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Ernährung Essen als Therapie

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Nestlé gründete Ende Quelle: REUTERS

Viele Firmen bereiten inzwischen neue Anträge vor. Unilever etwa kündigt Innovationen bei gesünderen Fetten an. Kraft Foods Europe hat im Juli einen Antrag für Frühstückprodukte wie Müsli und Getreideflocken auf Basis neuer wissenschaftlicher Erkenntnisse eingereicht. Andere Produkte haben die Hürde dagegen bereits erklommen und ein „Health Claim“ ergattert. Zum Beispiel das Beta-Glucan, ein löslicher Ballaststoff aus Gerste und Hafer. Mindestens drei Gramm davon am Tag „tragen zu einem gesunden Cholesterinspiegel bei“, bescheinigten die Lebensmittelweisen in Parma. Je weniger schädliches Cholesterin im Blut zirkuliert, desto geringer ist die Gefahr für Herz-Kreislauf-Erkrankungen, insbesondere für Arterienverkalkungen.

Ruedi Duss, Geschäftsführer der Creanutrition im schweizerischen Zug, jubelte innerlich, als er von der Entscheidung erfuhr. Das Unternehmen entwickelte in jahrelanger Arbeit eine spezielle Haferkleie mit etwa viermal so viel Beta-Glucanen wie gewöhnlich. Mehrere Millionen Euro flossen in 15 klinische Studien. In einer der Studien drückte die Kleie, über vier Wochen eingenommen, bei 345 Probanden mit erhöhtem Cholesterinspiegel den Pegel des schädlichen Cholesterins um durchschnittlich 5,5 Prozent. Nestlé setzt sie schon in etlichen Getreideriegeln ein. Auch Kellogg’s Frühstücksflocken Optivita sind mit der heilsamen Kleie bereits angereichert.

Nur zwei Cholesterinsenker überzeugten in Parma

„Das Interesse an unserer Haferkleie hat seit der Bewilligung der Gesundheitswerbung stark zugenommen“, sagt Duss. Der Grund: Anträge zu vermeintlich bewährten Cholesterinsenkern wie Vollkorn, Omega-3-Fettsäuren, Ballaststoffen und Sojaeiweißen fielen durch. Nur zwei Cholesterinsenker überzeugten in Parma: pflanzliche Sterole, wie sie das Unternehmen Unilever in Margarine einsetzt und seit September auch Danone in Trinkjoghurts. Und Beta-Glucane.

Ungezählte Firmen müssen jetzt ihre Produkte modifizieren, wenn sie mit Cholesterinreduktion weiter werben wollen. Noch im Oktober will etwa der Nahrungsergänzungsmittelhersteller Dr. Wolz Zell ein neues Produkt mit der Haferkleie auf den Markt bringen. Das Unternehmen aus Geisenheim exportiert weltweit und ist Vertragslieferant der Reformhauskette Neuform. „Jetzt machen wir ein Produkt, das sich an die Vorgaben der Lebensmittelbehörden hält“, sagt Geschäftsführer und Ernährungsmediziner Georg Wolz. 16 Gramm des Pulvers in Milch eingerührt sollen den Cholesterinspiegel um 10 bis 14 Prozent senken.

Die Zielgruppe hat Wolz klar vor Augen: „Es gibt eine Reihe von Patienten mit leicht erhöhtem Cholesterinspiegel, denen der Arzt noch keine Medikamente verschreibt.“ Das Potenzial lassen die Umsatzzahlen der Pharmabranche erahnen: Hierzulande beläuft sich der Markt für cholesterinsenkende Medikamente auf rund 2,5 Milliarden Euro.

Die genehmigte Gesundheitswerbung zu Beta-Glucanen zieht ihre Kreise bis in die akademische Forschung. Seit September 2010 finanziert das Bundeswirtschaftsministerium zwei deutsche Forschungseinrichtungen mit einer halben Million Euro. Der Familienbetrieb Dieckmann Seeds im niedersächsischen Nienstädt koordiniert das Projekt, in dem gesündere Lebensmittel für Herz und Kreislauf erfunden werden sollen. Dieckmann Seeds erhielt im Frühjahr 2008 die Zulassung für eine weltweit einzigartige beta-glucan-reiche Gerste. Im Korn stecken 50 Prozent mehr des Ballaststoffes als in handelsüblichen Sorten. Der Saatzuchtbetrieb malt sich große Chancen mit dieser Gerste aus. Denn aus dem neuen Korn lässt sich ein Mehl mahlen, das mehr Beta-Glucane enthält als alle anderen Getreidemehle.

Nur backen konnte man damit bisher schlecht. Karl Schmitz, Inhaber des süddeutschen Bäckereizulieferers Schapfenmühle in Ulm, hat jetzt als Erster zumindest eine Mahltechnik erfunden, die das Gerstenmehl backbar macht. Doch nun steht der Bäckermeister vor dem nächsten Problem. Um Backmischungen für Brote und Backwaren mit den gesundheitsfördernden Wirkungen der Gerste bewerben zu können, muss er beweisen, dass im Brot die geforderten 0,75 Gramm Beta-Glucan pro Portion stecken.

Noch aber lässt sich der Ballaststoff nicht zuverlässig nachweisen. Deshalb arbeitet Ute Bindrich vom Deutschen Institut für Lebensmitteltechnik in Quakenbrück an einer genaueren Analysemethode für Beta-Glucane im Brot. Wenn ihr das gelingt, sind Brot und Brötchen fürs Herz nicht mehr weit. Dann heißt es beim Kauf des Frühstückbrötchens wohl nicht mehr nur zwischen Sesam, Vollkorn oder Krusti auszuwählen. Dann legen Erfinder wie Schmitz noch Backwaren mit neuen Slogans wie „stärkt das geschwächte Herz“ dazu.

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