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Aufstieg der Cyborgs "Die größte Revolution seit Beginn des Lebens"

Cyborg-Evolution:

Cyborgs und unbesiegbare Immunsysteme: Bald spielen wir dank des technologischen Fortschritts Gott, sagt Bestsellerautor Yuval Harari. Die Menschheit stehe vor dem größten Update aller Zeiten.

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WirtschaftsWoche: Herr Harari, Sie haben ein Buch über die Vergangenheit unserer Spezies geschrieben, nun nehmen Sie sich unserer Zukunft an. Worauf dürfen wir uns freuen?

Yuval Harari: Die letzten 1000 Jahre haben wir Menschen damit verbracht, zu lernen, wie wir die Wälder, die Tiere und Flüsse um uns beherrschen können. Schritt für Schritt haben wir die Macht über unsere äußere Umwelt ergriffen. Die größte Umwälzung im 21. Jahrhundert wird sein, dass wir auch die Kontrolle über die Welt in uns selbst gewinnen werden.

Es wird in der Zukunft bessere Psychoanalytiker geben?

Es geht um sehr viel mehr. Heute stecken wir nahezu in denselben Körpern und Gehirnen fest wie unsere Vorfahren in der Steinzeit vor 50.000 Jahren. Aber bald werden wir nicht nur immer bessere Autos und Kleidung herstellen, sondern auch neuartige, bessere menschliche Körper und Gehirne und vielleicht sogar ein ganz neues, ein künstliches Bewusstsein schaffen. Das wird die größte Revolution seit Beginn des Lebens auf unserem Planeten.

Zur Person

Das müssen Sie genauer erklären.

Nach vier Milliarden Jahren Evolution sind wir nun an der Schwelle angekommen, ab der wir dank der Verschmelzung von künstlicher Intelligenz und Biotechnologie die natürliche Selektion ersetzen können. Der Homo sapiens, wie er seit Zehntausenden von Jahren existiert, wird in diesem Jahrhundert verschwinden.

Spielen wir Gott?

Ja. Wir werden die Fortschritte der Informationstechnik und Biotechnologie nutzen und uns damit als Spezies ein gewaltiges Upgrade verpassen. Unsere Nachkommen werden sich so stark von uns unterscheiden wie wir uns von Schimpansen. Menschen werden sogar danach streben, unsterblich zu werden.

Die Entwicklungsstufen Künstlicher Intelligenz

Wie soll das funktionieren?

Wir werden unsere Körper neu designen. Die Fortschritte in der Forschung rund um die DNA-Manipulation sind gewaltig. Bald können wir Prozesse, die in der Evolution Millionen Jahre gedauert haben, auf 20 Jahre abkürzen. Ein ausgezeichnetes Gedächtnis, Intelligenz, sexuelle Potenz werden wir nach Belieben kreieren können. Und das ist nur der erste Schritt.

Es kommt noch mehr?

Der radikalere Schritt wird sein, organische und künstliche Teile zu kombinieren und Cyborgs zu erschaffen. Die Wissenschaft arbeitet gerade daran, Gehirn-Computer-Schnittstellen zu erzeugen. Wenn der Durchbruch gelingt, könnten wir künstliche Gliedmaßen oder Ohren und Augen in unseren Körper so integrieren, dass das Gehirn sie wie unsere natürlichen Gliedmaßen steuert. Mensch und Maschine wären dann eine Einheit.

Das klingt alles sehr nach Science-Fiction-Roman.

Viele dieser Dinge werden heute schon erforscht. Und Computerkonzerne wie Google, Apple oder Baidu in China verwandeln sich zunehmend in Biotechunternehmen. Natürlich ist die Zukunft nicht vorhersagbar. Zu welchem Zweck wir neue Technologien wie künstliche Intelligenz einsetzen werden, ist offen. Aber eines können wir nicht tun, wir können den technischen Wandel nicht aufhalten.

Haben Sie noch ein Beispiel für unser neues Leben in der Cyborg-Zukunft?

Forscher entwickeln derzeit Nanoroboter, kleiner als Blutzellen, die sie millionenfach in die Blutbahn injizieren wollen. Dort sollen sie Organe überwachen, Krankheiten entdecken und Krebszellen attackieren. So ein bionisches Immunsystem ließe sich stetig nachrüsten. Viren und Bakterien hätten keine Chance mehr. Und vielleicht erzeugen wir im dritten Schritt sogar komplett künstliche Lebensformen.

Lebewesen aus dem Computer?

Ja, manche Forscher glauben, dass wir in 20, 50, vielleicht 200 Jahren künstliches Bewusstsein in Computern erzeugen. Oder unser eigenes Bewusstsein auf einen Computer laden und durch virtuelle 3-D-Welten laufen. Stellen Sie sich vor, Sie könnten sich über eine Gehirnschnittstelle Zugang zu meinen Kindheitserinnerungen verschaffen. Wer bin dann noch ich, und wo fangen Sie an? Unser Konzept von Identität bräche auseinander.

"Vielleicht erleben wir das Aufkommen einer Klasse der Nutzlosen"

Technologie, die selbst unser Inneres überwacht – das klingt nach Orwell’schem Albtraum. Warum sollten wir das zulassen?

Die Menschen werden die Wahl haben zwischen Privatsphäre einerseits und besserer Gesundheit andererseits. Glauben Sie mir, die meisten werden sich für letztere entscheiden. Sie werden Google oder dem Staat Zugang zu ihren Körperdaten geben – im Tausch für ein längeres Leben.

So lernen Maschinen das Denken

Was ist mit der Freiheit? Ist für sie kein Platz mehr in der Zukunft reserviert?

Wir Menschen begannen als eine Spezies, die in sehr kleinen Gemeinschaften lebte und deren Überleben weitgehend von den Fähigkeiten dieser geschlossenen Gruppen abhing. Aber im Laufe der Geschichte – und das beschleunigt sich – agierten wir mehr und mehr wie Ameisen, die in immer größeren Kolonien leben, in denen das Überleben jedes Mitglieds auf konstanter Kooperation mit allen anderen beruht. Sobald Sie ein Immunsystem aus Nanobots haben, hängt Ihr Leben buchstäblich an externen Updates.

Was aber, wenn sich nicht jeder ein bionisches Upgrade wird leisten können? Und welchen Platz werden wir Menschen überhaupt einnehmen in einer Gesellschaft voller künstlicher Superintelligenzen?

Das wird eine der größten Fragen sein. Vielleicht erleben wir das Aufkommen einer Klasse der Nutzlosen. Millionen von Menschen, die nichts besser erledigen können als künstliche Intelligenzen. Sobald selbstfahrende Autos, Doktoren-Bots und Google Translate ihren Job besser machen, brauchen wir keine Taxifahrer, Ärzte oder Übersetzer mehr. Das Problem wird nicht sein, diese Menschen zu ernähren. Das wird einfach mit all den neuen Technologien. Die wirkliche Herausforderung wird darin bestehen, diesen Menschen einen Sinn im Leben zu geben und sie zu beschäftigen.

Haben Sie einen Vorschlag?

Niemand hat derzeit ein gutes Modell entwickelt, um diese Situation anzugehen. Manche sagen, Computerspiele werden die Lösung sein: Die Leute werden einfach mehr und mehr Zeit ihres Lebens in virtuellen Welten verbringen. Das werde ihnen viel mehr interessante Beschäftigung und emotionale Anregung bieten als alles, was es in der Realität zu erleben gäbe.

Die Robotergesetze

Klingt ziemlich deprimierend.

Die Menschen spielen seit mindestens 2000 Jahren schon ein ganz besonderes Virtual-Reality-Spiel. Wir nennen es Religion, und dieses Spiel gibt Milliarden von Erdenbewohnern Sinn im Leben.

Das meinen Sie nicht ernst.

In Religionen haben sich Menschen schon immer Gesetze gegeben, die nur in ihrer Vorstellung existieren: Wenn du zur Beichte gehst, gewinnst du Punkte, wenn du sündigst, verlierst du Punkte. Und wer im Leben genug Punkte gesammelt hat, erreicht nach dem Tod das nächste Level. So gesehen könnte die Idee, dass Menschen in 50 Jahren hauptsächlich im Cyberspace leben und sich dort mit Spielen die Zeit vertreiben, nicht so neu sein, wie viele denken.

„Jeder Mensch ist an seine eigene Epoche angepasst“

Angenommen, viele Ihrer Prognosen treten wirklich in diesem Jahrhundert ein – dann leben schon die Kinder von heute bald in einer radikal veränderten Welt.

Ja, das wird ein großes Problem für die Heranwachsenden von heute sein. Sie werden sich permanent neu erfinden müssen. Das Tempo des Wandels wird bald so schnell werden, dass vieles, was Sie als Jugendlicher lernen, mit 40 nutzlos sein wird. Und wenn Sie sich nicht verändern, werden Sie irrelevant. Erschwerend kommt hinzu: Sie werden kaum verstehen, was um Sie herum geschieht.

Diese Jobs mischen Roboter auf
IndustrieSchon heute werden viele Arbeitsschritte von Maschinen übernommen - doch die vernetzte Produktion setzt auch in den Werkshallen eine weitere Automatisierungswelle in Gang. Das muss unterm Strich aber nicht zwangsläufig zu Jobverlusten führen, heißt es aus der Wirtschaft: Bereits Ende 2016 lag Deutschland bei der „Roboter-Dichte“ weltweit auf Platz drei hinter Südkorea und Japan - und trotzdem sei die Beschäftigung auf einem Rekordstand, erklärt der Maschinenbau-Verband VDMA. Auch der Präsident des Elektronik-Branchenverbandes ZVEI, Michael Ziesemer, sagt: „Es können auch mehr Jobs entstehen als wegfallen.“ Die Digitalisierung werde eine Vielzahl neuer Geschäftsmodelle und damit neue Stellen hervorbringen. „Wer kreativ ist, rangeht und sich Dinge überlegt, hat jede Menge Chancen.“ Quelle: dpa
Das vernetzte und automatisierte Fahren dürfte künftig viele Jobs überflüssig machen Quelle: dpa
BüroSchreibarbeiten, Auftragsabwicklung und Abrechnungen - Büro- und kaufmännische Fachkräfte erledigen nach Experteneinschätzungen Arbeiten, die heute schon zu einem hohen Grad automatisierbar sind. Dadurch könnten auch viele Arbeitsplätze auf dem Spiel stehen: Mehr als 1,6 Millionen Menschen in Deutschland sind in solchen Berufen tätig. Quelle: dpa
Der Handel wurde als eine der ersten Branchen von der Digitalisierung erfasst - entsprechend laufen im Online-Handel viele Prozesse automatisiert ab Quelle: dpa
Sie melken die Kühe, füttern, misten aus und helfen beim Ernten - Roboter haben längst auch auf den Bauernhöfen Einzug gehalten Quelle: dpa
Roboter in der Pflege - was in Japan bereits zum Alltag gehört, bereitet vielen Menschen in Deutschland noch eher Unbehagen Quelle: dpa
Auch im Haushalt tun Roboter schon ihren Dienst Quelle: dpa

Das klingt nach genug Potenzial für eine ganz andere, gewalttätige Revolution.

Schon jetzt befindet sich die gesamte Welt in einer Identitätskrise wegen der beschleunigten technologischen Entwicklung und der radikalen Veränderungen in der Gesellschaft. Weil die Welt chaotischer und unsicherer wird, verlieren die Menschen die Fähigkeit, zu verstehen, wer sie sind. Sie sehnen sich umso mehr nach Stabilität. Viele Experten deuten den Aufstieg von Donald Trump als eine Reaktion auf diese Entwicklungen. Denn die Bauchreaktion vieler Menschen derzeit ist, an traditionellen Identitäten festzuhalten, seien es religiöse oder nationale, und sie über alles andere zu stellen.

Das spricht eher dafür, dass die Menschheit nicht mitmachen wird beim großen Cyborg-Upgrade.

Im Kapitalismus haben Sie die Freiheit, zu kaufen und zu tun, was immer Sie wollen. Nur eines steht Ihnen nicht frei: Das System zu verlassen. Als die Europäer im 18. Jahrhundert Australien kolonisiert haben, hatten die Aborigines auch keine Chance zu sagen: „Danke, aber wir wollen die moderne Welt nicht.“ Ähnlich wird es mit der Kolonisierung der Welt durch künstliche Intelligenzen und Gentechnik sein.

Würden Sie in diese Hightechzukunft reisen wollen, wenn Sie könnten?

Jeder Mensch ist an seine eigene Epoche angepasst. Wenn ich in die Steinzeit reisen würde, wüsste ich nicht, wie ich etwas zu Essen bekäme, denn ich habe nur gelernt, wie man Lebensmittel im Supermarkt kauft. Genauso würde ich in der Zukunft nicht die Fähigkeiten haben, ja nicht einmal den passenden Körper, um dort zu überleben.

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