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SMS-Digitalisierungschefin Katja Windt „Wir schaffen Stahlwerke, die sich autonom steuern lassen“

Katja Windt, Digitalisierungs-Chefin des Anlagenbauers SMS Group Quelle: PR

Katja Windt, Digitalisierungs-Chefin des Anlagenbauers SMS Group, steuert Stahlwerke mit Daten, Algorithmen und VR-Brillen in die Zukunft – auch in Richtung Klimaneutralität.

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Einmal im Jahr zeichnet die WirtschaftsWoche zusammen mit KPMG besonders prägende Manager als Entscheidungsmacher des Jahres aus. Katja Windt ist 2021 in der Kategorie „Digitalisierung“ nominiert.

In den USA, im Silicon Valley, mag Facebook-Chef Mark Zuckerberg das „Metaverse“ mit viel Tamtam zum nächsten großen Ding erklären. Im Rheinland kann Katja Windt darüber nur milde lächeln: Denn hier hat die Ingenieurin das Arbeiten in und mit der virtuellen Realität (VR) längst zur Industriereife gebracht, perfektioniert – und das ausgerechnet in einer der konservativsten Branchen der Industrie: der Stahlbranche. Als Chief Digital Officer (CDO), als Digitalisierungschefin, des Anlagenbauers SMS Group treibt Windt die smarte Stahlproduktion voran und macht sie immer smarter. Mittlerweile ist Windt sogar so weit, dass sie ganze Werke aus der Ferne in Betrieb nehmen lassen kann. Und das ist nur ein Schritt hin auf dem Weg zu ihrem großen Ziel: dem „lernenden Stahlwerk“, einer weitgehend automatisierten Fabrik, die – datengetrieben, von lernenden Algorithmen überwacht – höchst effizient funktioniert. „Wir schaffen Stahlwerke, die sich autonom steuern lassen“, sagt sie.

„Wir sind ein Technologieunternehmen“

Mönchengladbach im Herbst. Katja Windt, 52, empfängt in ihrem Büro in einem dreistöckigen Rotklinkerbau. Nebenan auf dem Firmengelände wird der neue Campus der SMS Group gebaut. Strahlenförmig sollen hier fünf Gebäudemodule mit begrünten Dächern von einer überdachten Plaza abgehen, mehrere bisher verstreute Standorte zusammengeführt werden, 2023 wird der Sitz des Konzerns von Düsseldorf hierher verlegt. Rund 14.000 Mitarbeiter hat die SMS Group weltweit, 2020 lag der Umsatz bei rund 2,7 Milliarden Euro. In der neuen Zentrale werden, so der Plan, 1500 Menschen arbeiten. Das Gebäude soll dann auch Zentrum für digitale Dienstleistungen werden, Knotenpunkt in einem Netz der Stahldaten.

In den vergangenen Jahren ist die Branche in Deutschland und Europa arg ins Trudeln geraten. Die chinesische Konkurrenz war übermächtig, Hersteller mussten lernen, mit Überkapazitäten umzugehen. Der Druck war und ist immer noch gewaltig. Das Digitale, die Wende hin zur klimaneutralen Erzeugung, das alles muss irgendwie gemeistert werden – und gleichzeitig sollen die Werke international konkurrenzfähig bleiben. Eine Mammutmission. Es sind Anlagenbauer wie die SMS Group, die hier Pionierarbeit leisten. „Wir als Anlagenbauer sind ein Technologieunternehmen“, sagt Windt deshalb. Und signalisiert: Wir wissen, dass wir innovativ sein müssen, damit die Branche das übersteht. Auch die großen Digitalplattformen in den USA, von Facebook über Google bis Amazon, verstehen sich allesamt als Technologiekonzerne.

Seit 2018 erkundet Katja Windt für die SMS-Gruppe, was möglich ist, seitdem gehört sie zur Geschäftsführung um CEO Burkhard Dahmen. Bis dahin hatte Windt an der privaten Jacobs University in Bremen gearbeitet, zunächst als Professorin für Produktionslogistik, dann als Präsidentin, als Managerin. Seit drei Jahren pendelt sie nun, Woche für Woche, zwischen Bremen und Düsseldorf. Auch während der Pandemie war sie fast durchgängig vor Ort, kümmert sich jetzt eben nicht mehr um die Finanzen einer Universität, um Abschlussfeiern mit Doktorhüten und Talaren, sondern um die Walzqualität von Stahlprodukten. War das ein Kulturbruch? Sind das Lebenswelten, die hier aufeinanderprallen? Keineswegs, sagt Windt. Den Schritt ins Management sei sie schon an der privaten Universität gegangen – und die Nähe zu Industrieprojekten habe sie auch während ihrer Hochschulzeit immer gepflegt.

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    Ein selbstlernendes Musterwerk in Arkansas

    Bei Null anfangen musste Windt bei der SMS Group nicht. Vor allem mit der Entwicklung eines Musterbeispiels für ein selbstlernendes Stahlwerk für den US-Konzern Big River Steel sorgten die Deutschen in der Branche für Furore. Mehr als 50.000 Sensoren erheben in dem Werk im US-Bundesstaat Arkansas Daten, an Maschinen, an Produkten. So kann es weitgehend autonom gesteuert und kontinuierlich in der Leistung gesteigert werden.

    Windt entwickelte die Nutzung von Daten konsequent fort. Eine der größten Herausforderungen dabei: die Welt der Metallurgen mit der Welt von Programmierern, Data Scientists und KI-Spezialisten zusammenbringen. Windt sah und sieht diese Kombination als Chance. „Wir haben gegenüber allen anderen Digitalisierungs-Start-ups einen entscheidenden Vorteil“, sagt sie „Wir haben 150 Jahre Prozess-Know-how in der Metallindustrie: Wir wissen zum Beispiel, wie sich Stahl in der Ausprägung seiner Eigenschaften verhält, wenn er gewalzt wird. Wir kombinieren unser Wissen in der Metallurgie mit lernenden Algorithmen. Über Mustererkennungsprozesse können wir so Parameterkombinationen identifizieren, die Fehler verursachen und diese Fehler künftig verhindern.“ 

    Windts Hebel: Die SMS Digital GmbH, eine Ideenschmiede im Konzern, agil, jung, zumindest jünger. Als Windt anfing, gab es einen Kern von 20 IT-Spezialisten, heute gibt es ein globales Netzwerk von über 350 Experten. Schritt für Schritt hat Windt diese Digitalspezialisten immer enger, immer näher ans Kerngeschäft herangeholt. Intern ernannte sie Botschafter, die einen Kulturwandel hin zum Denken in digitalen Kategorien erleichtern sollten.

    Metaverse Mönchengladbacher Art

    Geliefert hat Windts Team. Über 200 digitale Produkte hat die SMS Group im Angebot: Die schon länger vorhandene Technik rund um Virtuelle Realität (VR) und Augmented Reality (AR) hat sie weiter entwickelt. So genannte „Digital Twins“, digitale Zwillinge, gehören mittlerweile zum Standard. Das bedeutet: Über ein Werk werden so viele Daten gesammelt, dass es virtuell noch einmal abgebildet und teilweise sogar begangen werden kann, vor der Inbetriebnahme, mit Live-Daten aber auch während des Betriebs. Eine schwere Trägerstraße in China konnte die SMS-Group so aus der Ferne in Betrieb nehmen, auch eine Stauchpresse in Russland. Metaverse Mönchengladbacher Art.

    Der Nutzen liegt auf der Hand: „Wo können wir Energie einsparen? Wo können wir Kosten entlang der gesamten Wertschöpfungskette unserer Kunden optimieren? Wo können wir die Qualität der Produkte verbessern? In welcher Reihenfolge sollen die Aufträge in der Anlage produziert werden?“ Alle diese Fragen kann Windt jetzt mit Hilfe der Daten und lernender Algorithmen beantworten. „Wir sagen Fehler nicht mehr nur voraus, sondern passen Parameterkombinationen gleichzeitig so an, dass wir Fehler vermeiden, bevor sie auftreten. Das ist für mich der Kern von Industrie 4.0“, sagt Windt. Das Ziel sei eine weitgehend automatisierte Fabrik, die, fast ortsunabhängig, digital gesteuert werden kann. 

    Sichtbar für den Nachwuchs

    Für Windt, wie für so viele Technologiefirmen, ist das Recruiting zentral, um die Digitalisierung weiter voranbringen zu können. Um für den Nachwuchs sichtbar zu sein, lehrt die Professorin noch einmal im Jahr, im Masterprogramm Data Engineering an der Jacobs University in Bremen. 

    Der Mangel an jungen Frauen und Mädchen in Technik-Berufen und in den Ingenieurswissenschaften ist dabei auch für Windt eine Herausforderung: „Es liegt mir am Herzen, dass mehr Frauen in diesen Bereich gehen“, sagt sie. Früher, erzählt Windt, habe sie selbst bei Anfragen an Schulen referiert und versucht, in vielen Gesprächen gerade Mädchen und junge Frauen für Technik zu begeistern, auch als Mentorin für Studentinnen ist sie aktiv gewesen. Windt hat selbst drei Kinder, zwei davon sind schon aus dem Haus. Sie weiß, wie prägend Vorbilder sind, gerade in der Schule. Bei SMS Digital liegt der Frauenanteil derzeit bei rund 24 Prozent.

    Woher nur soll die grüne, günstige Energie kommen?

    Windt weiß auch, dass ihren Kunden – gerade in Europa – derzeit nicht nur der Digitalisierungsdruck zu schaffen macht, sondern dass die Stahlerzeuger allesamt vor der immensen Herausforderung stehen, ihre Produktion zu dekarbonisieren, dass sie in den nächsten Jahren weg müssen von der CO2-intensiven Produktion. Die Technik dieser Zukunft gibt es schon, so genannte Direktreduktionsanlagen. Die Energiequelle der Zukunft gibt es auch, den grünen Wasserstoff, gewonnen über Elektrolyse mit grünem Strom. Nur gibt es, und das ist ein Problem, diesen Wasserstoff längst nicht in ausreichenden Mengen – und das absehbar auf Jahre hinaus. Die Hersteller müssen also jetzt in Technologien investieren, die zukunftsfähig sind, aber auch während des Übergangs funktionieren.

    Windt sagt, die SMS Group könne „für alle Wege in der Stahlproduktion Lösungen zur Dekarbonisierung anbieten.“ Bedeutet: Auch für den Übergang. Dabei konzentriert sie sich auch darauf, Antworten zu finden auf die Gretchenfrage: Wo soll der grüne Wasserstoff nur herkommen: „Wir engagieren uns in der Entwicklung von Technologien zur Herstellung von Wasserstoff“, sagt Windt. Besonders „spannend“ sei die Herstellung synthetischer Gase für die Produktion von synthetischen Kraftstoffen. Beteiligt hat sich die SMS Group etwa an dem Dresdner Start-up Sunfire, das sich unter anderem auf die als besonders effizient geltende Hochtemperatur-Elektrolyse spezialisiert hat. Solche Firmen sind es, die den Stoff für die Stahlwende liefern könnten.

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    Was sie antreibe, sagt Windt, sei die Möglichkeit, gerade von Ingenieuren, Theorien in konkrete Prozesse zu übersetzen, in konkrete Veränderung. Dabei geht es ihr nicht nur um Umsatz. Gerade das Ziel der Klimaneutralität begreift Windt als Herausforderung für ihren gesamten Berufsstand, als Mission. „Wir haben eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe:“, sagt sie. „Die Welt ein Stück weit CO2-ärmer zu machen. Die Technologien sind vorhanden. Für die Umsetzung benötigen wir günstige grüne Energie.“

    Gut möglich, dass bei der Lösung dieses sehr realen Problems auch Windts virtuellen Welten eine entscheidende Rolle spielen können.

    Am 18. November wird der Entscheidungsmacher im Rahmen eines exklusiven Dinners in Frankfurt gekürt. Mehr über diese Veranstaltung und auch die Anmeldung finden Sie hier: https://anmeldung.me/enma/

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