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Forscherinnen Gisela Schütz: Physikerin an der Spitze eines Max-Planck-Instituts

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Forscherin Schütz bei Labortest: Auf der Suche nach neuen Anwendungen Quelle: Bettina Flitner/Collection Rolf Heyne

Das technisch Interessante dabei ist: Der elektrische Widerstand ist unterschiedlich, je nachdem, ob die Schichten parallel oder antiparallel magnetisiert sind. Im ersten Fall ist der Widerstand sehr klein, im zweiten sehr groß. Das bedeutet, dass man durch kleine Magnetfelder große elektrische Signale erzeugen kann – und das mithilfe sehr dünner Schichten.

Diese magnetischen Schichten werden für viele Anwendungen gebraucht: für besonders kleine Leseköpfe von Festplatten in Computern etwa oder für Magnetsensoren in Autos. Und mit ihrer Methode kann Gisela Schütz auch neue Materialien maßschneidern: Wenn die benötigten Eigenschaften bekannt sind, lassen sich die dünnen Schichten konstruieren – wenn es sein muss, Atom für Atom.

Im Tiefgeschoss des Stuttgarter Instituts sitzen Studenten und Doktoranden am Computer. Was früher mühselig per Hand gemacht werden musste, können sie heute der Software überlassen. Ein paar Eingaben – und schon diktiert der Rechner einer speziellen Maschine („Sputteranlage“), wie bestimmte Atome zusammengebaut werden sollen.

Gisela Schütz selbst hat keine Zeit mehr, lange im Labor zu stehen. Mit 50 Mitarbeitern ist sie als Chefin gefordert, als Geldbeschafferin, als Ideengeberin. Das liegt ihr. „Ich bin eine Erfinderin“, sagt sie. Sie schwärmt von einem neuen Röntgenmikroskop mit besserer Auflösung, das ihr Team gerade entwickelt. Sie will verstärkt die magnetischen Eigenschaften von kleinsten magnetischen Partikeln untersuchen, etwa für Anwendungen in der Krebstherapie oder für Kernspinaufnahmen.

"Die Liebe zur Physik"

Die Schwierigkeit besteht darin, dass die meisten körperverträglichen Stoffe keine hohe Magnetisierung haben – demnach wird es vor allem darum gehen, neue biokompatible und zugleich magnetisierbare Materialien zu entwerfen.

Zudem erfordert die Röntgenspektroskopie besonderes Organisationstalent. Denn speziell die polarisierten Röntgenstrahlen, die man braucht, um magnetische Atome zu studieren, gibt es nur in Teilchenbeschleunigern wie am „Desy“ in Hamburg, am „Bessy“ in Berlin oder dem Synchrotron in Grenoble. Und die Messzeit ist begrenzt, sie wird wochenweise auf Antrag vergeben. Da muss man die Arbeit des großen Teams sehr gut im Voraus planen.

Das Reisen an die Röntgenquellen dieser Welt überlässt Gisela Schütz ihren Mitarbeitern („sie sind sehr, sehr gut“), so wie sie auch viele Einladungen zu Tagungen und Vorträgen weiterreicht. Seit zwölf Jahren ist sie nicht mehr in Amerika gewesen, ungewöhnlich für eine international erfolgreiche Physikerin. Doch den Kindern zuliebe – der jüngste Sohn ist inzwischen 13 – verzichtet sie auf das Reisen, das sie eigentlich sehr liebt. Und sie organisiert ihre Arbeitstage so, dass sie am späten Nachmittag bei den Hausaufgaben helfen oder einfach mit den Kindern reden kann. „Kleine Kinder brauchen nur Pflege, große brauchen eine Persönlichkeit“, davon ist die Mutter überzeugt.

Sie liebt ihre Kinder und möchte sie nicht missen, aber sie verhehlt nicht, wie viel Energie die drei sie gekostet haben. „Ich fühle mich oft sehr allein“, sagt sie, „ich brauche viel mehr Kraft für alles.“ Kraft, die ihr dann für die Arbeit fehle. Für die jüngeren Frauen in der Wissenschaft wünscht sie sich mehr finanzielle Unterstützung für Kinderbetreuung, mehr Ganztagsschulen, mehr Sportangebote, „um die Kinder vom Computer oder Fernseher wegzubekommen“. Ob sie noch Zeit für sich hat? Gelegentlich macht sie Musik, das ist ihr großes Hobby.

Manchmal, für ein paar Sekunden, wirkt Gisela Schütz sehr müde. Wie hat sie trotz der hohen Arbeitsbelastung, trotz der Einsamkeit das alles geschafft? Wenn man sie danach fragt, überlegt sie nur einen kurzen Moment. Dann huscht ein Strahlen über ihr schönes Gesicht. Und sie sagt nur: „Die Liebe zur Physik.“

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