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Dioxin Wie kommt das Gift ins Huhn?

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Nur ein Betrieb ist bis zu diesem Zeitpunkt außen vor: Petrotec. Das Unternehmen mit Sitz in Borken produziert in Emden Biodiesel. Dabei fallen Fettsäuren an. Und die verbinden die beiden Unternehmen. Petrotec verkaufte diesen Rohstoff an Harles und Jentzsch mit dem Zusatz: nur für den technischen Einsatz. Das ist wichtig, weil sich Petrotec damit völlig korrekt verhalten hat – selbst wenn in diesen Fettsäuren Dioxin enthalten war. Die Grenzwerte beim technischen Einsatz sind großzügig.

Was die Sache für die Ermittler nicht einfacher macht: Zwischengeschaltet war auch noch ein Händler namens Olivet aus den Niederlanden. Petrotec lieferte die Fettsäure allerdings direkt an die Spedition Lübbe, deren Rolle als Partner von Harles und Jentzsch im Zuge der Recherchen immer dubioser wird. Plötzlich hieß es, Lübbe sei gar nicht registriert und sei deshalb auch nie kontrolliert worden. Registrieren lassen müssen sich jedoch nur Hersteller von Futtermitteln. Wenn Lübbe aber nur lagert, abfüllt und transportiert? Diese Frage könnte den Juristen noch Probleme bereiten.

Harles und Jentzsch selbst ist als Futtermittelproduzent gemeldet und hatte Mitte vergangenen Jahres noch Besuch von staatlichen Kontrolleuren. Die fanden aber nichts Verdächtiges. Was die Sache kompliziert: Das Unternehmen produziert auch Fette, die nur für den technischen Einsatz bestimmt sind. Deshalb kann man wohl davon ausgehen, dass sich Geschäftsführer Siegfried Sievert auf dem gesamten Markt bestens auskennt. Die Rohstoffe weisen enorme Preisunterschiede aus. So kostet eine Tonne Fettsäure für Futter etwa doppelt so viel wie eine Tonne Fettsäure, die nur für den technischen Einsatz erlaubt ist – wie eben die Ware von Petrotec.

In welchem Umfang belastete Fette womöglich missbräuchlich oder versehentlich falsch verwendet wurden, das konnte die Staatsanwaltschaft noch nicht ermitteln. Bis vergangenen Dienstag war selbst die wichtigste Frage noch nicht geklärt: Wie kam das Gift ins Fett und damit in die Hühner?

Eine Suche nach der Antwort führt in den Tiefseehafen von Emden, wo die Petrotec AG eine von zwei Fabriken zur Herstellung von Biodiesel betreibt. Anders als das Gros seiner Konkurrenten stellt Petrotec den Treibstoff allerdings nicht aus frischen Ölsaaten her, beispielsweise aus Raps, Sonnenblumen, Sojabohnen oder Palmöl, sondern aus altem Speisefett. Früher diente solcher Stoff als Tierfutter. Doch laut europäischen Hygienevorschriften, die nach dem BSE-Skandal im Jahr 2002 in Kraft traten, ist die Fütterung von Nutztieren mit Küchen- und Speiseabfällen verboten. Da aber altes Speisefett im Sinne des Gesetzes zur Förderung der Kreislaufwirtschaft nicht einfach Abfall, sondern ein wiederzuverwertender Reststoff ist, mussten andere Nutzungswege erschlossen werden. Einer davon ist die Herstellung von Biodiesel.

Biodiesel aus pflanzlichem Altfett gilt sogar als Nonplusultra in Sachen Umweltschutz. Der Stoff sorgt laut EU-Testat für 83 Prozent weniger klimaschädliche Treibhausgasemissionen als fossiler Diesel. Selbst im Vergleich zu Biodiesel aus frischem Pflanzenöl ist die Klimabilanz des Frittenfettdiesels unschlagbar; der Grund dafür ist, dass dem Altöl die bei der Pflanzenproduktion entstehenden Emissionen nicht zugerechnet werden.

Verrückt, sollte ausgerechnet bei so viel Bio das Gift Dioxin entstehen.

Tut es vermutlich auch nicht. Jedenfalls bestätigen Experten vom Umweltbundesamt bis zu Greenpeace, dass die Entstehung von Dioxinen bei der Biodieselherstellung so gut wie ausgeschlossen ist. Erstens werden dabei nicht die nötigen Temperaturen von mindestens 300 Grad Celsius erreicht, und zweitens fehlt Chlor, jene Substanz, ohne die kein Dioxin entsteht. Auch beim vorangegangenen Frittieren werden die für die Dioxinbildung nötigen Temperaturen nicht erreicht. Das Gift kann also weder im Biodiesel sein noch in der Fettsäure, die dem Öl vor Beginn des eigentlichen Herstellungsprozesses entzogen und von Petrotec, korrekt als Produkt zur technischen Verwendung deklariert, verkauft wird. Die Säure muss dioxinfrei sein. Normalerweise.

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