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Zoom-Müdigkeit So lässt sich der Stress vorm Monitor mindern

Viele Menschen empfinden stundenlange Videokonferenzen als viel anstrengender als reale Treffen. Quelle: obs

Ein Jahr nach dem kollektiven Umzug ins Homeoffice ist Zoom für viele zum Alltag geworden. Gut fürs Geschäft des Videokonferenzdienstes – schlecht für gestresste Belegschaften. Dabei lässt sich die Ermattung in den virtuellen Runden mit einfachen Tricks vermeiden.

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Kaum ein Unternehmen verkörpert den coronabedingten Umbruch der Arbeitswelt so deutlich wie der Videokonferenzdienst Zoom. Längst steht zoomen für die allgegenwärtigen Online-Videorunden wie googeln für die Suche im Netz. Im Ende Januar abgeschlossenen vergangenen Geschäftsjahr sprang der Umsatz nun von 623 Millionen auf 2,65 Milliarden Dollar (2,19 Milliarden Euro) hoch, wie das amerikanische Unternehmen am Montagabend deutscher Zeit mitteilte. Der Nettogewinn stieg von 21,7 auf 671,5 Millionen Dollar, und die Zahl der Firmenkunden mit mehr als zehn Mitarbeitern wuchs auf 467.000, ein Plus von rund 470 Prozent.

Doch so dynamisch sich die Nachfrage entwickelt, so sehr die Nutzer- und Umsatzzahlen auch steigen, Zoom ist auch zum Synonym eines Phänomens geworden, das nach einem Jahr im Homeoffice jeder und jede kennt: der Zoom-Müdigkeit. Nach den teils stundenlangen Online-Runden fühlt man sich meist deutlich erschöpfter als nach vergleichbar langen Diskussionen in analoger Form.

Was die Ermüdung verursachen könnte, hat der US-Forscher Jeremy Bailenson in einem Beitrag für das Fachmagazin Technology, Mind and Behaviour untersucht. Darin gibt der Gründungsdirektor des Virtual Human Interaction Lab und Professor für Kommunikationswissenschaften an der Stanford University auch Tipps, wie sich die Betroffenen gegen die Mattheit wappnen können.

Immer im Fokus der anderen

Bailenson nennt vier Gründe als Auslöser für das Phänomen. Wichtigste Ursache sei eine besondere Anspannung durch die Gesprächssituation. Während in normalen Diskussionsrunden alle kontinuierlich die Blicke schweifen ließen, erlebe sich der einzelne im Videomeeting kontinuierlich im Fokus. Da alle fast ständig in die Kamera blickten, erscheine es für den Betrachter vor dem Bildschirm so, als werde er fortwährend von allen anderen angestarrt.

Dieses Gefühl einer ununterbrochenen Kontrolle des eigenen Verhaltens sei belastender als das Gefühl in realen Meetings, wo man auch einfach mal in den Hintergrund treten kann. Dabei spiele es keine Rolle, ob die Kollegen einen tatsächlich im Blick haben oder ob man nur den Eindruck hat, dass dies so ist.

Zumal auch der ständige Blick aufs eigene Kamerabild, ganz unabhängig von der Kontrolle durch andere, für viele Diskussionsteilnehmer ein Stressfaktor sein kann. „Stellen Sie sich das beklemmende Gefühl vor, wenn Ihnen jemand während eines regulären Arbeitstages ununterbrochen einen Spiegel vors Gesicht hielte“, sagt Bailenson. Die ständige Reflexion aufs Ich irritiere sogar selbstsichere Persönlichkeiten, so der Experte. Und wer zur Selbstkritik neigt, werde durch die erzwungene Dauerbetrachtung erheblich verunsichert.

Unangenehme Nähe



Ein weiterer Grund für die Belastung: Die Teilnehmer von Videokonferenzen rücken sich durch die meist kurze Distanz zwischen Kopf und Bildschirm unangenehm dicht auf die Pelle. Üblicherweise empfänden Menschen einen Abstand von weniger als einer Armlänge zu einer fremden Person als unangenehm nah. Bei realen Treffen würden sie sich von selbst so weit voneinander entfernen, bis die wahrgenommene Distanz wieder stimmte. Gerade auf PC- oder Laptop-Monitoren und bei Konferenz-Software, die Sprecherinnen und Sprecher automatisch auf Vollbildgröße schalte, entstehe aber immer wieder das Gefühl unangemessener und damit unangenehmer Nähe zum Gegenüber. Auch das verursache Stress.

Und schließlich beraube die starre Haltung vor der Kamera in Videokonferenzen die Teilnehmer der Möglichkeit, sich während der Vorträge oder auch nur beim Zuhören zu bewegen. Bailenson verweist auf Studien, wonach leichte Bewegung wie etwa das Gehen auf einem Laufband die Konzentration und Aufnahmefähigkeit deutlich steigern könne. Über Stunden in immer neuen Videochats vor dem Bildschirm verharren zu müssen, bewirke hingegen genau das Gegenteil und mache matt und müde.

Briefmarken wirken entspannend

Immerhin, der Zoom-Müdigkeit müsse man sich nicht wehrlos hingeben, sagt der Kommunikationsexperte. Und er hat mehrere Tipps parat. So ließe sich das Gefühl, im Fokus der anderen zu stehen, dadurch vermindern, das Programmfenster der Konferenzsoftware nicht auf Vollbilddarstellung zu ziehen. "Wenn die anderen nur noch auf Briefmarkengröße am Bildschirmrand erscheinen, wirken sie weit weniger dominant“, so Bailenson. Und das Kontrollfenster mit dem eigenen Kamerabild sollten die Teilnehmer, sofern möglich, komplett ausblenden. „In vielen Konferenzprogrammen lässt sich das Spiegelbild in den Einstellungen deaktivieren.“

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Für mehr Distanz vom Gegenüber empfehle es sich zudem, den eigenen Rechner auf dem Tisch ein Stück weiter wegzuschieben oder mit dem Stuhl selbst zurück zu rutschen und so einen emotional angemessenen Abstand von den anderen im Meeting herzustellen. Und schließlich rät Bailenson, vor jeder Bildschirmrunde zu prüfen, ob die Besprechung nicht genauso gut auch rein telefonisch stattfinden könne. Das lasse jedem Teilnehmer mehr Raum zur Bewegung. Auch das könnte manchem und mancher den Stress nehmen, glaubt der Experte.

Dem bisher boomenden Geschäft des kalifornischen Konferenzkonzerns allerdings dürfte die Rückbesinnung auf das, was auch in Vor-Corona-Zeiten schon üblich war, einen leichten Dämpfer verpassen.

Mehr zum Thema: Präsentieren vor der Kamera wird zur Routine. Aber nicht alles, was Videokonferenz-Programme technisch bieten, hilft, das Publikum zu überzeugen.

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