Achterbahn-Pionier Der Meister des Achterbahn-Baus

Wer einen Achterbahn-Marathon auf dem Rummel oder im Freizeitpark absolviert, der fährt mit ziemlicher Sicherheit auf einer Entwicklung des Deutschen Werner Stengel. Er revolutionierte die Achterbahn-Welt.

Der Achterbahn-Ingenieur Werner Stengel in seinem Büro mit einem Achterbahn-Modell. Quelle: dpa

Graue Haare, rote Cordhose. Dazu ein Sakko mit Einstecktuch, auch rot. Auf den ersten Blick sieht Werner Stengel nicht unbedingt wie ein Grenzgänger aus. Kirmes-Plätze und Freizeitparks dieser Welt hätten ohne den 79-Jährigen allerdings ein anderes Gesicht. In seinem Fach - dem Ingenieurswesen - hat Stengel viele Grenzen verschoben und überwunden. Der Achterbahn-Looping von heute - ohne Stengel undenkbar. Ebenso wie das markerschütternde Kreischen vieler Fahrgäste. Nicht nur optisch, auch akustisch prägt Stengels Werk die Volksfeste dieser Welt.

Ob der „Olympia-Looping“, die größte transportable Achterbahn der Welt oder die „Wilde Maus“, bei der der Eindruck entsteht, der Wagen würde aus den Kurven getragen - Stengels Entwicklungen waren und sind innovativ und stilprägend für das Achterbahn-Wesen. An fast 700 Achterbahnen waren er und sein Team „ingenieursmäßig beteiligt“. Im Büro im Münchner Süden, das sein Schwiegersohn mittlerweile zusammen mit einem Partner leitet, tüfteln 13 Ingenieure an den Fahrgeschäften von morgen. Er selbst habe sich mittlerweile aus dem „operativen Geschäft“ zurückgezogen, sagt Stengel.

Die steilsten Achterbahnen der Welt

Mehr als 50 Jahre ist es her, dass Stengel die Achterbahn-Welt revolutioniert. 1963 jobbt der gebürtige Bochumer in einem Münchner Ingenieurbüro, als er Anton Schwarzkopf, einen Produzenten von Schausteller-Anlagen, kennenlernt. Für einen Kunden entwirft Stengel erst einen Auto-Scooter, dann die „Super Acht“, die erste deutsche Stahl-Achterbahn. Zehn Jahre später folgt der Looping, wie man ihn heute kennt.

Stengel werden im Laufe der Jahre etliche Spitznamen zuteil: „Herr der Fliehkräfte“ und „Pate des organisierten Erbrechens“, „Rollercoaster-Guru“ und „Rollercoaster-Papst“. „Stengel ist ein Pionier. Er hat maßgeblich geprägt, was heute möglich ist“, sagt einer, der es wissen muss. Marco Fiege ist Gründer der „Coaster Junkies Germany“, Achterbahnen sind seine Leidenschaft. Für ihn liegt Stengels größte Leistung in seiner Ruhelosigkeit: „Er war innovativ und hat seinen Stil immer wieder verändert.“

„Wegweisend“ nennt Jürgen Wild Stengels Arbeit. „Ohne ihn hätte es die Entwicklung der Achterbahnen so nicht gegeben“, sagt der Geschäftsführer des Bayerischen Landesverbands der Marktleute und Schausteller.

Die höchsten Achterbahnen der Welt

Stengel hat neue Fahrfiguren ermöglicht und mit seinem Looping dafür gesorgt, dass nach der Fahrt kein gebrochenes Schlüsselbein steht. Dazu hat er den Looping nicht in einer reinen Kreisform, sondern mit behutsameren Übergängen bei der Ein- und Ausfahrt konstruiert.

Er selbst formuliert eine überraschende These: „Geschwindigkeit ist gar nichts.“ Eine gute Achterbahn zeichne sich viel mehr durch das „Aneinanderreihen der Beschleunigung und Änderung der Beschleunigung“ aus. Soll heißen: Die Abwechslung zwischen schnell und langsam in Kombination mit dem Reiz des Unbekannten ist entscheidend.

Mit fast 80 Jahren steigt Stengel auch heute noch regelmäßig in die Achterbahn. „Sonst wüsste ich nicht, was Achterbahn-Freaks sich wünschen.“

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