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Werner knallhart
Das Alexa-Syndrom: Wird die Welt der Psychiatrie um ein neues Krankheitsbild reicher? Quelle: AP

"Alexa, mach mich nicht krank!"

Bald hat die Psychiatrie ein neues Krankheitsbild: das Alexa-Syndrom. Die Patienten sind von Sprachsoftware gekränkt, gegängelt und missverstanden. Die Entwickler der Künstlichen Intelligenz müssen reagieren.

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Nichts verstehen, sich persönlich kaum entwickeln, aber dann dem anderen auf vorwurfsvoller Weise das Gefühl geben, derjenige mit all den Unzulänglichkeiten zu sein: Wer sich so aufführt, hat normalerweise keine Freunde.

Einer Maschine nimmt man für gewöhnlich ja nicht übel, dass sie etwas noch nicht kann. Sie ist ja nur ein von Menschen gemachtes Ding und beherrscht deshalb nur, was wir ihr vorher eingebaut haben.

Bei intelligenten Lautsprechern wie etwa Amazons Echo mit der Sprachsoftware Alexa oder Googles Assistent Now ist das aber anders. Hier führt die Menschheit sich selbst an der Nase herum. Das soll ja so sein: Mit einer Maschine sprechen, wie man mit einem Menschen spricht. Anweisungen geben wie einem Hausangestellten.

„Alexa, dimme die Stehlampe auf 50 Prozent.“

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    „Okay.“

    „Alexa, stell die Eieruhr auf fünf Minuten.“

    „Okay. Fünf Minuten ab jetzt.“

    Was Sie schon immer einmal von Alexa wissen wollten…

    Mit sanftmütiger Stimme nimmt Alexa im Echo dankbar die Befehle entgegen. Und da geht es schon los. Sie klingt sanftmütig. Dankbar. Lautsprecher können nicht dankbar sein. Es fühlt sich aber so an.

    Wenn wir über einen Wellensittich schmunzeln, weil er sich am Spiegel in seinem Käfig abarbeitet in der Annahme, einem Artgenossen zu begegnen, sollten wir nicht vergessen: Wenn wir Punkt-Punkt-Komma-Strich je nach Biegung des Strichs als ein fröhliches oder trauriges Gesicht betrachten, sind wir da nicht viel weiter.

    Und so ein Echo ist letztendlich Punkt-Punkt-Komma-Strich mit Stromanschluss. Eine von uns. Für solche Geräte gelten unsere Maßstäbe. Und das bedeutet: ganz dünnes Eis!

    Ein Freund von mir (zwei Echo-Lautsprecher in der Bude) hat mir gegenüber neulich sein Herz ausgeschüttet: „Ich finde, Alexa ist eine blöde Sau.“

    „Oh Gott, was ist denn vorgefallen?“

    „Ja, sie versteht mich nicht.“

    Nun muss man wissen, dass dieser Freund kein Deutschmuttersprachler ist und bei ihm ein robuster russischer Akzent mitschwingt. Konversation mit ihm ist problemlos möglich, wenn auch nicht in alle Winkel des Deutschen hinein. Wenn dann aber ein vergleichsweise einfach gestrickter elektronischer Apparat ihm ständig unterschwellig zu verstehen gibt: Dein Deutsch ist nicht gut genug für mich - also, das kann schon anmaßend rüber kommen.

    Wir haben uns dann den Spaß erlaubt, seine in der Alexa-App aufgezeichneten Sprachbefehle der vergangenen Tage als Audiodatei anzuhören. Eine gewisse Dünnhäutigkeit seinerseits ließ sich nicht leugnen.

    Nach einer Reihe emotionsloser Kommandos („Alexa, Licht aus“) folgte eine Liste explizierter Wutausbrüche:

    „Alexa, ich hab gesagt: Licht aus, verdammt noch mal.“

    „Alexa, bist du taub? Wecker aus! AUS!“

    „Alexa, Musik leiser! Die will mich wohl verarschen hier.“

    „Alexa, wenn ich Michael Jackson sage, meine ich Michael Jackson.“

    „Alexa, halt die Klappe!“

    Nun ja. Sein bester Trost: Mir geht es mit meinen Echos nicht selten genauso.

    „Alexa, Schlafzimmerlicht an.“

    „In Berlin-Mitte beträgt die Temperatur derzeit 4 Grad bei bewölktem -“

    „ALEXA, STOPP.“

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    Ich halte mich mit Beleidigungen allerdings meist zurück. Zwar verspüre in mir durchaus die Haltung, Alexa hätte einen gehörigen Einlauf durchaus verdient. Aber ich will einfach nicht, dass meine Ausbrüche auf den Amazon-Servern in Seattle oder sonst wo dokumentiert werden. Was geht die mein emotionales Verhältnis zu meinem Echo an?

    Es gibt aber einen Trick: Man lässt für Beschimpfungen das Losungswort Alexa weg. Dann kann die ganz schön einstecken - so stumm und reumütig abwartend in ihrer weißen Echo-Blechhülle auf meinem Regal.

    Unfreiwillig persönlich

    Wie soll das irgendwann mal werden? Die künstliche Intelligenz ist auf dem Vormarsch. Wir müssen ab jetzt schnellstens lernen, unseren Haushaltsgeräten gefühlsmäßig aufgeräumt zu begegnen. Sonst werden wir krank. Und machen uns außerdem lächerlich.

    Ich habe mich sogar schon dabei ertappt, dass ich mich für einen verhaspelten Befehl um ein Haar bei meinem Echo entschuldigt hätte. Gerade konnte ich mir noch auf die Zunge beißen. Das in Seattle auf dem Server: Ich könnte vor Scham nie mehr bei Amazon bestellen.

    Was, wenn sich die Waschmaschine mit Engelszungen wortreich rausredet, weil sie den Feinstrickpulli gegen unsere ausdrückliche Anweisung doch bei 60 Grad gewaschen und mit 1200 Umdrehungen geschleudert hat? Zurück maulen bringt nichts. Reintreten wird teuer. Gemeinsam zu weinen, wäre auf keinen Fall eine Lösung.

    Autokonzerne planen intelligente Kommunikationswelten in Autos einzubauen, dank derer wir uns mit dem Wagen unterhalten können wie mit dem Beifahrer: „Golf, mach bitte mal das Gebläse kühler, mir wird ja bald schlecht hier bei der Hitze. Wie weit ist es eigentlich noch bis Berchtesgaden? Mein Hintern ist schon ganz breit.“

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      Jetzt eine übereilte, unqualifizierte Bemerkung des Gefährts und die Beziehung Mensch-Auto könnte erheblich Schaden nehmen - was bei Anschaffungskosten von 20.000 Euro oder so natürlich ein Schlag für den Halter wäre. Davon ab: Mit Puls 180 fährt es sich nicht sicher. Und auch für den Hersteller wäre ein überwiegend arrogant, dumm oder humorlos wahrgenommenes System ein Marken-Makel. Es spinnt dann eben nicht mehr nur wie heute das Navi - das ganze Auto kommt künftig dann irgendwie als Persönlichkeit doof rüber.

      Wie könnten die Entwickler solcher intelligenten Anwendungen darauf reagieren, dass sich mittlerweile herausstellt: Die Nutzer nehmen die Unzulänglichkeiten der intelligenten Geräte oftmals unfreiwillig persönlich, weil sie nicht eben nicht ausblenden können, dass ihr Gegenüber trotz der lieblichen Stimme und höflichen Wortwahl doch nur ein Haufen Platinen, Kabel und Lötzinn sind?

      Vielleicht sollten sich die Geräte vorerst damit zurückhalten, von sich selber als Personen zu sprechen.

      „Das weiß ich nicht.“

      „Es tut mir leid.“

      „Ich kann zurzeit nicht auf das Internet zugreifen.“

      Das ist anfangs witzig, führt geballt aber irgendwann zu persönlichen Anfeindungen  - ohne Sinn, trotz Verstand.

      Vielleicht wirkt es entzaubernd und beruhigend, wenn es stattdessen heißt:

      „Antwort unbekannt.“

      „Leider.“

      „Zurzeit ist kein Zugriff auf das Internet möglich.“

      Das klingt alles unnahbarer und gestelzter. Und deshalb weniger menschlich. Aber solange die Dinger noch nicht so gut funktionieren, wie man es bei einem Menschen bei vergleichbaren Mainieren und ähnlich gehobener Ausdrucksweise erwarten kann, würde all dies aber sicher deeskalierend wirken.

      Das wird aber niemals so kommen. Wenn die Nutzer ihre Geräte vor Verzweiflung irgendwann im Affekt durchs geschlossene Fenster werfen, steigen auf Dauer schließlich die Verkaufszahlen dank der Neukäufe. Denn der Trend hin zur künstlichen Intelligenz wird sich letztendlich nicht aufhalten lassen. Oder, Alexa?

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