Big Brother für die Wissenschaft Physikerin zieht in Marsstation – auf Hawaii

Ein Jahr leben wie auf dem Mars - für die Deutsche Christiane Heinicke wird es ernst. Von Kameras überwacht lebt und arbeitet sie dann im Dienst der Wissenschaft in einer Marsstation - auf Hawaii.

Die Nachbildung einer Raumstation auf Hawai. Quelle: dpa

Der Wohnungsvertrag ist gekündigt, mit Verwandten oder Freunden telefonieren kann Christiane Heinicke in den kommenden Monaten nicht. Denn die 29 Jahre alte Physikerin erprobt für 365 Tage das Leben auf dem Mars. Wenn sich an diesem Freitag hinter ihr die Tür zur Station am Fuße des Vulkans Mauna Loa auf Hawaii schließt, dann ist sie zwar nicht auf dem Roten Planeten, aber trotzdem weitgehend abgeschottet von der Außenwelt. Verlassen darf sie den Kuppelbau dann nur noch im Raumanzug. Die junge Frau aus Sachsen-Anhalt ist die erste Deutsche, die Quartier in der Station bezieht.

In der Nachbildung einer Raumstation werden drei Männer und drei Frauen in einer Wohngemeinschaft leben und zugleich wissenschaftliche Untersuchungen anstellen. Das Projekt „Hawaii Space Exploration Analog and Simulation“ (HI-SEAS) wird von der US-Weltraumbehörde Nasa und der Universität Hawaii betrieben. Hauptziel ist herauszufinden, wie sich die Gruppendynamik in einer solchen Isolation entwickelt - und wie sie sich steuern lässt. Dazu wird die Crew permanent von Kameras überwacht. Eine Art Big Brother für die Wissenschaft.

Curiosity kommt in die Jahre
März 2017Curiosity hat inzwischen deutliche Abnutzungsspuren. Ein Routine-Check der Reifen im März zeigt, dass es am linken mittleren Reifen zwei Brüche der sogenannten Stege im Profil gibt. Der Rover hat während seiner Reise über den Roten Planeten inzwischen etwa 16 Kilometer zurückgelegt. Curiosity-Projektmanager Jim Erickson sagte, alle sechs Reifen hätten trotz der sichtbaren Schäden noch genug Lebenszeit, um den Rover zu allen geplanten Orten zu bringen. Die regelmäßige Überwachung der Reifen wurde eingeführt, nachdem die Forscher im Jahr 2013 deutlich mehr Dellen und Löcher in den Rädern entdeckt hatten, als erwartet worden war. Tests auf der Erde hatten gezeigt, dass der Bruch von drei Stegen zeigt, dass etwa 60 Prozent der Lebenserwartung des Reifens erreicht sind. Curiosity hat aber bereits deutlich mehr als diesen Anteil an der geplanten Strecke zurückgelegt. Quelle: NASA/JPL-Caltech/MSSS
US-Präsident Barack Obama verlässt das Weiße Haus - und auch Curiosity verabschiedet sich. Quelle: Screenshot
Mars: Curiosity untersucht Meteoriten Quelle: NASA, JPL-Caltech, LANL, CNES, IRAP, LPGNantes, CNRS, IAS, MSSS
September 2016Die Kuppen und herausstehenden Felsen aus Schichtgestein am Mount Sharp entstanden wohl aus von Wind abgelagertem Sand. Sie erinnern stark an Wüstenlandschaften auf der Erde, etwa im Grand Canyon oder dem Monument Valley. Quelle: NASA
September 2016Der Rover sendet neue Fotos vom Mars: Im Hintergrund der Aufnahme ist der Rand des Gale-Kraters zu sehen, in dem Curiosity seit 2012 aktiv ist. Geologisch ist die Region besonders interessant, da sie die Untersuchung zahlreicher Gesteinsschichten ermöglicht. Der etwa fünf Kilometer hohe Mount Sharp liegt in der Mitte des Gale-Kraters. Quelle: NASA
Juli 2016Curiosity kann jetzt seine eigenen Ziele für die Laser-Analyse auswählen. Bisher wurden diese von der Erde aus anhand von Fotos ausgewählt. Die Wissenschaftler auf der Erde werden dadurch aber nicht ersetzt: Die neue Funktion soll vor allem dann zum Einsatz kommen, wenn die Nasa-Forscher anderweitig beschäftigt sind. Curiosity sendet auch nicht ständig Bilder, sondern am Ende seiner Wegstrecken. Bisher könnten wichtige Objekte auf Fahrten daher übersehen worden sein. Quelle: NASA
Curiosity: Mars hatte wahrscheinlich einst eine sauerstoffreiche Atmosphäre Quelle: dpa

Sorgen macht sich Heinicke deswegen nicht. „Die Daten werden verschlüsselt und sind nur ausgewählten Wissenschaftlern zugänglich“, erzählt sie. „Aber wir sind schon wie Labormäuse.“ Denn für die Untersuchungen werden die Insassen mit Armbändern ausgestattet, die Schritte zählen, den Puls messen und den Schlaf überwachen. Ihre Familie freilich sei anfangs wenig begeistert von dem Plan gewesen. „Du bist verrückt“, hätten ihre Eltern gesagt. „Sie waren dann aber doch stolz, als ich mich für die Mission qualifiziert habe.“

Heinicke, derzeit Single, ist in Bitterfeld zur Schule gegangen und hat dann zunächst im südthüringischen Ilmenau, später in Schweden studiert. Für ihre Promotion kehrte sie nach Südthüringen zurück. Zuletzt forschte sie an der Aalto Universität in Finnland über Meereis. 2013 gewann Heinicke den Klaus Tschira Preis für verständliche Wissenschaft. Mit dem Leben in einer Marsstation liebäugelt sie schon länger, hatte sich auch für ein ähnliches Projekt der Mars-Society in der Arktis beworben.

Es ist die vierte Mission in der Station auf Hawaii fernab von Strand und Palmen. Voriges Jahr war die Französin Lucie Poulet vom Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt in Bremen mit dabei. Die nun anstehende Mission ist mit 365 Tagen die bislang längste.

Fakten zum Mars

„Je länger die Missionen werden, desto besser können wir die Risiken der Raumfahrt verstehen lernen“, sagt Projektleiterin Kim Binsted. „Wir hoffen, dass die nun anstehende Mission auf unserem jetzigen Verständnis der sozialen und psychologischen Faktoren, um die es bei langen Weltraumaufenthalten geht, aufbaut, und der Nasa solide Daten darüber liefert, wie wir am besten eine Crew für so einen Aufenthalt auswählen und unterstützen.“ Die bisherigen Ergebnisse haben die Wissenschaftler schon so überzeugt, dass das Projekt gerade mit einer dritten Finanzspritze der Nasa bis 2018 verlängert worden ist.

Telefonate sind von der Station aus nicht möglich, die Kommunikation über Internet geht nur zeitversetzt. Für ihre Erkundungen außerhalb der Station hat sich Heinicke gute Bergstiefel eingepackt - wegen des scharfkantigen Lavagesteins. Sie will experimentieren, wie sich durch Verdunstung Wasser aus dem Gestein gewinnen lässt. Eine Frage, die bei einer echten Marsmission überlebenswichtig sein könnte.

Das Leben in der Station wird sich sehr an der Sonne orientieren, sagt Heinicke. Denn sie wird mit Solarenergie betrieben. Ihre neuen Mitbewohner hatte Heinicke schon bei einer Trekking-Tour in den Rocky Mountains kennengelernt. „Da hatte man nicht mehr die Energie, eine Maske aufzusetzen und gezeigt, wie man ist“, berichtet sie. „Ich erwarte nicht, dass jemand komplett durchdrehen wird.“

In Arbeit
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Über ihr Leben in der Marsstation will sie der Außenwelt regelmäßig in einem Blog berichten. In den Tagen vor dem Start der Mission standen erstmal letzte Vorbereitungen wie das Anprobieren der Raumanzüge an, wie die Organisatoren mitteilten.

Wenn Heinicke in einem Jahr wieder zurückkehrt, dann möglicherweise nur vorübergehend. „Vor kurzem hat die Mars Society mich für ihr MA365-Team nominiert. Es könnte mich also im übernächsten Sommer doch noch nach Devon Island in der kanadischen Arktis verschlagen“, schreibt sie auf ihrer Internetseite. Und wäre sie bei einer echten Marsmission gern mit von der Partie? „Ich wäre dabei“, sagt Heinicke ohne zu zögern. „Aber nur, solange es ein Rückflugticket gibt.“

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