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Ernährung Aufmarsch der Klon-Steaks

Amerikanische Supermärkte verkaufen erstmals Fleisch geklonter Tiere. Bald könnte Klon-Fleisch auch in deutschen Kühltheken landen – und wir würden es nicht einmal merken. Müssen wir uns sorgen?

Klonschaf Dolly: Amerikanische Quelle: AP

Ein schmaler Weg, gesäumt von Pappeln, führt auf den Hof. Eine Villa steht da, umrahmt von kleinen, weißen Häusern und Stallanlagen. In einem halb offenen Stall malmen rund zwei Dutzend braun-weiß gefleckte Kühe Heu. Tierarzt Michael Hölker betrachtet die idyllische Szene zufrieden und nimmt einen kräftigen Schluck aus einem Kaffeebecher. Er sieht dabei nicht gerade aus wie einer, der die deutsche Landwirtschaft revolutionieren will.

Doch er steht kurz davor. In der Ecke seines Stalls, ganz hinten links stehen fünf trächtige Tiere. Fünf geklonte Kälber „sind da im Anmarsch“, sagt Hölker. Hier, auf dem jahrhundertealten Landgut am Fuße des Siebengebirges, könnte sich die Zukunft unserer Landwirtschaft entscheiden. Der 33-jährige Hölker gehört zu den wenigen deutschen Wissenschaftlern, die Tiere klonen. Mehr als ein halbes Dutzend Rinder hat er schon kopiert, bislang aber nur zu Forschungszwecken. Gespannt blickt Tierarzt Hölker nun in die USA.

Seit Monaten lassen dort Viehzüchter ihre besten Rinder, deren Nachkommen besonders gutes Fleisch auf den Rippen haben, im Labor vervielfältigen. Die Nachkommen dieser Klon-Tiere werden nun geschlachtet, und die ersten Klon-Steaks dürften in diesen Tagen in den Kühltheken amerikanischer Supermärkte landen.

Ginge es nach Hölker, wird es solche Steaks bald auch in Deutschland geben: Der Veterinär will die Kopiertechnik auch hierzulande kommerziell anbieten. Interessierte Züchter gibt es zuhauf. Was fehlt, ist rechtliche Klarheit, ob das Klonen von Nutztieren in Deutschland und der Verkauf von so gewonnenem Fleisch überhaupt erlaubt ist. Vor fast 13 Jahren begann mit Dolly, der genetischen Kopie eines walisischen Bergschafes, das Zeitalter künstlich geklonter Säugetiere. Als Klone bezeichnen Wissenschaftler Pflanzen, Tiere oder auch Mikroorganismen, die durch ungeschlechtliche Vermehrung entstehen und völlig identisch sind mit dem Original. Das geschieht bei vielen Organismen von Natur aus: Amöben oder Pantoffeltierchen vermehren sich durch simple Zellteilung.

Doch die meisten Tiere pflanzen sich geschlechtlich fort. Sie müssen Ei- und Samenzelle zu einem Embryo verschmelzen, der sich dann zu einem neuen Organismus entwickelt. Bis heute gelang es Wissenschaftlern, 18 Säugetierarten zu klonen. Weltweit gibt es 4000 Klon-Kühe, 1500 Klon-Schweine und mehrere Hundert geklonte Schafe und Ziegen. Die meisten kopierten Tiere haben Biowissenschaftler geschaffen, um an ihnen zu forschen.

Auch Tierzüchter entdecken Klon-Technik

Inzwischen interessieren sich aber nicht mehr nur Forscher, sondern auch Tierzüchter und Unternehmen für die Klon-Technik. Erst vor wenigen Wochen haben japanische Wissenschaftler aus tiefgefrorenen Hodenzellen ein Rind namens Yasufuku kopiert. Das Tier ist legendär, weil seine Nachkommen besonders zartes Fleisch liefern. Nun ist dort die Diskussion entbrannt, ob das kopierte Fleisch in den Verkauf gehen darf. Die Regierung steht einer Freigabe positiv gegenüber.

In den USA ist die Politik schon weiter. Im vergangenen Jahr erklärte die US-Lebensmittelbehörde FDA Fleisch und Milch von kopierten Tieren für unbedenklich. Seitdem gibt es für die professionellen Klon-Unternehmen wie Cyagra, Viagen, Trans Ova Genetics oder Minitube richtig viel zu tun — immer mehr Züchter be-geistern sich für die Technik. Die Politik appellierte zwar an alle Beteiligten, sich an die freiwillige Vereinbarung zu halten und kein Fleisch geklonter Tiere in den Handel zu bringen. Das bezieht sich aber nur auf die Klone – nicht mehr auf deren Nachwuchs. In der Regel werden geklonte Zuchtbullen schon aus wirtschaftlichen Gründen nicht geschlachtet, denn das Klonen eines Rindes kostet im Schnitt 25.000 Dollar. Stattdessen sollen sie möglichst viele Kühe befruchten.

Und die ersten Nachkommen geklonter Super-Bullen erreichen gerade amerikanische Verbraucher. Donald Coover, Chef des amerikanischen Klon-Spezia-listen SEK Genetics, geht noch einen Schritt weiter: „Ich bin mir sicher“, sagt er, „dass der Nachwuchs von Klon-Tieren in den USA schon längst in der Nahrungskette ist.“

Wer die Wahrheit sucht, fischt im Trüben. Nirgends auf der Welt gibt es eine Kennzeichnungspflicht für Klon-Fleisch – und erkennen lässt es sich nicht. Der Grund: Im Erbgut der Klon-Tiere wurden keinerlei Veränderung vorgenommen, anders etwa als bei Gentech-Pflanzen für die Lebensmittelproduktion. Die Klone sind lediglich die genetische Kopie eines bereits existierenden Tieres.

Solche Kopien sind ein Riesengeschäft. Für einen Klon ihrer besten Tiere zahlen die Züchter Tausende Euro. Im US-Bundesstaat Kansas hat Tierarzt Coover eine Scheune und ein Labor. Seit knapp drei Jahrzehnten ist seine Firma SEK Genetics Dienstleister für Tierzüchter. Sein Angebot reicht von künstlicher Besamung bis hin zu Embryo-Transfers. Neuerdings klont er auch Tiere. Zwölf Rinder hat der Ex-Army-Pilot im Auftrag von Tierzüchtern bereits kopiert – und es sollen noch viele mehr werden. Die Anfragen häufen sich, wie bei allen Klon-Spezialisten der Welt.

Von der neuen Technik profitieren vor allem die Züchter. Denn schon länger läuft die Fortpflanzung von Rindern nicht mehr auf natürliche Weise ab. Auf den meisten Höfen gibt es gar keine Bullen mehr. In aller Regel werden die Kühe deshalb künstlich befruchtet. Sex im Stall ist längst Geschichte. Das Sperma kommt von wenigen Hochleistungsbullen. Diese Tiere sind das Ergebnis jahrzehntelanger Züchtung. Sie wachsen schnell, ihre weiblichen Nachkommen geben viel Milch und sind gesund. Deshalb ist auch das Sperma dieser Super-Bullen schwer begehrt. Sie müssen 150.000 bis 200.000 Spermaportionen im Jahr produzieren. Für das Ejakulat eines internationalen Spitzenbullen zahlen Bauern bis zu 100 Euro.

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