mac-Nutzern beliebte iChat ersatzlos und lässt dabei einige Funktionen weg.

Ein weiterer Schwerpunkt in Mountain Lion ist Apples hauseigener Internet-Dienst iCloud. Dieser ist künftig direkt in einige Anwendungen eingebaut: So kann man Bilder und Dokumente über die "Vorschau"-App in sein persönliches Speicherfach befördern oder Texte aus "Pages" und Tabellen aus "Numbers". Störend daran ist, dass jede Anwendung ihren eigenen Bereich hat. Während man z.B. bei Dropbox mit echten Ordnern arbeitet, abstrahiert Apple diese bei iCloud: Man sieht dann nur in "Vorschau" die "Vorschau"-Dokumente, in "Pages" die "Pages"-Files und so weiter. Auch im Finder, dem zentralen Dateimanager, sind iCloud-Dokumente nur über die Suchfunktion auffindbar, einen zentralen Ordner gibt es nicht.

Nicht für alle Macs geeignet

Man muss außerdem Gottvertrauen auf Apple haben, dass die Daten sicher sind - immerhin kostet der iCloud-Dienst mit einem Speichervolumen von einigen GByte nichts. Abgeglichen werden auf Wunsch auch geöffnete Tabs im Browser Safari und verschiedene andere Dateiarten, die man in den Systemeinstellungen gegebenenfalls abwählen kann. Dabei arbeitet iCloud stets mit den persönlichen Geräten, also z.B. mit allen Macs oder iPhones. Mehr auf Teilen mit anderen ausgerichtet ist dagegen die neue Twitter-Funktionalität: Mit dieser können Anwendungen direkt Tweets an den Kurznachrichtendienst versenden. Im Herbst soll außerdem eine ähnlich arbeitende Facebook-Integration nachgereicht werden.

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    Ansonsten gibt es noch einige Kleinigkeiten, die Mountain Lion besser machen: Mit AirPlay kann man die Bildschirmausgabe drahtlos auf einen HD-Fernseher lenken, wenn an diesem die 100 Euro teure Apple-TV-Box hängt, "Game Center" erlaubt das Spielen in der Gruppe und zumindest das Diktierfeature von Siri wurde aus iOS übernommen (allerdings gehen die Eingaben per Internet an einen Apple-Server). In Sachen Sicherheit wurde ebenfalls geschraubt: Die Funktion "Gatekeeper" alarmiert Nutzer, wenn Apps ausgeführt werden, deren Entwickler unbekannt ist (Programmierer dürfen sich kostenlos bei Apple registrieren) - das lässt sich aber gegebenenfalls abdrehen.

    Und wie ist mein Fazit nach zwei Wochen Berglöwe? Weitgehend positiv. Installation und Nutzung sind für ein überarbeitetes Betriebssystem erstaunlich problemfrei, auch die meisten Anwendungen laufen problemlos weiter. Mit knapp 16 Euro für das Update lässt sich zudem am Preis nicht meckern. Da ist es umso störender, dass Mountain Lion nicht auf alles Macs läuft: Geräte vor dem Jahrgang 2007 müssen draußenbleiben.

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