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Arznei-Engpässe in Deutschland Wenn lebenswichtige Medikamente knapp werden

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Parallelhandel wird zum Problem


Nach dem Lieferausfall im chinesischen Werk hat das Bundesgesundheitsministerium in Deutschland bei der Versorgung mit Piperacillin am Jahresende den Notstand ausgerufen, denn eine gleichwertige Arzneimitteltherapie steht nicht zur Verfügung. Vorübergehend kann dadurch von den Behörden der Vertrieb nicht zugelassener Präparate aus dem Ausland genehmigt werden, um Kliniken und Patienten eine Alternative zu bieten.

Immer wieder zu Engpässen kam es in den vergangenen Jahren auch beim Chemotherapie-Präparat Melphalan. Die Produktion des Wirkstoffs ist kompliziert, und in Europa gibt es nur noch eine Firma mit Sitz in Italien. „Wenn nur noch ein Hersteller da ist, weil die Hürden relativ hoch sind, dann darf bei dem nichts passieren“, sagt Wörmann. Melphalan wird unter anderem eingesetzt, um Krebszellen vor einer Transplantation zu zerstören.

Deutsche Unternehmen versuchen, sich gegen Lieferengpässe zu wappnen. Bei Stada etwa kommt eine sogenannte „2nd Source-Strategie“ zum Einsatz, wie das Unternehmen mitteilt. Diese habe zum Ziel, für alle wichtigen Wirkstoffe mindestens zwei qualifizierte Lieferquellen zu haben, idealerweise aus unterschiedlichen Ländern.

Trotz der Sicherheitsmaßnahmen könne es aber auch bei Stada zu Lieferengpässen kommen, was derzeit bei Metropolol zur Behandlung von Bluthochdruck der Fall sei. Grund sei die Nicht-Lieferfähigkeit eines Marktteilnehmers, der den Großteil eines Rabattvertrags mit einer Krankenkasse bedienen sollte. Die übrigen Vertragspartner – so auch Stada – könnten die dadurch entstandenen Ausfälle nur über einen begrenzten Zeitraum ausgleichen. Von Bayer heißt es, aktuell gebe es keine Lieferengpässe.

Attraktivere Margen im Ausland

Abgesehen von den krassen Beispielen wie Piperacillin und Melphalan ist aber nicht jeder Lieferengpass automatisch ein Versorgungsengpass, wie BPI-Geschäftsführer Gerbsch und andere Experten betonen. Gesundheitsminister Hermann Gröhe beruhigt: „Patientinnen und Patienten können sich in Deutschland auf eine gute Arzneimittelversorgung verlassen.“

Gemeinsame Verantwortung aller Beteiligten sei es, Lieferengpässe zu vermeiden. Der CDU-Politiker verweist auf eine im Dialog mit der Pharmaindustrie vereinbarte Liste „versorgungsrelevanter, engpassgefährdeter Arzneimittel“. Diese werde „in Kürze“ vorliegen.

Doch immer häufiger zu einem Problem wird laut Pharmaindustrie und Apotheker der sogenannte Parallelhandel. Dabei fließen Medikamente aus Deutschland ab, weil die hierzulande verhandelten Arzneimittelpreise teils deutlich unter denen anderer Länder in Europa liegen. Dann lohnt es sich für spezialisierte Händler, rabattierte Medikamente aufzukaufen und in anderen Ländern anzubieten.

Das Unternehmen Boehringer Ingelheim kann davon ein Lied singen. Offenbar könnten einzelne Apotheken das Diabetes-Präparat Jardiance nicht jederzeit wie üblich problemlos vom Großhandel beziehen, sagt Sprecherin Heidrun Thoma. Ihr Unternehmen liefere eigentlich deutlich größere Mengen in den deutschen Markt, als zur Versorgung von Patienten notwendig seien. „Wir können nur vermuten, dass auf den Handelsstufen der Verkauf von deutscher Ware ins EU-Ausland dazu führt, dass unser Produkt in Deutschland nicht immer sofort für jeden Patienten erhältlich ist.“

Rückmeldungen zu Jardiance gebe es insbesondere aus Großbritannien und skandinavischen Ländern. Auch andere Unternehmen beklagen, aufgrund der attraktiven Margen bestehe ein großer Anreiz für Großhandel oder Apotheken, Medikamente ins Ausland zu exportieren.


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