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Gründerin Verena Pausder über Digitalisierung „Wollen wir Weltmeister im Schneckentempo werden?“

Will viel bewegen: Unternehmerin Verena Pausder. Quelle: obs

Die GroKo war das Gegenteil von Agilität, kritisiert Verena Pausder. Die Unternehmerin fordert von der neuen Regierung deutlich mehr Tempo bei der Digitalisierung. Helfen soll ein Digitalministerium – aber nur zwei Legislaturen lang. 

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Verena Pausder ist Unternehmerin, Gründerin (u.a. Fox & Sheep, Haba Digitalwerkstatt) und Autorin („Das neue Land“), Young Global Leader des Weltwirtschaftsforums und stellvertretende Aufsichtsratsvorsitzende der Comdirect und Initiatorin von #stayonboard.

WirtschaftsWoche: Frau Pausder, Sie haben Anfang August eine Wutrede gehalten darüber, dass sich der Wahlkampf zu sehr im Klein-Klein verläuft und es gar nicht um die großen Ideen und Themen wie Digitalisierung, Bildung und Chancengerechtigkeit geht. Sind Sie immer noch wütend – oder gehen Sie ein bisschen gelassener in den Wahlsonntag? 
Verena Pausder: Es war eher eine Mut-Wut-Rede – denn ich hab‘ nicht nur gemeckert, sondern auch gesagt, was ich mir stattdessen gewünscht hätte. Aber tatsächlich bin ich weiterhin nicht zufrieden, dabei geht’s mir gar nicht so sehr um das, was die Parteien machen wollen nach der Wahl – sondern darum, wie sie es machen wollen.

Haben Sie ein Beispiel, wo Sie sich konkretere Vorschläge gewünscht hätten? 
Da gibt’s gleich mehrere. Ein Digitalministerium zu fordern ist super, aber wie sieht es aus? Verteilt es sich auf alle Häuser oder ist es ein zentrales Ressort? Innovationsförderung – wollen alle koalitionsfähigen Parteien, aber wie? Die Bundesagentur für Sprunginnovation muss mehr Freiheiten bekommen – aber wie sollen sie gestaltet sein? Klar, es können nicht alle Themen im Wahlkampf in aller Tiefe ausdiskutiert werden, aber was mir fehlt ist wirklich der Mut zu sagen: Wir wollen dies – und so machen wir es.

Dazu gehört es dann aber auch, unbequeme Wahrheiten auszusprechen.
Ja, und darum bitte ich auch. Sätze, wie „Die Rente ist sicher“, „Wir werden das Rentenalter senken“ oder „Macht euch alle keine Sorgen, keiner von euch muss weniger Auto fahren oder weniger Fleischessen“ finde ich nicht mehr zeitgemäß.

Aber nach 16 Jahren Kanzlerschaft unter Angela Merkel fehlt womöglich selbst den Parteien der Schwung, der dafür notwendige wäre? 
Ich würde nicht sagen, dass Merkel das Land gelähmt hat, sondern die große Koalition. Wenn zwei so große Parteien das Land regieren, dann gibt’s zwangsläufig viel Kompromisse – und heraus kommt dann das Gegenteil von Agilität. Das hat das Land gelähmt. Dazu kam die Coronakrise, die auch eine gewisse Staatshörigkeit gebracht hat nach dem Motto: Ich muss nur jeden Abend die „Tagesschau“ sehen und die sagen mir dann schon, was ich machen muss. Aber so wird uns der Aufbruch in dieses entscheidende Jahrzehnt nicht gelingen.

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    Wie gelingt er dann?
    Wir müssen uns mehr trauen – und das wird anstrengend, das kann auch manchmal weh tun, aber ein „Weiter So“ wird sicher nicht reichen. Für die Union speziell ist es sicher unglücklich, dass sie Aufbruch vermitteln will, obwohl sie bereits 16 Jahre lang regiert hat – und mit Armin Laschet angetreten ist mit einem Kandidaten, der es nur mit Ach und Krach ins Amt geschafft hat.

    Markus Söder hätte mehr Aufbruch vermitteln können als Armin Laschet?
    Da bin ich mir gar nicht so sicher. Denn positiv an Armin Laschet ist sicher, dass er sich nicht allein Vorne sehen will, sondern ich traue ihm durchaus zu, eine Art Allstar-Team zusammen zu stellen. Bei Markus Söder wäre das vielleicht eine einsame Spitze geworden, auch, wenn er im Wahlkampf vermutlich schlagkräftiger gewesen wäre als Laschet. Aber noch einmal: die Zeiten sind so komplex, dass wir viele Experten brauchen.

    Sie werden von vielen Parteien umworben. Hat auch Armin Laschet versucht, Sie in sein so genanntes Zukunftsteam zu locken?
    Nein, ich bin parteilos, aber nichtsdestotrotz will ich gerne einen Beitrag dazu leisten wie beispielsweise ein Digitalministerium aufgesetzt wird, deshalb mische ich mich ein. Mir ist es beispielsweise ganz wichtig, dass Bildung nicht immer auf Länderebene geschoben wird, nach dem Motto: Das kann der Bund eh nicht entscheiden, deshalb müssen wir im Wahlkampf auch nicht drüber reden.

    Bleiben wir mal bei diesem konkreten Thema, der digitalen Bildung. Am Geld scheitert’s nicht, allein für den Digitalpakt Schule stehen fünf Milliarden Euro zur Verfügung, aber innerhalb von zwei Jahren sind erst 189 Millionen Euro abgerufen worden. Ist der Föderalismus der Totengräber der Digitalisierung?
    Dass das Geld nicht abgerufen wird, liegt sicher nicht daran, dass es nicht gebraucht wird – sondern daran, dass die Prozesse viel zu bürokratisch sind. Der Bund hätte nicht nur die Milliarden bereitstellen sollen, sondern auch gleich klar machen müssen, wie das Geld abzurufen ist, mit ganz konkreten und unkomplizierten Schritten. Stattdessen haben die 16 Länder erstmal alle eigene Förderrichtlinien entwickelt. Und selbst wenn es die gibt, müssen die Anträge von den Schulen dann an den Schulträger weiterreicht werden, der erstmal alle Anträge sammelt, bevor er die Anträge weiterreicht. Wir wollen doch nicht Weltmeister im Schneckentempo werden. Aber die verplemperte Zeit ist nicht das einzige Problem.

    Was kritisieren Sie neben den bürokratischen Hürden noch?
    Nehmen wir das Beispiel der IT-Administratoren, quasi die IT-Hausmeister, die die Schulen dabei unterstützen sollen, dass das Netz funktioniert und alle Geräte laufen. Dafür stehen 500 Millionen Euro zur Verfügung – abgerufen wurden aber erst rund 9000 Euro. Bundesweit. Auch da sind wieder bürokratische Prozesse ein Grund, dafür, dass es nicht voran geht. Es liegt aber auch daran, dass solche Experten überall gesucht sind, laut Branchenverband Bitkom gibt es in Deutschland 86.000 unbesetzt IT-Stellen. Das zeigt ja nur, wie dringend wir digitale Bildung brauchen.
    Wie sehr gefährdet dieses Schneckentempo die Wettbewerbsfähigkeit Deutschlands?
    Das macht mir massiv Sorgen, obwohl ich ein totaler Optimist bin. Also ich bin die Letzte die morgen auswandern wird, denn ich finde, wir leben hier in einem großartigen Land, wir haben hier auch super viel, was uns stark macht und stark machen wird. Aber wir bremsen und lähmen uns selbst. Der Klimawandel hat einen Kipppunkt – und die Digitalisierung auch.  Wenn wir einfach weiter machen in diesem Tempo, dann nimmt unsere Wettbewerbsfähigkeit ab, dann sind wir nicht mehr die viertgrößte Volkswirtschaft der Welt, weil Kalifornien uns überholt. Und das ist nicht mein Anspruch.

    Aber wäre ein Digitalministerium nicht einfach ein weiteres großes Ressort, dass in der konkreten Umsetzung wenig vorantreiben kann?
    Nicht, wenn man es anders denkt als ein Ministerium, wie es bisher üblich ist. Ein Digitalministerium muss auch Blaupause sein dafür, wie moderne Verwaltung aussehen kann. Wenn das Ministerium ein Erfolg werden soll, dann darf der erste Schritt bitte nicht die Suche nach einem geeigneten Haus sein, das noch fünf Jahre umgebaut wird. Sondern losgelegt werden sollte mit einem kleinen Ministerialbüro und einem kleinen Stab, die Abteilungen werden dann auf die restlichen Ressorts verteilt, die ja weiterhin alle selbst Digitalministerien für ihren Bereich bleiben müssen. Deswegen reicht es auch, wenn es das Digitalministerium nur zwei Legislaturperioden gibt, damit man von Anfang an befristet, sagt: das hier ist ein Durchlauferhitzer, ein Katalysator, das ist kein Selbstzweck.

    Warum sind Sie so zuversichtlich, dass diese Agilität in den Amtstuben gut ankommen wird?
    In dem Moment, wo man den anderen Ministerien nichts weg nimmt, weil man keine Leute abzieht, sondern die Ressorts zusätzlich aufgeladen werden mit Kompetenz, mit Budget, mit Gesetzgebungsbefugnissen, damit sie auch wirklich handlungsfähig sind, dann kann man in 100 Tagen loslegen. Das muss das Ziel sein.

    Sie wurden bereits selbst als mögliche neue Digitalministerin gehandelt. Könnten Sie vorstellen, ein solches Amt zu übernehmen?
    Ich glaube, es ist als Politik-Outsider wahnsinnig schwer, da rein zu gehen und zu wissen, wie man das dann macht. Gerne bringe ich aber meine Ideen, die ich auch mit Expertinnen und Experten diskutiert habe, in die Koalitionsverhandlungen ein. 

    Ampel oder Jamaika – welche Konstellation bevorzugen Sie?
    Ehrlich gesagt, ist mir das mit Blick auf die koalitionsfähigen Parteien wirklich erstmal egal. Mir ist es viel wichtiger, dass dieses Digitalministerium richtig aufgesetzt wird. Zu sagen, dass ich meine Gedanken nur mit bestimmten Parteien teile, wäre ein veralteter Ansatz. Wenn wir das Land digital voranbringen wollen, brauchen wir Joint Forces. Und da bin ich gerne dabei.

    Das Gespräch ist ein Auszug aus dem WiWo-Live-Talk zur Bundestagswahl vom 23. September 2021. Mitdiskutiert haben neben Verena Pausder auch die Politiker Danyal Bayaz (Grüne), Harald Christ (FDP) und Rüdiger Kruse (CDU). Wer die komplette Debatte nachsehen will, findet hier den Link. Am Sonntag lädt die WiWo um 19 Uhr ins virtuelle Wahlstudio, als Gäste begrüßt Chefredakteur Beat Balzli den Ökonom Lars Feld, die Unternehmerin Sabine Herold und den Unicorn-Gründer Tao Tao für eine erste wirtschaftspolitische Bilanz. Hier geht's zum Live-Stream.  

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