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Ernährung Essen als Therapie

Lebensmittel, die nicht nur gesund, sondern heilsam sind, sichern Herstellern Milliardenumsätze. Erstmals und weltweit einmalig hat eine EU-Behörde jetzt systematisch geprüft, welche Produkte wirklich vor Infarkten und Bluthochdruck schützen.

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Werbung für Lebensmittel wird Quelle: AP

Schützt vor Krebs, stärkt die Abwehrkräfte, hält jung und vital – moderne Nahrungsmittel versprechen Gesundheit pur. Das kommt an. Der Markt für funktionelle Lebensmittel wächst global und ist noch längst nicht ausgeschöpft. Laut Marktforschungsinstitut AC Nielsen erzielen sie alleine in Deutschland bereits über fünf Milliarden Euro Umsatz. Umfragen zufolge achten rund 43 Prozent der Deutschen beim Kauf auf einen gesundheitsfördernden Zusatznutzen.

Pizza statt Pille – das wäre geradezu genial. Allein der Glaube daran fehlte bisher. Denn selbst wenn Kunden aller Altersschichten liebend gerne zu Brot oder Müsli, Joghurt oder Marmelade griffen, wenn die nur schlank oder schön machten – bisher zweifelte der Großteil von ihnen an der Wirkung des sogenannten Functional Food.

Schließlich trommeln Hersteller mit den sonderbarsten Slogans für ihre angeblich gesundheitsfördernden Produkte. So sollten Kaugummis Karies vorbeugen und Müsliriegel den trägen Darm sanieren. Und für den angeblich lebensverlängernden Saft aus Granatäpfeln wirbt der US-Hersteller Pom Wonderful – höchst umsatzwirksam – mit dem Spruch: „Ihr Arzt wird Sie vermissen.“ Erlaubt war, was sich verkaufte.

Beweis für Gesundheitsförderung muss angetreten werden

Damit ist jetzt Schluss. In einem weltweit einmaligen Prüfverfahren müssen die Hersteller nun der europäischen Behörde für Lebensmittelsicherheit (EFSA) im oberitalienischen Parma tatsächlich die gesundheitsfördernde Wirkung ihrer Produkte beweisen, wenn sie damit werben wollen. In Studien am Menschen müssen Hersteller belegen, dass Probiotika wirklich Abwehrkräfte wecken, Vitamine jünger machen und Kalzium die Knochen stärkt – ein absolutes Novum für die Lebensmittelbranche. 21 renommierte Experten, vielfach Universitätsprofessoren, knöpfen sich Studien und Daten vor.

Es ist eine Mammutaufgabe: 44 000 Anträge aus allen EU-Mitgliedsländern gingen bisher in Parma ein. Um der Masse einigermaßen Herr zu werden, dampfte die Behörde die Flut der sogenannten „Health Claims“ auf knapp 5000 inhaltlich verwandte Anträge ein. Rund die Hälfte davon haben die Prüfer in Parma inzwischen bewertet. Die Beurteilung des jüngsten Schwungs von 800 Anträgen wurde vorige Woche veröffentlicht. Insgesamt fanden nicht einmal 400 vor den Experten Gnade.

Immerhin, heilsame Lebensmittel, Essen als Therapie, das gibt es tatsächlich: Ein Tomatenextrakt etwa hilft, Blut zu verdünnen und so das Risiko von Herzinfarkten oder Hirnschlag zu senken. Spezielle Getreidebestandteile senken wirklich den Cholesterinspiegel. Angesichts des großen Kundeninteresses für gesundheitsfördernde Lebensmittel bedeutet das Okay aus Norditalien für die Produzenten der entsprechenden Lebensmittel so etwas wie die Lizenz zum Gelddrucken.

Der große Rest der Branche allerdings ist von den Urteilen der Prüfer wenig begeistert: Nur etwa jeder fünfte Gesundheitsslogan hält nach Einschätzung der Experten, was er verspricht. Ein Kinderschokoriegel von Ferrero sollte Sprösslinge schneller wachsen lassen. Haltlos, so die Lebensmittelweisen. Manches, was bisher als Nonplusultra gesunder Ernährung gepriesen wurde, fiel in Parma durch. So auch das Probiotikum der finnischen Firma Valio. Mit dem Versprechen, die Abwehrkräfte zu stärken, dürfen die Finnen seither nicht mehr werben.

Aus Angst vor einem ähnlichen Flop zog der Lebensmittelriese Danone seinen Antrag für den millionenfach verkauften Kassenschlager Actimel bereits zum zweiten Mal zurück; vermutlich um belastbarere Studien beizubringen. Vorerst muss der probiotische Joghurt-Trunk, der angeblich die Körperabwehr aufbaut, ohne den Segen der Behörde auskommen.

Grafik: Gesundheitsfördernde Lebensmittel und ihre Kaufmotivation

Ob Antioxidantien Krebs vorbeugen? Fraglich, erwiderte die Behörde zum Entsetzen der gesamten Branche, die jahrelang Säfte und Soßen damit angepriesen hatte. Vor allem Oldtimer wie Vitamine und Mineralstoffe wurden durchgewinkt und bekamen grünes Licht. Viele Innovationen der Lebensmittelindustrie dagegen scheiterten in Parma. Deshalb steht die Verordnung massiv in der Kritik: „Das EU-Verfahren ist innovationsfeindlich und bürokratisch“, schimpft Peter Loosen, Leiter des Brüsseler Büros des Bundes für Lebensmittelrecht und Lebensmittelkunde, einem Lobby-Verband der Branche.

Doch so einfach ist es nicht. Denn auch Produktneuheiten konnten die Lebensmittelweisen überzeugen. Dabei fällt ein Name immer wieder: Provexis, ein britisches Startup, durchbricht die Chronik des Scheiterns. Es ergatterte die erste Werbeerlaubnis für eine echte Innovation: einen Tomatenextrakt. Der ist namenlos, farblos und schmeckt nicht einmal nach Gemüse. Doch er verbessert den Blutfluss, bescheinigt die Europäische Lebensmittelbehörde. Säfte, Suppen, Kapseln, Joghurts und Milchgetränke lassen sich damit in Gesundheitsnahrung verwandeln.

Die Werbeaussage ist Millionen Euro wert. Denn die Gesundheit von Herz und Kreislauf ist eines der wichtigsten Segmente des Marktes für funktionelle Lebensmittel. Jedes Jahr erleiden in Deutschland etwa 300 000 Menschen einen Herzinfarkt, weil Blutgerinnsel eine der großen Adern verstopfen, die das Herz versorgen. Ein ähnlicher Durchblutungskollaps im Gehirn, der Schlaganfall, trifft jährlich etwa 200 000 Menschen in Deutschland. Dem soll der blutverdünnende Stoff aus der Tomate vorbeugen.

Gesundes Essen entsteht mit klinischen Studien

Unternehmen weltweit rissen sich nach der Bewilligung der Gesundheitswerbung um Provexis. Im Juni erwarb der niederländische Enzymspezialist DSM eine exklusive Lizenz für die „Fruitflowtechnik“, so der Name der Produktionstechnik. Getränke, etwa Fruchtsäfte und Joghurts, die den Stoff enthalten, könnten Anfang 2011 auf den Markt kommen. Ein Apfel-Blaubeersaft sowie ein Orangen-Granatapfel-saft vertreibt ein britischer Lebensmittelhändler bereits unter dem Markennamen Sirco in englischen Supermärkten.

Zwei Millionen britische Pfund musste Provexis in die Hand nehmen und acht Studien am Menschen mit jeweils einigen Dutzend Probanden durchführen. Die Zutat aus der Tomate verminderte demnach das Zusammenballen der Blutplättchen – ein Maß für die Konsistenz des Lebenssaftes – um 7 bis 27 Prozent. Nebenwirkungen gäbe es nach bisherigem Kenntnisstand nicht, betont Juliane Kleiner, Chefin des Expertengremiums der Europäischen Behörde. Andere Produkte aus der Tomate oder die pure Frucht verdünnen das Blut nicht, denn die verantwortlichen Substanzen können in dieser Form nicht vom Körper aufgenommen werden. Erst die Fruitflow-Technik macht das möglich.

Provexis macht vor, wie gesundes Essen künftig entsteht: mit klinischen Studien am Menschen. Solche brauchte man bisher nur für die Zulassung von Arzneien. Die übrige Industrie ahmt das Erfolgsmodell jetzt nach. In den Forschungslaboren suchen die Lebensmittelproduzenten nach gesundem Essen ähnlich wie nach neuen Pillen. Nahrung und Arzneien rücken beim Vorbeugen von Krankheiten erstmals zusammen. Die Innovationssuche ist in vollem Gang.

Den Brückenschlag zwischen Pharma- und Lebensmittelsektor verdeutlicht auch Nestlés neuester Schachzug: Ende September gründete der Schweizer Konzern die Tochter Nestlé Health Science. Das neue Unternehmen soll Produkte gegen Krankheiten wie Diabetes, Übergewicht, Herz-Kreislauf-Erkrankungen und Demenz designen; Lebensmittel, aber auch Arzneien.

„Wir geben mit unseren Forderungen die Richtung der Forschung vor“, sagt EU-Expertin Kleiner. Sie macht aber keinen Hehl daraus: Arzneimittel werden auch künftig wesentlich strenger geprüft. Die klinischen Studien für Arzneien sind etwa zehn Mal so teuer, dauern Jahre und nicht Monate wie bei gesunden Lebensmitteln.

Nestlé gründete Ende Quelle: REUTERS

Viele Firmen bereiten inzwischen neue Anträge vor. Unilever etwa kündigt Innovationen bei gesünderen Fetten an. Kraft Foods Europe hat im Juli einen Antrag für Frühstückprodukte wie Müsli und Getreideflocken auf Basis neuer wissenschaftlicher Erkenntnisse eingereicht. Andere Produkte haben die Hürde dagegen bereits erklommen und ein „Health Claim“ ergattert. Zum Beispiel das Beta-Glucan, ein löslicher Ballaststoff aus Gerste und Hafer. Mindestens drei Gramm davon am Tag „tragen zu einem gesunden Cholesterinspiegel bei“, bescheinigten die Lebensmittelweisen in Parma. Je weniger schädliches Cholesterin im Blut zirkuliert, desto geringer ist die Gefahr für Herz-Kreislauf-Erkrankungen, insbesondere für Arterienverkalkungen.

Ruedi Duss, Geschäftsführer der Creanutrition im schweizerischen Zug, jubelte innerlich, als er von der Entscheidung erfuhr. Das Unternehmen entwickelte in jahrelanger Arbeit eine spezielle Haferkleie mit etwa viermal so viel Beta-Glucanen wie gewöhnlich. Mehrere Millionen Euro flossen in 15 klinische Studien. In einer der Studien drückte die Kleie, über vier Wochen eingenommen, bei 345 Probanden mit erhöhtem Cholesterinspiegel den Pegel des schädlichen Cholesterins um durchschnittlich 5,5 Prozent. Nestlé setzt sie schon in etlichen Getreideriegeln ein. Auch Kellogg’s Frühstücksflocken Optivita sind mit der heilsamen Kleie bereits angereichert.

Nur zwei Cholesterinsenker überzeugten in Parma

„Das Interesse an unserer Haferkleie hat seit der Bewilligung der Gesundheitswerbung stark zugenommen“, sagt Duss. Der Grund: Anträge zu vermeintlich bewährten Cholesterinsenkern wie Vollkorn, Omega-3-Fettsäuren, Ballaststoffen und Sojaeiweißen fielen durch. Nur zwei Cholesterinsenker überzeugten in Parma: pflanzliche Sterole, wie sie das Unternehmen Unilever in Margarine einsetzt und seit September auch Danone in Trinkjoghurts. Und Beta-Glucane.

Ungezählte Firmen müssen jetzt ihre Produkte modifizieren, wenn sie mit Cholesterinreduktion weiter werben wollen. Noch im Oktober will etwa der Nahrungsergänzungsmittelhersteller Dr. Wolz Zell ein neues Produkt mit der Haferkleie auf den Markt bringen. Das Unternehmen aus Geisenheim exportiert weltweit und ist Vertragslieferant der Reformhauskette Neuform. „Jetzt machen wir ein Produkt, das sich an die Vorgaben der Lebensmittelbehörden hält“, sagt Geschäftsführer und Ernährungsmediziner Georg Wolz. 16 Gramm des Pulvers in Milch eingerührt sollen den Cholesterinspiegel um 10 bis 14 Prozent senken.

Die Zielgruppe hat Wolz klar vor Augen: „Es gibt eine Reihe von Patienten mit leicht erhöhtem Cholesterinspiegel, denen der Arzt noch keine Medikamente verschreibt.“ Das Potenzial lassen die Umsatzzahlen der Pharmabranche erahnen: Hierzulande beläuft sich der Markt für cholesterinsenkende Medikamente auf rund 2,5 Milliarden Euro.

Die genehmigte Gesundheitswerbung zu Beta-Glucanen zieht ihre Kreise bis in die akademische Forschung. Seit September 2010 finanziert das Bundeswirtschaftsministerium zwei deutsche Forschungseinrichtungen mit einer halben Million Euro. Der Familienbetrieb Dieckmann Seeds im niedersächsischen Nienstädt koordiniert das Projekt, in dem gesündere Lebensmittel für Herz und Kreislauf erfunden werden sollen. Dieckmann Seeds erhielt im Frühjahr 2008 die Zulassung für eine weltweit einzigartige beta-glucan-reiche Gerste. Im Korn stecken 50 Prozent mehr des Ballaststoffes als in handelsüblichen Sorten. Der Saatzuchtbetrieb malt sich große Chancen mit dieser Gerste aus. Denn aus dem neuen Korn lässt sich ein Mehl mahlen, das mehr Beta-Glucane enthält als alle anderen Getreidemehle.

Nur backen konnte man damit bisher schlecht. Karl Schmitz, Inhaber des süddeutschen Bäckereizulieferers Schapfenmühle in Ulm, hat jetzt als Erster zumindest eine Mahltechnik erfunden, die das Gerstenmehl backbar macht. Doch nun steht der Bäckermeister vor dem nächsten Problem. Um Backmischungen für Brote und Backwaren mit den gesundheitsfördernden Wirkungen der Gerste bewerben zu können, muss er beweisen, dass im Brot die geforderten 0,75 Gramm Beta-Glucan pro Portion stecken.

Noch aber lässt sich der Ballaststoff nicht zuverlässig nachweisen. Deshalb arbeitet Ute Bindrich vom Deutschen Institut für Lebensmitteltechnik in Quakenbrück an einer genaueren Analysemethode für Beta-Glucane im Brot. Wenn ihr das gelingt, sind Brot und Brötchen fürs Herz nicht mehr weit. Dann heißt es beim Kauf des Frühstückbrötchens wohl nicht mehr nur zwischen Sesam, Vollkorn oder Krusti auszuwählen. Dann legen Erfinder wie Schmitz noch Backwaren mit neuen Slogans wie „stärkt das geschwächte Herz“ dazu.

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