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Ernährung Essen als Therapie

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Grafik: Gesundheitsfördernde Lebensmittel und ihre Kaufmotivation

Ob Antioxidantien Krebs vorbeugen? Fraglich, erwiderte die Behörde zum Entsetzen der gesamten Branche, die jahrelang Säfte und Soßen damit angepriesen hatte. Vor allem Oldtimer wie Vitamine und Mineralstoffe wurden durchgewinkt und bekamen grünes Licht. Viele Innovationen der Lebensmittelindustrie dagegen scheiterten in Parma. Deshalb steht die Verordnung massiv in der Kritik: „Das EU-Verfahren ist innovationsfeindlich und bürokratisch“, schimpft Peter Loosen, Leiter des Brüsseler Büros des Bundes für Lebensmittelrecht und Lebensmittelkunde, einem Lobby-Verband der Branche.

Doch so einfach ist es nicht. Denn auch Produktneuheiten konnten die Lebensmittelweisen überzeugen. Dabei fällt ein Name immer wieder: Provexis, ein britisches Startup, durchbricht die Chronik des Scheiterns. Es ergatterte die erste Werbeerlaubnis für eine echte Innovation: einen Tomatenextrakt. Der ist namenlos, farblos und schmeckt nicht einmal nach Gemüse. Doch er verbessert den Blutfluss, bescheinigt die Europäische Lebensmittelbehörde. Säfte, Suppen, Kapseln, Joghurts und Milchgetränke lassen sich damit in Gesundheitsnahrung verwandeln.

Die Werbeaussage ist Millionen Euro wert. Denn die Gesundheit von Herz und Kreislauf ist eines der wichtigsten Segmente des Marktes für funktionelle Lebensmittel. Jedes Jahr erleiden in Deutschland etwa 300 000 Menschen einen Herzinfarkt, weil Blutgerinnsel eine der großen Adern verstopfen, die das Herz versorgen. Ein ähnlicher Durchblutungskollaps im Gehirn, der Schlaganfall, trifft jährlich etwa 200 000 Menschen in Deutschland. Dem soll der blutverdünnende Stoff aus der Tomate vorbeugen.

Gesundes Essen entsteht mit klinischen Studien

Unternehmen weltweit rissen sich nach der Bewilligung der Gesundheitswerbung um Provexis. Im Juni erwarb der niederländische Enzymspezialist DSM eine exklusive Lizenz für die „Fruitflowtechnik“, so der Name der Produktionstechnik. Getränke, etwa Fruchtsäfte und Joghurts, die den Stoff enthalten, könnten Anfang 2011 auf den Markt kommen. Ein Apfel-Blaubeersaft sowie ein Orangen-Granatapfel-saft vertreibt ein britischer Lebensmittelhändler bereits unter dem Markennamen Sirco in englischen Supermärkten.

Zwei Millionen britische Pfund musste Provexis in die Hand nehmen und acht Studien am Menschen mit jeweils einigen Dutzend Probanden durchführen. Die Zutat aus der Tomate verminderte demnach das Zusammenballen der Blutplättchen – ein Maß für die Konsistenz des Lebenssaftes – um 7 bis 27 Prozent. Nebenwirkungen gäbe es nach bisherigem Kenntnisstand nicht, betont Juliane Kleiner, Chefin des Expertengremiums der Europäischen Behörde. Andere Produkte aus der Tomate oder die pure Frucht verdünnen das Blut nicht, denn die verantwortlichen Substanzen können in dieser Form nicht vom Körper aufgenommen werden. Erst die Fruitflow-Technik macht das möglich.

Provexis macht vor, wie gesundes Essen künftig entsteht: mit klinischen Studien am Menschen. Solche brauchte man bisher nur für die Zulassung von Arzneien. Die übrige Industrie ahmt das Erfolgsmodell jetzt nach. In den Forschungslaboren suchen die Lebensmittelproduzenten nach gesundem Essen ähnlich wie nach neuen Pillen. Nahrung und Arzneien rücken beim Vorbeugen von Krankheiten erstmals zusammen. Die Innovationssuche ist in vollem Gang.

Den Brückenschlag zwischen Pharma- und Lebensmittelsektor verdeutlicht auch Nestlés neuester Schachzug: Ende September gründete der Schweizer Konzern die Tochter Nestlé Health Science. Das neue Unternehmen soll Produkte gegen Krankheiten wie Diabetes, Übergewicht, Herz-Kreislauf-Erkrankungen und Demenz designen; Lebensmittel, aber auch Arzneien.

„Wir geben mit unseren Forderungen die Richtung der Forschung vor“, sagt EU-Expertin Kleiner. Sie macht aber keinen Hehl daraus: Arzneimittel werden auch künftig wesentlich strenger geprüft. Die klinischen Studien für Arzneien sind etwa zehn Mal so teuer, dauern Jahre und nicht Monate wie bei gesunden Lebensmitteln.

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