ArtLab Was gefällt wem warum?

Der Trend geht zum musikalischen Allesfresser, und wer schlechte Filme mag, ist oft überdurchschnittlich gebildet: Ein Max-Planck-Institut erforscht, wem was warum gefällt.

Sängerin auf dem Sziget-Festival in Ungarn: Was finden wir schön, was nicht? Quelle: dpa

Eine Minikamera filmt die Gänsehaut am Arm, Sensoren an den Fingerkuppen messen den Hautleitwiderstand, eine Pulsuhr am Handgelenk zeichnet die Herzfrequenz auf. Wenn Testpersonen am Max-Planck-Institut für empirische Ästhetik in Frankfurt Kunstwerke genießen, ist das nicht nur Genuss.

Musikhören, Filme gucken oder Gedichten lauschen geschieht hier im Dienste der Wissenschaft. In dem Institut erforschen Forscher verschiedener Fachbereiche durch Befragen, Beobachten und Vermessen ein Thema, an dem Freundschaften zerbrechen und Beziehungen scheitern: Geschmack.

Auf den ersten Blick sieht das „ArtLab“ des Instituts aus wie ein normaler Konzertsaal: Theatersessel, Bühne, Schallschutz. Doch der Raum ist gespickt mit Technik, die die Reaktionen des Publikums aufzeichnet. Es gibt Kameras für Gestik und Mimik, Mikrofone für Applaus oder Raunen. Bei Bedarf werden Tablet-Computer verteilt, auf denen die Zuhörer Fragen beantworten.

Wo die Wissenschaft Unrecht hatte
Infektionen lösen Krebs ausDie Entdeckung des Fadenwurms Spiroptera erregte Mitte der Zwanziger Jahre die öffentliche Aufmerksamkeit. Der dänische Pathologe Johannes Fibiger behauptete, dass Infektionen Hauptauslöser für Magentumore sind. In einem Experiment infizierte er Ratten mit dem Fadenwurm. Die Tiere bildeten wenig später krankhafte Geschwülste aus, die er für bösartige Magenkarzinome hielt. Wie sich 1935 herausstellte - Jahre nach der Verleihung des Nobelpreises für die sogenannte Parasitentheorie -, waren die Geschwülste lediglich gutartiger Natur und ihre Entstehung auf einen Vitamin A-Mangel zurückzuführen. Der Pathologe hatte die Studienergebnisse fehlinterpretiert – zu seiner Zeit waren die Folgen einer unausgewogenen Ernährung nicht bekannt. Erst eine wiederholte Studie der US-amerikanischen Forscher Claude R. Hitchcock und Elexious T. Bell im Jahr 1952 , in der eine Versuchsgruppe mit Vitamin A versorgt wurde und die zweite – wie in Fibigers Versuch - nur mit Weißbrot und Wasser, konnte belegen, dass derartige Geschwülste durch einseitige Ernährung entstehen. Bei den unterversorgten Tieren traten die von Fibiger beschriebenen weitreichenden Gewebevermehrungen auf, die Vergleichsgruppe blieb verschont. Quelle: dpa
Proteine enthalten ErbgutMit der Fehlinterpretation von Forschungsergebnissen war der Mediziner Fibiger nicht allein: 1946 erhielt der US-amerikanische Biochemiker Wendell Meredith Stanley - ebenfalls zu Unrecht - den Nobelpreis. Dem Forscher, der an einem eindeutigen Nachweis von Viren arbeitete, gelang es, Tabakmosaikviren (kurz: TMV) zu kristallisieren. Diese lösen bei Tabakpflanzen die sogenannte Blattfleckenkrankheit aus und sollten neue Erkenntnisse in Bezug auf Virusinfektionen liefern. Das Ergebnis waren vermeintlich "reine" Proben, die dafür sprachen, dass es sich bei Viren - ähnlich wie bei Enzymen - um Proteine handeln könnte. Stanley ging von dieser Hypothese aus und schrieb die virale Aktivität ausschließlich dem Proteinteil zu. Doch er irrte sich: Die Viren enthielten immerhin sechs Prozent RNA - den eigentlichen Träger der Infektion und Virenaktivität - und somit auch die entscheidenden Informationen für Vermehrung und Mutationen. Quelle: DPA
Der Weltäther als Träger des LichtsDer englische Physiker Thomas Young wurde zwar nicht mit einem Nobelpreis ausgezeichnet – trotzdem gehörte seine Theorie des Weltäthers etwa hundert Jahre lang zum wissenschaftlichen Konsens. Der Physiker, der auch als Augenarzt tätig war, hatte die Wellennatur des Lichts entdeckt, was eine neue Frage nach der Ausbreitung der Lichtschwingungen nach sich zog. Seine Erklärung war ein Äther im Weltraum, der als Medium fungiert, alle Stoffe durchdringen kann und das ganze Weltall ausfüllt. Großer Anhänger dieser Theorie war der Physiker Albert Michelson, der sie weiterdachte. Der amerikanische Physiker nahm an, dass die Bewegung der Erde sogenannte Ätherwinde hervorbringt, welche mit zunehmender Geschwindigkeit wiederrum das Licht schneller werden lassen.Wider Erwarten widerlegte das berühmte Michelson-Morley-Experiment mit Lichtstrahlen und einem halbdurchlässigen Spiegel seine Theorie. In dem Versuch wurden Lichtstrahlen auf zwei verschiedene Wege getrennt, reflektiert und am Ende wieder auf einen gemeinsamen Schirm geleitet. Das Interferenzmuster stehender Lichtwellen, das die Relativgeschwindigkeit von Erde und Äther feststellen sollte, wies keine Verschiebungen auf. Diese hätten sichtbar sein müssen, wenn der Apparat gedreht wird, der die Relativgeschwindigkeit simulieren sollte.       Quelle: dpa
Neutronenbeschuss erzeugt neue radioaktive ElementeDas zumindest war Ende der 1930er Jahre die Annahme des Nobelpreiskomitees, das den Physiker Enrico Fermi für die Entdeckung des neuen radioaktiven Elements Plutonium auszeichnete. Bei der Auszeichnung seiner Experimente mit Neutronen hatte das Kommittee – genauso wie der Wissenschaftler - etwas Entscheidendes übersehen: Fermi hatte im Labor kein bisher unbekanntes, radioaktives Element erzeugt, sondern etwas ebenso Wichtiges erschaffen. Ohne sich dessen bewusst zu sein, hatte er die erste Kernspaltung durchgeführt und die Ergebnisse seiner Messungen falsch interpretiert. Er hatte gezeigt, dass sich fast jeder Atomkern spalten lässt, wenn man ihn mit Neutronen beschießt. Die neuen Zerfallsprodukte waren eine durch den Neutronenbeschuss hervorgebrachte Mischung leichterer Elemente - nicht aber Plutonium, wie Fermi angenommen hatte. Quelle: DPA
Die Lobotomie heilt psychische KrankheitenAuch die Nobelpreisauszeichnung des portugiesischen Mediziners Egas Moniz (1949) ist aus heutiger Sicht äußerst zweifelhaft. Zwar stellte die Durchtrennung von Nervenverbindungen zwischen den Frontallappen des Gehirns nach Aussagen der Mediziner zu dieser Zeit die effektivste Methode dar, um das Leid von Psychose-Patienten zu lindern. Allerdings wurde der Eingriff zum Allheilmittel - ohne Rücksicht auf die gravierenden Nebenwirkungen. Das Verfahren, das von US-Mediziner Walter Freeman weiterentwickelt wurde, wurde teilweise ohne Betäubung durchgeführt und richtete große Schäden an den Nervenbahnen der behandelten Patienten an - eine verspätete Erkenntnis. Die Folgen: Verlust der Persönlichkeit bis hin zu Schwerbehinderung. Ein endgültiges Umdenken fand in Deutschland erst in den 1970er Jahren statt, als das Heilverfahren als "unmenschlich" eingestuft wurde und nicht mehr in der ursprünglichen Form praktiziert werden durfte. Quelle: DPA
Das Universum ist statischAlbert Einstein mag einer der bedeutendsten Physiker aller Zeiten gewesen sein. Doch auch er hat sich – nach heutigen Erkenntnissen – zumindest einmal mächtig geirrt. Als Verfechter des Modell-Universums hielt er kurz nach der Formulierung seiner berühmten Relativitätstheorie an der Vorstellung eines statischen Universums fest. Neue wissenschaftliche Erkenntnisse zur Expansion des Weltalls, die sich auf die Entdeckung der Friedmann-Gleichung berufen, sprechen dagegen. Sie legen ein dynamisches Universum nahe, das zwei Arten Energie unterscheidet – Materie und Wellenenergien. Mittlerweile gehen Experten aufgrund des Hubble-Gesetzes sogar davon aus, dass sich die Expansion beschleunigt.        Quelle: AP
Lebewesen können spontan aus unbelebter Materie entstehenAn der Aufklärung der Frage nach dem Ursprung des Lebens versuchten sich Gelehrte bereits in der Antike – und stellten eine aus heutiger Sicht erstaunliche Hypothese her, die sich bis Ende des siebzehnten Jahrhunderts hartnäckig hielt: Sie glaubten an die sogenannte „Urzeugung“, die besagte, dass kleinere Lebewesen (z.B. Würmer und Insekten) aus faulem Fleisch oder anderen in Verwesung übergegangenen Abfällen entstehen. Als klassisches Beispiel galten Maden in verfaultem Fleisch. Erst Mitte des siebzehnten Jahrhunderts gelang es dem italienischen Arzt Francesco Redi durch ein Experiment, die Gegenthese aufzustellen. Er verteilte verschiedenen Fleischsorten auf acht Flaschen. Vier verschloss er, die restlichen ließ er offen. Die Tatsache, dass sich die Maden nur in den offenen Flaschen bildeten, die für Fliegen zugänglich waren, stellte das damals vorherrschende biologische Denken vollständig auf den Kopf und ließ erste Zweifel an der Spontanzeugung entstehen, dessen Begriff auf Aristoteles zurückgeht. Louis Pasteur trug zur weiteren Erhärtung der Theorie in der Moderne bei. Bis heute ungeklärt ist die Frage, wie die Entstehung des Lebens zu erklären ist – wenn es nicht aus unbelebter Materie hervorgegangen ist. Quelle: DPA

Rund 90 Mitarbeiter arbeiten an dem Institut, erst drei der vier Direktorenposten sind besetzt: eine Musikwissenschaftlerin, ein Literaturwissenschaftler und ein Neurowissenschaftler sind schon da, ein experimenteller Psychologe wird noch gesucht. Die Forscher nähern sich ihrem Thema von verschiedenen Seiten: Wie wirkt ein Text, ein Musikstück, ein Bild, ein Film auf uns? Ästhetik definieren die MPI-Mitarbeiter als „die Wissenschaft von der Wahrnehmung und Bewertung“.

Wie reagiert der Körper auf Ästhetik?

Im EEG-Labor tragen die Testpersonen eine Haube mit Elektroden auf dem Kopf. Die zeichnet die Aktivität von Nervenzellen im Gehirn auf. Im Raum nebenan verfolgt ein „Eye-Tracker“ die Augenbewegungen eines Studenten, der gerade einen Text liest. Wie lange er auf welches Wort schaut, ist ein Indiz für Aufmerksamkeit, wie Labor-Leiter Cornelius Abel erklärt.

Herzschlag, Atemtiefe, das Hochziehen einer Augenbraue oder das Aufrichten der kleinen Härchen am Arm – messen kann man das sicher, aber welchen Zusammenhang gibt es zwischen Körperreaktionen und ästhetischem Empfinden? Dafür kombinieren die Forscher die objektiven Daten, die der Körper liefert, mit den subjektiven Auskünften der Teilnehmer.

Was der Literaturwissenschaftler Winfried Menninghaus und die Musikwissenschaftlerin Melanie Wald-Fuhrmann herausfinden, geht weit über „Das finde ich schön“ oder „Das gefällt mir nicht“ hinaus. „Die Geisteswissenschaften stellen ästhetische Theorien auf. Wir überprüfen sie“, sagt Wald-Fuhrmann.

In einer – noch nicht publizierten – Studie ging es um die Frage, ob sich positive und negative Gefühle beim Kunstgenuss aufheben. Genau das Gegenteil war der Fall: Die Messkurven für die körperlichen Reaktionen bei negativen und bei positiven Affekten hatten ihre Höhepunkte fast immer zur gleichen Zeit. Gemessen wurden Gänsehaut und Stirnrunzeln, während den Testpersonen Gedichte vorgelesen wurden. Germanist Menninghaus zieht daraus den Schluss, „dass Traurigkeit einen starken Beitrag zum Lustempfinden leistet“.

Zu einem verblüffenden Erkenntnis kam ein Mitarbeiter des Instituts, als er das Publikum von Trash-Filmen befragte: Wer schaut sich solchen Mist an, war die Ausgangsfrage. Es waren überdurchschnittlich gebildete Zuschauer, die sich für ein breites Spektrum an Kunst und Medien interessieren. Sie langweilen sich bei Mainstream-Filmen und haben Spaß, Anti-Filme mit ironischer Distanz zu betrachten, die miese Machart zu analysieren, Zitate und Anspielungen zu entdecken.

Auch andere gängige Thesen werden infrage gestellt: Die Grundlage für unseren Musikgeschmack werde in der Kindheit gelegt und unser Musikgeschmack sei schichtabhängig, so die Lehrmeinung. Neue Studien legen aber nahe, dass der Geschmack heute flexibler ist als früher: Gerade Gebildete hören alles Mögliche, sind immer öfter „musikalische Allesfresser“, wie Wald-Fuhrmann sagt.

Menninghaus untersucht gerade, was Eleganz ist. Seine These: „Effizienz spielt eine große Rolle. „E=mc2“ ist doch an Eleganz nicht zu überbieten.“ „Elegant“ sei nicht nur ein Begriff, der Konjunktur habe, sagt Menninghaus. Er sei auch „phänomenal präzise“. Im Gegensatz zu „Schönheit“.

Dass im Garten des Instituts ein neonfarbener Riesen-Schriftzug „SCHÖNHEIT“ verspricht, ist ein Versehen. Die Immobilienfirma hatte die Leuchtskulptur hingestellt, um für das Gebäude zu werben. Als ausgerechnet ein Institut für Ästhetik einzog, schien das zu passen wie die Faust aufs Auge. Aber die MPI-Direktoren hadern mit dem Begriff. „Schönheit franst an allen Ecken und Enden aus.“

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