Adipositas Experten fordern gesellschaftlichen Wandel

Wasser statt Limo, Fahrrad statt Auto: Um Übergewicht und Fettsucht vorzubeugen, sehen Fachleute den Staat in der Pflicht. Aber was sollen Menschen tun, die die Kilos schon auf den Rippen haben?

Die größten Kalorienbomben
ColaDie Weltgesundheitsorganisation (WHO) warnt vor den Folgen übermäßigen Zuckerkonsums und empfiehlt etwa für einen gesunden Erwachsenen, die tägliche Zufuhr auf rund 25 Gramm zu beschränken. In einer 330 Milliliter Flasche Cola stecken immerhin neun Teelöffel Zucker, was in etwa 36 Gramm entspricht - das Limit wäre mit einer kleinen Flasche Coca-Cola also schon gesprengt. Ein Blick auf weitere Kalorienbomben: Quelle: REUTERS
Ketchupflaschen Quelle: dpa
Wurst Quelle: dpa
Gummibärchen Quelle: dpa/dpaweb
Gläser mit Saft Quelle: obs
Milch in einem Glas Quelle: dpa
Ein gefangener Fisch Quelle: dapd

Immer mehr Deutsche werden dick - und die Dicken werden noch dicker. Eine „Adipositas-Epidemie“ beklagen Experten inzwischen: Angesichts dessen müsse der Staat eingreifen und gesündere Lebensbedingungen schaffen, forderte der Präsident der Deutschen Adipositas-Gesellschaft (DAG), Prof. Martin Wabitsch, am Donnerstag auf der DAG-Jahrestagung in Berlin. Fettsucht sei nicht etwa die Folge eines Fehlverhaltens Einzelner: „Adipositas ist eine Krankheit des Gehirns“, betonte er. Gerade die junge Generation sei gefährdet, da sie inmitten Betroffener aufwachse, so der Ulmer Kinder- und Jugendarzt.

Mehr Ausdauersport in der Schule, mehr Fahrradwege oder etwa eine veränderte Preispolitik bei Lebensmitteln halten die Fachleute für ratsam. „Vollkornbrot müsste billiger sein als Toast, der Apfel günstiger als der Schokoriegel“, forderte die Pharmakologin Prof. Annette Schürmann vom Deutschen Institut für Ernährungsforschung (DIfE) in Potsdam. Sie sieht das „kontinuierliche Essen“ als Knackpunkt: Um Fettreserven abzubauen, müssten Übergewichtige Snacks zwischen den Hauptmahlzeiten reduzieren oder zwei Fastentage pro Woche einlegen.

Wieviel Zucker steckt in...

Anders bei Adipositas: Auf der Berliner Tagung waren sich die Experten einig, dass auch Verhaltens- und Bewegungstherapie die Pfunde nicht langfristig purzeln lassen. Mit einem strengen Lebensstil könnten Betroffene lediglich ihr Gewicht kontrollieren. „Wer einmal in der Fettfalle steckt, hat kaum Chancen, das zu bekämpfen“, sagte der Chirurg Jürgen Ordemann von der Berliner Charité.

Mehr als die Hälfte der Erwachsenen in Deutschland ist nach Angaben der Deutschen Adipositas-Gesellschaft (DAG) übergewichtig. Von ihnen ist demnach jeder Vierte bis Fünfte fettleibig, also adipös. Bei Heranwachsenden im Alter von 3 bis 17 Jahren seien sechs Prozent von Adipositas betroffen, bei Jugendlichen von 14 bis 17 Jahren sogar acht Prozent.

USA verbieten ungesunde Transfette in Lebensmitteln
Was sind Trans-Fettsäuren?Auf der Zutatenliste verstecken sie sich in gehärteten Fetten und Ölen. Der Name klingt kompliziert und erklärt sich aus der Biochemie: Ungesättigte Fettsäuren liegen in der sogenannten Cis-Konfiguration vor. Das beschreibt die Position der Wasserstoffatome an Kohlenstoffatomen in einer Doppelbindung. Unter anderem durch industrielle Verarbeitungsprozesse oder durch starkes Erhitzen von Fetten kann es zu einer Veränderung dieser chemischen Bindungen kommen. So entstehen die Transfettsäuren - mit unerwünschten Effekten: Sie erhöhen das (schlechte) LDL-Cholesterin im Blut und senken zugleich das (gute) HDL-Cholesterin (dazu später mehr). Das wiederum stellt einen Risikofaktor für Herzinfarkt und Schlaganfall dar, wie Studien gezeigt haben. Besonders viele Transfettsäuren finden sich in Chips, Margarine, Pommes, Fertiggerichten, Süßigkeiten und Tütensuppen. Die amerikanische Lebensmittelbehörde FDA will innerhalb der nächsten drei Jahre Transfette aus Lebensmitteln verbannen und so tausende tödliche Herzinfarkte in der US-Bevölkerung verhindern. Bereits 2013 hatte die FDA erklärt, Transfette könnten nicht als
UnterscheidungGrundsätzlich werden Fette nach ihrer Herkunft unterschieden: Es gibt pflanzliche und tierische Fette. Pflanzliche Fette sind etwa Sonnenblumenöl oder Kokosfett; auch Nüsse und Saaten sind fettreich. Tierische Fette sind Schmalz, Sahne oder Butterfett - auch Fleisch- und Wurstwaren enthalten reichlich Fett. Fette, die bei Zimmertemperatur in flüssiger Form vorliegen, bezeichnet man als Öle. Quelle: DGE, BfR, eigene Recherche. Quelle: dpa
EnergieFette sind ein wichtiger Energielieferant und -speicher für den Körper. Die meisten Körperzellen bevorzugen Zucker zur Energiegewinnung. Doch Fett ist der zweitwichtigste Brennstoff für die Zellen. Dabei bringt Fett dem Organismus reichlich Energie: Ein Gramm Fett liefert 9 Kilokalorien. Zum Vergleich: Zucker liefert etwa 4 Kilokalorien. Essen wir mehr als wir brauchen, kann der Körper die überschüssige Energie in Form von Fett speichern - auch, wenn zu viel Zucker oder Eiweiß aufgenommen wurde. Diese Stoffe werden in Fett umgewandelt und im Fettgewebe eingelagert. Quelle: REUTERS
Triglyceride, gesättigte und ungesättigte FettsäurenDas Wort Triglyceride kennen viele von der Blutuntersuchung beim Arzt. Es bezeichnet die größte Gruppe der natürlich vorkommenden Fette. Man nennt sie auch Neutralfette. In dieser Form speichert der Körper Fett in seinen Zellen. Dabei hängen drei (tri) Fettsäuren an einem Glycerin-Rest. Fettsäuren sind lange Ketten von Kohlenstoff und Wasserstoff. Je nachdem, ob das Kohlenstoffgerüst der Fettsäuren Doppelbindungen enthält, unterscheidet man gesättigte Fettsäuren (nur Einfachbindungen), einfach ungesättigte Fettsäuren (eine Doppelbindung) und mehrfach ungesättigte Fettsäuren (zwei oder mehr Doppelbindungen). Der menschliche Körper kann Fettsäuren selbst herstellen - dabei kann aber höchstens eine Doppelbindung eingefügt werden. Mehrfach ungesättigte Fettsäuren zählen also zu den essentiellen Nährstoffen, die über die Ernährung zugeführt werden müssen. Der Körper braucht sie als Baustein für zahlreiche Stoffe. Quelle: Fotolia
CholesterinEier gelten als ungesund, weil sie viel Cholesterin enthalten. Dabei handelt es sich um einen fettähnlichen Stoff, der nicht per se schlecht ist: Cholesterin ist ein wichtiger Bestandteil der Membranen, die unsere Zellen umgeben, ein Vorläufer vieler Hormone und der Gallensäuren, die wichtig für die Fettverdauung sind. Der Körper kann Cholesterin selbst bilden und nimmt es zusätzlich über tierische Nahrungsmittel auf. Im Idealfall herrscht hier ein Gleichgewicht. Bei manchen Menschen funktioniert diese Regulation aber nicht; dann kann es zu erhöhten Cholesterinwerten im Blut kommen. Dies geht mit einem erhöhten Risiko für Gefäßverkalkung (Arteriosklerose) einher. Es gibt zudem
PflanzensterineImmer wieder in den Schlagzeilen: Die Margarine Becel pro.activ, die damit beworben wird, den Cholesterinspiegel zu senken. Zuletzt verpflichtete die EU den Hersteller Unilever dazu, einen Warnhinweis anzubringen. Seit Februar 2014 muss auf der Packung stehen:
Raffiniert, kaltgepresst,

Grundlage für die Einstufung ist der Body Mass Index (BMI), der sich aus dem Verhältnis von Körpergröße zu Gewicht errechnet. Adipöse Menschen haben ein erhöhtes Risiko für viele Gesundheitsprobleme, etwa Diabetes oder Herz-Kreislauf-Erkrankungen. Auch die Psyche kann leiden. Betroffene können sich an spezielle Kliniken wenden, die etwa zu Veränderungen des Lebensstils oder zu speziellen Therapien beraten.

Operationen etwa hätten sich bewährt, sagte Ordermann. Die Eingriffe verändern demnach je nach Methode Magen und Verdauungstrakt so, dass auch die für Hunger und Sättigung zuständigen Hormone positiv beeinflusst werden. Letztlich sinke das Risiko für Folgeerkrankungen wie etwa Diabetes, die das Gesundheitssystem belasten. Doch noch werde in Deutschland zu spät und im Vergleich mit anderen Ländern Europas zu selten eingegriffen. „Der Zugang zur OP und die Zusammenarbeit mit den Krankenkassen ist enorm schwierig“, sagte Ordemann. Angesichts des Leidensdrucks und der hohen Nachfrage von Betroffenen sei das „frustrierend“.

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Der Bundestagsabgeordnete Dietrich Monstadt betonte, verlockende Angebote für Kinder und Jugendliche wie Schokolade an der Supermarktkasse, Fast-Food-Läden neben Schulen oder riesige Limo-Becher im Kino müssten nicht sein. Der CDU-Politiker ist selbst von Adipositas betroffen und befürwortet eine nationale Strategie - obwohl natürlich „jeder sein eigener Gesundheitsmanager“ sei. Da aber immer mehr Menschen damit Probleme hätten, drohe auch bei der Zahl der Diabetiker ein „Tsunami“. Über Adipositas beraten noch bis zum 17. Oktober rund 500 Experten in Berlin.

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