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Bakterien Neue Antibiotika sollen Resistenzen vermeiden

Ob bei Mensch oder Tier: In Deutschland werden zu viel Antibiotika eingesetzt, gefährliche Resistenzen entstehen. Ein deutsches Start-up will nun eine neue Wunderwaffe entdeckt haben.

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Züchter verfüttern massenweise Antibiotika an Puten Quelle: dpa

Pute, Gans – oder ganz etwas anderes? Wer sich noch nicht festgelegt hat, was er Weihnachten als Festtagsschmaus essen möchte, sollte sich das zumindest beim Putenbraten gut überlegen. Denn die Chance ist groß, dass mit dem Tier eine gehörige Portion Medikamente gleich auf dem Teller landet.

Den Schluss lässt zumindest eine aktuelle Studie des Landesamtes für Natur, Umwelt und Verbraucherschutz in Nordrhein-Westfalen zu: In 93 Prozent aller Fälle behandelten die Züchter ihre Puten gleich mehrfach mit bis zu zehn verschiedenen Antibiotika – auch mit solchen, die für Menschen gedacht und für Geflügel verboten sind.

Wie man Antibiotika richtig einsetzt

Das Problem: Die Bakterien gewöhnen sich an die Mittel, sie werden resistent. Befallen sie dann den Menschen, gibt es womöglich keine Rettung. Eine Lungenentzündung ist dann schnell tödlich.

„Solange es Massentierhaltung gibt, werden Landwirte Medikamente einsetzen“, glaubt Markus Matuschka von Greiffenclau. Der Spross einer Adelsfamilie aus dem Rheingau glaubt mit seiner 2009 gegründeten Firma Lysando einen Ausweg aus dem Dilemma gefunden zu haben: mit einer ganz neuen Klasse von Antibiotika, die keinerlei gefährliche Resistenzen erzeugen soll.

Die ersten Kunden in der Pharmabranche hat er bereits überzeugt. Im Sommer sicherte sich Boehringer Ingelheim Vetmedica eine Lizenz an den neuen Bakterienkillern und entwickelt sie seither für den Einsatz an Tieren weiter. Und vor Kurzem stieg mit der Siam Cement Group (SCG) aus Thailand eines der größten asiatischen Industriekonglomerate mit einem 20-Prozent-Anteil bei Lysando ein.

Gute Keime im Körper werden verschont

Tatsächlich haben die in Liechtenstein ansässige Firma und ihre namensverwandte Forschungsniederlassung Lisando in Regensburg eine ganz neue Waffe gegen krankmachende Erreger in der Hand: die Artilysine. Diese speziell designten Eiweiß-Bruchstücke, die Peptide, gehen nur gegen Bakterien los, die wirklich eine Krankheit auslösen.

Diese Lebensmittel sind Bazillen-Killer
Die kanadische Bevölkerung setzt Ahornsirup schon seit jeher gegen Infektionen ein. Quelle: Creative Commons Zero (CC0)
Pilze enthalten Stoffe, die Bakterien bekämpfen können. Quelle: Fotolia
Kohl ist in der Naturheilkunde für seine antibakteriellen und antientzündlichen Eigenschaften bekannt Quelle: AP
Honig enthält natürliche Stoffe, von denen man annimmt, dass sie gegen Bakterien wirken. Quelle: dpa
Viele Küchenkräuter entfalten antibakterielle Wirkung Quelle: Fotolia
 Gewürze können Bakterien abtöten oder in ihrem Wachstum hemmen Quelle: AP
Knoblauch wurde im Zweiten Weltkrieg auch "russisches Penicillin" genannt Quelle: REUTERS

Gegenüber klassischen Breitbandantibiotika, die wie eine Bombe wahllos unterschiedlichste Mikroorganismen auslöschen, habe das einen entscheidenden Vorteil: „Die guten Keime im Körper, die zum Beispiel bei der Verdauung im Darm helfen, werden verschont“, sagt Forschungsleiterin Kristin Hasselt.

Artilysine durchlöchern Bakterien

Der größte Clou ist das Wirkprinzip der Artilysine: Sie durchlöchern die Keime. „Wir vergiften die Bakterien nicht nach und nach, wir erschießen sie wie mit einer Pistole“, sagt von Greiffenclau. Der erhoffte Effekt: Gegen Erschießen können die Erreger keine Resistenzen entwickeln, dazu ist die Anpassungszeit zu kurz.

Vorteil Nummer zwei: Manche Bakterien schützen sich gegen traditionelle Antibiotika, indem sie ihren Stoffwechsel fast auf komplett null zurückfahren und sich quasi in eine Art Tiefschlaf begeben. Artilysine zerstörten Keime dagegen in jedem Zustand, selbst in der Ruhephase.

Forschung



Bei Patienten mit wund gelegenen Stellen am Körper, dem Dekubitus, schlug diese Therapie schon sehr gut an. Die belgischen Forscher, die die Moleküle erfanden und die Rechte an von Greiffenclau verkauften, haben das bereits erprobt.

Durch den Einstieg von SCG erhält Lysando nun neuen Schub. „Das Potenzial ist enorm“, glaubt Chaovalit Ekabut, der SCG-Vizechef. Er will die neue Bakterienabwehr vor allem in Lebensmittelverpackungen, Medizinprodukte oder Reinigungsmittel für die Haushaltshygiene einarbeiten.

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