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Von Nullen von Einsen

Spaltpilze im Web

Das Internet wurde als globales Netz konzipiert, das keinerlei Schranken kennt: Der Infrastruktur ist es herzlich schnuppe, ob ein Server nun in Düsseldorf oder Kuala Lumpur steht. Künstliche Grenzziehungen werden mit Hilfe so genannter Geo-Filter jedoch immer öfter zum Standard. Es könnte bald noch schlimmer kommen.

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Homer Simpson: Die Quelle: AP

Es gibt da eine Seite im Netz, die ist ein wahres Paradies für jeden Freund gepflegter Film- und Fernsehunterhaltung.

Sie bietet Hunderte unterschiedlicher Serien verschiedenster Kanäle und Produzenten in guter bis bester Qualität, dazu diverse Blockbuster in Originalsprache, Dokumentationen, qualitativ hochwertige Unterhaltungssendungen und so manches sehenswerte Nachrichtenformat. Und das Beste: Alles kostenlos, bezahlt allein durch wenige Werbespots, die zudem so platziert sind, dass sie nicht stören und oft sogar beim Angucken Spaß machen.

Rede ich hier von Medien-Science-Fiction? Nein, das Angebot ist sehr real. Es nennt sich Hulu.com, wird bereits seit mehr als zwei Jahren erfolgreich betrieben und hat inzwischen so viele Millionen begeisterte Zuseher, dass mancher Werbekunde hier mehr für Spots bezahlt als im TV.

Internet wird auf Landesebene zurechtgestutzt

Das Blöde an der Sache ist leider: Die von den US-Medienriesen NBC Universal, Fox Entertainment und ABC betriebene Website, die man dank einer hübschen Desktop-Software sogar gut bedienbar auf den Fernseher holen kann, ist nur von Amerikanern zu betrachten.

So genannte Geo-Filter sorgen dafür, dass jeder, der mit einer Internet-Adresse aus dem Ausland vorbeischaut, gleich am Eingangstor abgewiesen wird. Andere US-Sender tun es Hulu nach und sperren inzwischen selbst lächerliche Reality-Show-Promoclips für Ausländer.

Das Internet, einst völlig global und grenzenlos konzipiert, was bekanntlich höchst revolutionär war, wird per Software heute auf Landesebene zurechtgestutzt. Da braucht es keine Zensursula, ein bisschen Vertrags- und Urheberrecht reicht aus, Datenpakete an der Grenze zu stoppen.

Wir auf der anderen Seite des großen Teichs sind allerdings auch nicht viel besser. So ist das hervorragende Video-Angebot der britischen BBC, iPlayer genannt, nur für waschechte Inselaffen zu betrachten. Und auch hier zu Lande beginnen Sender, sich mittels Geo-Filter in Richtung Ausland abzuschotten: Es könnte ja jemand dahergelaufenes die neueste Folge irgendeiner deutschen Version einer mexikanischen Soap abgreifen, ohne dass dafür Lizenzgebühren fließen.

Den technischen Fortschritt hält niemand mehr auf

Schuld an diesem gigantischen nutzerunfreundlichen Quatsch sind Medienkonzerne, die meinen, sie könnten im 21. Jahrhundert Märkte in kleine Zolleinheiten unterteilen, die den deutschen Fürstentümern vor der Reichseinigung alle Ehre gemacht hätten.

Im weltweiten Internet werden Film- und TV-Rechte weiterhin häppchenweise vertickt, als hätte es die Globalisierung nie gegeben. Das ist deshalb möglich, weil man solcherlei Branchen mal eben vom Wettbewerb ausnimmt. Selbst der EU-Binnenmarkt greift hier noch immer nicht, da können sich rührige Kommissare noch so sehr symbolistisch bemühen.

Aber die Sache wird sich rächen - und rächt sich bereits, denn den technischen Fortschritt hält niemand mehr auf. Wer einmal ein gutes US-Fernsehformat im Original gesehen hat, kann sich die furchterregenden deutschen Synchronisationen (jaja, es gab Ausnahmen) nicht mal mehr aus einem halben Kilometer Entfernung anhören.

Solchermaßen gequälte Kunden importieren im nettesten Fall Grau-DVDs, im schlimmsten kaufen sie nichts mehr, sondern bedienen sich in Tauschbörsen mit Stoff, den sie hier zu Lande schlicht nicht kriegen. Und zwar ohne nervigen Kopierschutz und ohne überzogene Warnungen vor Piraterie. Blöd, wenn ausgerechnet Illegal das kundenfreundlichste Format ist. Das sollten große und kleine Medienkonzerne sehr schnell ändern - auch im Eigeninteresse.

Der Trend geht allerdings in eine andere Richtung: Hin zu noch mehr Abschottung.

Was passiert, wenn Rechteinhaber auch noch die passende Technik dafür haben, Sperren durchzudrücken, kann man gerade im HDTV-Bereich auf Satellit sehen, wo es kein freies Netzwerk, sondern nur einzelne bestimmende Plattformbetreiber gibt.

Da sollen Kunden dann plötzlich für im regulären Fernsehen kostenlose Privat-TV-Kanäle voller Werbung wegen ein paar Pixeln mehr Auflösung nun Jahres- oder Monatsgebühren blechen. Das können Geo-Filter derzeit zum Glück noch nicht.

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