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Felicitas Pauss Archäologin des Universums

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Teil des drei Milliarden Euro Quelle: AP

Bedauern Sie, dass ein einzelnes Forscherinnenleben vielleicht gar nicht reicht, um herauszufinden, was Sie wissen wollen?

… ja, das ist schon so. Aber ich hatte auch das Glück, jetzt aktiv sein zu können. Das LHC-Projekt habe ich von Anfang an mitverfolgt, schon Ende der Achtzigerjahre habe ich daran mitgearbeitet. Und es ist ein Teil meines Lebens geworden. 1983, da hatte ich gerade am CERN angefangen, haben wir die Trägerteilchen der schwachen Wechselwirkung entdeckt. Das war ganz wesentlich, um zwei grundlegende Kräfte der Natur – die elektromagnetische und die schwache Wechselwirkung – zu einer einheitlichen Kraft zusammenzufügen. Schon ein Jahr später wurde Carlo Rubbia, der Sprecher dieses Experiments, an dem ich auch beteiligt war, für diese Entdeckung mit dem Physik-Nobelpreis belohnt. Eine faszinierende Phase. Insofern war ich zur richtigen Zeit am richtigen Ort.

Könnten Sie eigentlich auch etwas Gefährliches herausfinden?

Gefährlich nein. Was sollte denn gefährlich sein? Wir finden höchstens neue Teilchen oder neue Wechselwirkungen. Einige dieser möglichen Entdeckungen könnten aber sehr spektakulär sein. Zum Beispiel: Unsere tägliche Erfahrung sagt uns, dass wir in einer vierdimensionalen Raum-Zeit leben. Es gibt jedoch theoretische Konzepte, wonach es mehr Raumdimensionen geben könnte. Bei manchen Theorien ist dies sogar ein Muss. Eine faszinierende Idee!

Man ist aber nicht Teilchenphysikerin, weil man reich werden will?

Sicher nicht!

Sind Physiker glückliche Menschen, wenn sie an so faszinierenden Entdeckungen mitarbeiten?

(Sie denkt lange nach.) Ich weiß nicht. Es ist an und für sich wichtig, sich mit Dingen zu beschäftigen, die einen begeistern. Egal, welche.

"In der Teilchenphysik gibt es einfach andere Spielregeln"

Hat es Sie schon einmal gelangweilt?

Nein, noch nie! Ganz im Gegenteil: Ich habe nicht genug Zeit, um all die verschiedenen Aspekte in meinem Forschungsgebiet vollständig abzudecken. Dazu kommen noch andere Forschungszweige, die Musik und vieles mehr.

Aber ein bisschen Ruhm und Ehre beglücken schon auch?

Wie wichtig Anerkennung ist, ist Charaktersache. Bei den großen Kollaborationen, an denen ich beteiligt bin, ist das vielleicht ein bisschen schwieriger. Ich werde immer wieder mal gefragt, wie das eigentlich sei, wenn fast 2000 Wissenschaftler eine Publikation schreiben …

Das ist also nichts für Egoisten?

In der Teilchenphysik gibt es einfach andere Spielregeln. Wir müssen koordinierte Entscheidungen treffen, die das Beste für das Experiment sind. Wir verfolgen ja ein gemeinsames Ziel. In der Bauphase heißt das zum Beispiel: Der Detektor muss rechtzeitig fertig sein und exzellent funktionieren. ATLAS, das andere große Experiment am LHC, stellt natürlich eine Konkurrenz dar. Aber das ist für mich eine positive, konstruktive Konkurrenz.

Werden Sie nach so vielen Jahren jetzt nicht langsam auch ein bisschen ungeduldig?

Aber ja! Wir sind schon sehr neugierig darauf, Kollisionen zu sehen – und freuen uns auf diesen Moment. Die ersten Zusammenstöße, die wir aufnehmen und dann mithilfe unserer Eventdisplays anschauen können – das wird wunderbar! Die lange Phase der Vorbereitung war manchmal schon wie ein dunkler Tunnel. Und jetzt sehen wir endlich das Licht am Ende. Der LHC ist ein weltweit einmaliges Projekt.

Dass wir es geschafft haben, diese technologische Komplexität des CMS-Experiments zu meistern, ist schon eine außergewöhnliche Leistung. Dass die verschiedenen Detektor-Komponenten aus der ganzen Welt hierher kamen und eingebaut wurden, dass das funktionierte – das beeindruckt mich immer wieder. Wir konnten vor 15 Jahren noch nicht sagen: ›Wir wissen jetzt, wie der CMS-Detektor in allen technischen Details aussehen wird.‹ Das Zusammenbauen war wirklich kein Kinderspiel. Das Zusammenspiel von so vielen Leuten auch nicht. Aber wir haben es geschafft – und das ist großartig.

Teilchenphysiker sind also auch so etwas wie Teilchen?

Ich vergleiche unsere CMS-Zusammenarbeit gerne mit einem großen Sinfonieorchester. In einem exzellenten Orchester müssen alle Musikerinnen und Musiker ihr Instrument ausgezeichnet beherrschen. Aber für ein gutes Konzert müssen auch alle perfekt zusammenspielen.

Und am CERN?

Wir brauchen vom Physiker, der sich auf die Analyse spezialisiert hat, bis zum Techniker die ganze Palette für den Bau dieser hochkomplexen großen Anlage bis hin zu Publikationen von neuen Ergebnissen. Die verschiedensten Instrumente sozusagen. Und auch im CMS muss gut zusammengespielt werden. In meiner Jugend habe ich viel Musik gemacht und dieses Zusammenspiel gelernt. Auch die Präzision habe ich in der Musik gelernt. Ich habe mit Geige angefangen, dann Klavier und Orgel und später noch Querflöte gespielt. Heute spiele ich leider aus Zeitgründen nicht mehr. Denn nur wenn man fleißig übt, ist das Musizieren ein Vergnügen!

Haben Sie die Teilchenphysik gesucht oder hat sie Sie gefunden?

Die Grundbausteine der Materie haben mich schon in der Schule fasziniert, und auch technische Geräte, mit denen man experimentieren kann. Aber damals wurde mir gesagt: Das ist nichts für Mädchen. Es war die reine Neugierde und meine Begeisterung für Physik, die sich am Ende gegen alle Widerstände durchgesetzt haben.

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