WiWo App 1 Monat für nur 0,99 €
Anzeigen

Zynga-Rivale Wooga Die Zauberstabfabrik

Der Börsengang von Zynga elektrisiert die Branche. Die Berliner Spielefirma Wooga hat sich zu einem der größten Rivalen gemausert und lässt etablierte Riesen alt aussehen.

  • Artikel teilen per:
  • Artikel teilen per:
Herr der Knuddelmonster - Wooga-Chef Jens Begemann hat sich zu einem der größten Rivalen von Marktführer Zynga aufgeschwungen. Quelle: Pressebild

Die Berliner Backfabrik hat einige von Deutschlands erfolgreichsten Internet-Gründungen hervorgebracht. Hier residieren die VZ-Netzwerke oder das von Google übernommene Rabattportal Daily Deal. Vor zwei Jahren zog die Computerspielefirma Wooga in die ehemalige DDR-Großbäckerei am Südrand des Prenzlauer Bergs. In kürzester Zeit ist die 2009 gegründete Firma zu einem der wichtigsten Spieleanbieter geworden.

Dabei hat die Expansion erst begonnen. Wooga erobert gerade die oberste Etage, direkt unter dem Dach stapeln sich nagelneue Tische, eingetütete Bürostühle und Kartons. Ein junger Mann im Kapuzenpulli lässt sich von Umzugschaos und Farbgeruch nicht stören und startet mit seinem Laptop eine Videokonferenz. Platz ist knapp bei Wooga, selbst Chef Jens Begemann hält eine Besprechung auf der violetten Couch im Foyer ab. Denn in den Konferenzräumen finden wie so oft Bewerbungsgespräche statt: Zwei neue Mitarbeiter stellt das Unternehmen jede Woche ein.

Massenmarkt Social Games

Die 120-Mann-Truppe programmiert sogenannte Social Games, kostenlose Spiele, mit denen man sich bei Facebook allein oder mit Freunden vergnügen kann. 34 Millionen Menschen vertreiben sich mit den Spielen der Berliner jeden Monat die Zeit. Damit gehört Wooga zu den drei weltweit erfolgreichsten Spieleentwicklern bei Facebook und hat sich zu einem der größten Rivalen von US-Marktführer Zynga gemausert. Durch den Siegeszug dieser Gratisspiele wandelt sich das Geschäftsmodell der gesamten Branche: Auch fast alle Anbieter klassischer Computerspiele arbeiten intensiv an solchen Modellen.

Knuddelige Monster - 70 Prozent aller Wooga-Spieler sind weiblich

Denn es steht eine Wachablösung bevor, die vor Kurzem kaum jemand für möglich gehalten hätte. Erst vor zwei Jahren brachte Zynga seinen Klassiker Farmville heraus. Anfangs wurden die Facebook-Farmer mitleidig belächelt, doch 2011 wird Zynga erstmals mehr als eine Milliarde Dollar einnehmen. Der Pionier der Facebook-Spiele will heute an die Börse gehen und peilt eine Bewertung von bis zu zehn Milliarden Dollar an. Die lange größte Spielefirma Electronic Arts (EA) kommt auf sieben Milliarden Dollar.

Schnickschnack für Millionen

Die Spiele sind grundsätzlich kostenlos, Geld verdienen die Anbieter mit dem Verkauf von virtuellen Gegenständen und Funktionen, die Nutzer schneller voranbringen. Obwohl meist weniger als fünf Prozent der Nutzer echtes Geld ausgeben, lohnt sich das. So hat Wooga in einem Jahr allein 28 Millionen Zauberstäbe verkauft, mit denen Spieler von Monster World das Wachstum ihrer magischen Pflanzen beschleunigen. Bei einem Durchschnittspreis von 0,12 Cent ließ allein der magische Stab die Bilanz um 3,4 Millionen Euro wachsen. Dabei sind die Stäbe nicht einmal die größte Einnahmequelle: Die bildet der erst später eingeführte Regenbogenschleim mit einem Umsatzanteil von 35 Prozent. Weltweit wurden 2010 von allen Anbietern virtuelle Güter im Wert von 7,3 Milliarden Dollar verkauft, bis 2014 soll sich der Umsatz verdoppeln, erwarten die Marktforscher von In-Stat aus Scottsdale im US-Staat Arizona.

Spieleindustrie im Wandel

imonadenbäume und Diamantenbüsche - Der Social-Games-Spielehit

„Das ist künftig das Standardmodell für die gesamte Spieleindustrie“, ist Wooga-Chef und -Gründer Begemann überzeugt. In Asien dominieren die Gratis-Online-Spiele schon lange, da sie das leidige Raubkopierer-Problem lösen. Und auch hierzulande orientieren sich selbst Hersteller der millionenfach verkauften Ego-Shooter um, bei denen Spieler in einer dreidimensionalen Welt mit Schusswaffen Gegner bekämpfen. So veröffentlich der international erfolgreiche Frankfurter Ballerspielspezialist Crytek 2012 sein erstes Gratis-Online-Spiel. „Das bisherige Geschäftsmodell, bei dem Spieler vorab 50 Euro zahlen, funktioniert in Zukunft nicht mehr“, sagt Crytek-Mitgründer Avni Yerli.

Nichts neues an der Spielefront

Daneben wandelt sich auch der Entwicklungsprozess der Spiele. Bisher wurden Spiele wie Filme über Jahre mit einem Millionenbudget entwickelt, am Ende stand ein fertiges, abgeschlossenes Produkt. Da die Kosten in Hollywooddimensionen stiegen, vertrauten Spielemacher wie Filmstudios immer öfter auf die Fortsetzung erfolgreicher Stoffe. So heißen die Spielehits im aktuellen Weihnachtsgeschäft Battlefield 3, Call of Duty 3 oder Uncharted 3.

Doch so wie viele TV-Serien inzwischen kreativer und beliebter sind als die klassischen Blockbuster, bekommen auch die Spiele Fortsetzungscharakter: Statt einer festgelegten Zahl zu spielender Missionen überwiegt das offene Endlosspiel im Netz. Für Entwickler wie Wooga bestimmt das beständige Ändern und Weiterentwickeln den Alltag. Ein halbes Jahr dauert es, bis ein Spiel auf den Markt kommt. Dann gibt es wöchentlich neue Versionen, in denen Kleinigkeiten verändert werden.

So auch in Woogas Hit Monster World, in dem ein knuddeliges Ungeheuer seinen Garten mit Klunkerkraut und anderen Fantasiegewächsen bepflanzt, um die geernteten Diamanten oder Colafrüchte an den Roboter Robert zu verkaufen. Als erste Pflanze bekommen die Spieler Limonadenbüsche. Erst dauerte es fünf Minuten, bis sie Colaflaschen trugen. „Wir haben die Wachstumszeit auf drei Minuten gesenkt und hatten danach eine spürbar höhere Anzahl Nutzer, die am nächsten Tag wiedergekommen sind“, sagt Begemann.

Jeder Klick wird analysiert

So wird ständig perfektioniert und getestet: Einige Tausend Spieler bekommen neue Pflanzen oder Funktionen zu sehen, bevor sie für alle eingeführt werden. Auch verschiedene Designs werden so probiert. Dutzende Wooga-Leute sitzen vor ihren Bildschirmen, verfolgen Graphen und Tabellen, analysieren Spieldauer, Rückkehrraten und vor allem die Monetarisierung. Da sich jeder Klick der Spieler nachverfolgen lässt, wissen die Entwickler, wann besonders viele Gegenstände verkauft werden oder wo die Spieler die Lust verlieren.

Gekaufter Erfolg

Electronic Arts ist hinter Zynga die zweitgrößte Spielefirma bei Facebook - der Preis dafür war allerdings enorm. Quelle: dapd

Die Zahl der monatlich aktiven Spieler bei Wooga ist in einem Jahr von 11 auf 34 Millionen gestiegen. Lange belegte das Unternehmen damit den zweiten Platz in der Rangliste der Spieleentwickler bei Facebook. Inzwischen ist EA zwar an den Berlinern vorbeigezogen, doch der Preis war enorm: Je nach künftigem Erfolg muss der US-Anbieter bis zu 1,3 Milliarden Dollar für den Kauf des Social-Games-Entwicklers PopCap hinlegen. Zuvor hatte EA-Chef John Ricitiello schon bis zu 400 Millionen Dollar für den Spielespezialisten Playfish ausgegeben. Disney hat sich mit Playdom für mehr als 700 Millionen Dollar ebenfalls in das Geschäft eingekauft.

Dem Marktführer Zynga auf den Fersen

Klar, dass auch bei Begemann schon diverse Anfragen eingegangen sind. Die weist er jedoch kühl zurück: „Wir haben kein Interesse zu verkaufen und führen auch keinerlei Gespräche.“ Stattdessen hat er das Ziel ausgegeben, bis 2020 vom Social-Games-Spezialisten zu einem der weltweit größten Spieleanbieter überhaupt aufzusteigen.

Am Kapital mangelt es nicht. Im Frühjahr investierten Risikokapitalgeber insgesamt 24 Millionen Dollar, eine der größten Summen, die ein deutsches Startup je bekommen hat. Begemann selbst hält noch knapp ein Drittel der Anteile. „Es hat mich beeindruckt, dass sie mehrere erfolgreiche Spiele gestartet haben“, lobt Fergal Mullen, General Partner bei Highland Capital. Das sei ungewöhnlich im Social-Game-Bereich, wo viele Eintagsfliegen über eine gute Spielidee nicht hinauskämen.

Nächste Zielplattform: Handy

Wooga ist da schon einen Schritt weiter und arbeitet mit Hochdruck daran, seine Spiele auf das Handy zu bringen. In diesen Tagen kommt die Mobilvariante des Konzentrationsspiels Diamond Dash, wo es auch erstmals eine Bezahlfunktion geben wird, die bei dem bisher verfügbaren Smartphonespiel Magic Land fehlt. Begemann analysiert derzeit, auf welche Technologien und Partner er in der mobilen Welt setzt. Denn so wie Facebook, das 30 Prozent der Einnahmen kassiert, will etwa auch Apple im Mobilgeschäft seinen Teil vom Erfolg.

Und der ist auch finanziell beachtlich. Obwohl Wooga erst im vorigen Sommer mit dem Verkauf von Zauberstäben und anderem virtuellen Schnickschnack begonnen hat, lag der Umsatz 2010 bei mehreren Millionen Euro. Wooga nennt offiziell keine Zahlen mehr, doch Begemann hat einmal erklärt, was Facebook-Spiele im Schnitt einbringen: „Man kommt auf einen monatlichen Umsatz von 0,10 Dollar pro aktivem Nutzer.“ Nach dieser Faustregel würde Wooga allein im November 3,4 Millionen Dollar einnehmen.

Internationalität als Erfolgsgeheimnis

Um an den Konkurrenten Zynga heranzukommen, ist es für Wooga noch ein weiter weg - über 208 Millionen Menschen verbringen ihre Zeit mit den Spielen der Softwareschmiede. Quelle: REUTERS

Wie hat es die mit fünf Mann gestartete Firma eigentlich geschafft, so schnell in einer Liga mit EA & Co. zu spielen? Ein Grund ist die internationale Ausrichtung. Firmensprache ist Englisch, das gilt selbst für Schilder an der Kaffeemaschine. Aus 21 Nationen kommen die 120 Wooga-Leute, nur gut die Hälfte aus Deutschland. Der für Partner zuständige Facebook-Manager Ethan Beard schwärmt von der „internationalen Reichweite“ und der „Fähigkeit, ein Spiel gleichzeitig in sieben Sprachen zu launchen“.

Ein weiterer Teil des Erfolgsgeheimnisses findet sich in der Vergangenheit von Begemann. Nach seinem BWL-Studium in Berlin arbeitete er sieben Jahre lang für den Klingeltonverkäufer Jamba, war dort leitender Produktmanager und Mitglied der Geschäftsführung. Mit Figuren wie dem Crazy Frog oder dem Hasen Schnuffel schaffte es Jamba wie kaum ein anderes Unternehmen, Teenagern Geld aus der Tasche zu ziehen.

Knuddellook als Köder

Von Jamba hat der heute 34-Jährige Leute mitgebracht und ein Erfolgsrezept: den Reiz niedlicher Figuren. Mit Schnuffelmonstern im Comicstil erweicht der finnische Chefdesigner Henric Suuronen Mädchen im Teenageralter und ihre Mütter: 70 Prozent aller Wooga-Spieler sind weiblich.

An Zynga wird Begemann trotzdem so schnell nicht herankommen. Mit 208 Millionen Spielern liegt der Primus weit vorn. Doch im August hat Wooga den Rivalen geschlagen: Auf der Spielemesse Gamescom waren die Berliner gerade zur besten Spielefirma Europas gekürt worden, da startete Google sein Spieleangebot beim Facebook-Konkurrenten Google+. Obwohl sie auch in dem Netzwerk dabei sind, bewarb Google seine Spieleoffensive nicht mit Zynga, sondern einem Bild von Woogas Diamond Dash. Das war der Ritterschlag für die Berliner. Viel Zeit zum Feiern blieb Begemann aber nicht: Er eilte vorzeitig von der Messe zur Geburt seiner Tochter.

© Handelsblatt GmbH – Alle Rechte vorbehalten. Nutzungsrechte erwerben?
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%