Zensur im App-Store EU-Kommission soll sich Apple vorknöpfen

Apple neigt dazu, unliebsame Apps aus seinem App-Store zu löschen. Dieses Prozedere ist jetzt einer französischen Ministerin sauer aufgestoßen. Sie will, dass sich die EU-Kommission mit dem Fall befasst und Apple verbindliche und transparente Regeln für den App-Store vorschreibt.

Die Opfer der Apple-Zensur
Jüngstes Opfer von Apple im App Store von iTunes: Die sehr beliebte Instant-Messenger-Anwendung WhatsApp. Damit lässt sich über alle Geräte-Grenzen hinweg kostenlos kommunizieren - egal ob auf Blackberry, iPhone, Android oder Symbian. Damit ersetzt die App vor allem bei vielen Jugendlichen teure SMS. Wer die App bereits installiert hat, kann sie weiter nutzen - doch weder erlaubt Apple das aktuelle Update noch können Nutzer die App derzeit aus dem App Store installieren. Der Hersteller teilte via Twitter mit, eine neue Version der App sei eingereicht worden und durchlaufe nun den Prüfungs-Prozess von Apple. Der Hintergrund der Lösch-Aktion ist bisher völlig unklar. „Dazu gibt es von Apple keinen Kommentar“, heißt es wie in solchen Fällen üblich aus der Firmenzentrale in Cupertino. Im Web wird spekuliert, dass die Löschung der App mit kürzlich bekannt gewordenen Sicherheitslücken zusammenhängt. Die Website whatsappstatus.net hatte eine Sicherheitslücke demonstriert, auch die Sicherheitsfirma SEC Consult Vulnerability Labs wies auf mehrere Schwachstellen hin. Andere glauben, Apple wolle die Nutzung seiner eigenen mit dem jüngsten Betriebssystem iOS 5 vorgestellte Messenger-App mit der Löschung stärken. WhatsApp war aber nicht die erste prominente App, die Apple kurzerhand kaltgestellt hat...
Der verstorbene ehemalige Apple-Chef Steve Jobs galt als Unterstützer der Demokraten - der bekannte Demokrat und Umweltschützer Al Gore ist Mitglied im Apple-Board. Die App Freedom Time, die die Tage bis zum Ende der Präsidentschaft von George W. Bush zählte, war Jobs 2008 aber offenbar dennoch zu viel politischer Kampf auf seiner Plattform - und sie wurde schließlich gelöscht. Die Programmierer Alec Vance und Court Batso beschwerten sich bei Jobs persönlich - und der antwortete dem Blog der Entwickler zufolge so: „Auch wenn ich mit meinen persönlichen politischen Ansichten eher den Demokraten zugeneigt bin, glaube ich, dass diese App in etwa die Hälfte unserer Kunden vor den Kopf stößt. Also was soll das?“ Quelle: Juggleware
Auch Scherze über Bush-Nachfolger Barack Obama toleriert Apple nicht. Die App Obama Trampoline ließ verschiede Größen der amerikanischen Politik auf einem Trampolin im Oval Office des Weißen Hauses springen - zum Missfallen von Apple. Entwickler Swamiware wusste aber Rat und entpolitisierte die App kurzerhand. Alle politischen Persönlichkeiten bekamen nun Papiertüten über den Kopf gezogen, um sie zu anonymisieren. Die in Party Trampoline umbenannte App darf seit dem wieder heruntergeladen werden. Quelle: PR
Eine App mit politischen Karikaturen des Zeichners Mark Fiore lehnte Apple unter dem Hinweis ab, sie gäben Personen der Öffentlichkeit der Lächerlichkeit preis. Erst als Fiore den Pulitzer-Preis erhielt, änderte Apple seine Meinung.
Streng ist Apple immer dann, wenn eine App die Gefühle von Nutzern verletzen könnte - seien sie politischer oder religiöser Natur. Für größeren Wirbel sorgte die Löschung der App „Me so holy“, in welcher der Nutzer sich mittels eines Foto in einen berühmten Religionsführer verwandeln konnte. Waren die virtuellen Heiligenbildchen für die meisten ein harmloser Spaß, sah Apple darin eine Verletzung religiöser Gefühle - und verbannte die App. Das Unternehmen verwies dabei auf Punkt 3.3.12 der Nutzungsbedingungen, die generell alle „anstößigen Inhalte“ verbietet. Quelle: PR
Von Drogen will Apple seinen App Store freihalten - selbst wenn sie nur virtueller Natur sind. Das Spiel „Dope Wars“, in dem sich der Spieler vom kleinen Dealer zum Drogenbaron hocharbeitet, durfte nicht in den Apple Store - auch wenn das Spiel eher satirischen Charakter hat. Doch Hersteller Catamount Software wusste Rat: Das gleiche Spiel wurde noch einmal eingereicht und alle Bezeichnungen für Drogen durch Süßigkeiten ersetzt. Neuer Titel: „Candy Wars“ (rechte Bildhälfte) - mit Apples Segen im App Store. Quelle: Catamount Software
Bei der App der Bild-Zeitung stießen deutsche nackte Tatsachen auf prüde amerikanische Moralvorstellungen. Bilds „Girl des Tages“ darf der Springer-Konzern auf dem iPhone nur zensiert zeigen.

Es ist nicht das erste Mal, dass eine App von jetzt auf gleich aus dem App Store von Apple verschwindet. Und das ohne stichhaltige Begründung. Die Anwendung "AppGratis" eines französischen Unternehmens sollte Nutzern helfen, sich im App-Dickicht des Stores zurecht zu finden.

Die App sollte beim Suchen und Finden von Anwendungen im unübersichtlichen App-Store helfen. Kostenpflichtige Apps konnten Nutzer mit Hilfe von AppGratis einen Tag lang umsonst testen. Zwölf Millionen Menschen hatten AppGratis herunter geladen. Das scheint Apple sauer aufgestoßen zu sein. Der Gründer von AppGratis, Simon Dawlat, reagierte in seinem Blog auf den Rausschmiss aus dem App-Store.

AppGratis ist aus Apples iTunes App Store verschwunden. Quelle: Reuters

Am 4. April habe Apple dem Unternehmen die Erlaubnis erteilt, die App auch für das iPad zu verkaufen. Einen Tag später flog die Such-und-Entdecker-App aus dem Store. Sie habe gegen die Regeln verstoßen. Angeblich mache die Anwendung Werbung für fremde Apps, was nicht erlaubt ist. Dawlat schrieb daraufhin, er könne nicht glauben, was Apple da mit seinem Produkt getan habe.

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"Es ist nicht wahr, dass es irgendwelche Gespräche zwischen AppGratis und Apple wegen der Entfernung der App von der Plattform gegeben hat", schreibt Dawlat in seinem Blog. "Wir haben von Apple eine E-Mail bekommen, nachdem unsere App gelöscht wurde", so Dawlat weiter. Seit dem habe es ein Telefonat mit dem US-Konzern gegeben, in dem die Fragen von AppGratis allerdings unbeantwortet blieben. Zu weiteren Gesprächen sei Apple nicht bereit gewesen.

Wettbewerb in Gefahr

Dieses Verhalten des Technologieriesen hat aber nicht nur die Nutzer von AppGratis erschüttert. Auch die französische Ministerin für Digitalwirtschaft, Fleur Pellerin, ist sauer. Sie nannte die Handhabe "extrem brutal" und sagte, dass Apple mit dem französischen Start-up und anderen jungen Firmen ethischer umgehen solle. "Das ist kein professionelles Verhalten für ein Unternehmen dieser Größe", so Pellerin weiter. Sie fordert, dass die Europäische Kommission sich Apple vorknöpft und verbindliche Regeln schafft, die allen Unternehmen Sicherheit geben.

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Derzeit würden Inhalte ohne Grund bevorzugt. Gerade für die französischen Unternehmen, die in puncto App-Entwicklung international auf Platz zwei stünden, sei dieses Procedere gefährlich. Apple gefährde "über Nacht mit einseitigen Entscheidungen" die Geschäftsmodelle vieler Firmen. Darüber sollte die Europäische Kommission einmal nachdenken.

Laut dem Technologie-Blog AllThingsD ist AppGratis übrigens nur das erste Opfer einer Zensurwelle im App-Store. Angeblich sollen schon bald weitere Anwendungen, die beim Suchen und Testen von Apps helfen, von der Plattform genommen werden.


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