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Bildung Lobbyarbeit im Schülerlabor

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Ein Dschungel an Schülerlaboren

Schüler erleben Physik an der TU Chemnitz Quelle: PR

Die notwendige Diskussion darüber, ob die Integration von Schülerlaboren überhaupt sinnvoll ist – oder ob diese ansprechende Art des Lernens nicht in den Schulunterricht gehört, wird aber kaum geführt. Angesichts von Mittelknappheit und einem seit Jahren grassierenden Lehrermangel in den MINT-Fächern scheint sich ein gewisser Fatalismus breitzumachen, frei nach dem Motto, lieber so als gar nicht.

Dabei gibt es mehrere Tendenzen. Ein Teil der Schülerlabore versucht, sich möglichst nahtlos ans Schulcurriculum anzupassen, sodass das im Labor Gelernte optimal zum Unterricht passt. So können beispielsweise im Physik-Schülerlabor der Technischen Universität Chemnitz die Schüler des benachbarten Gymnasiums wöchentlich jeweils zu einer ergänzenden Doppelstunde Praxiskunde ins Wunderland Physik kommen.

Viele Universitäten verlagern sich dagegen eher auf Angebote wie Schülerforschungszentren und Forscherclubs, die interessierte und besonders begabte Jugendliche außerhalb ihrer Schulzeit besuchen können. Das hat weniger mit Breitenförderung zu tun, dafür umso mehr mit Exzellenzförderung. Sicher ein vielversprechender Ansatz.

Unternehmen wie Bayer haben mit Baylab Plastics daneben eine ganz neue Form eines Schülerlabors geschaffen, das nicht in Reinkultur technisches Wissen vermittelt, sondern einen Einblick gibt, wie ein Unternehmen überhaupt funktioniert. So mussten sich die 16 Düsseldorfer Chemieleistungskursschüler von Lehrer Rammelmann in Arbeitsgruppen aufteilen, die etwa das Design des neuen Produkts entwickelten, seinen Preis kalkulierten, Marktforschung betrieben oder einen Werbefilm drehten.

„Für die meisten Schüler ist es sehr überraschend, dass auch in einem Chemieunternehmen weit mehr Fähigkeiten gefragt sind als pures chemisches Fachwissen, das sich in einem Studium erwerben lässt“, sagt Karl-Heinz Wagner, der Chef und Kursleiter von Baylab Plastics.

Das neue Konzept fand bereits Nachahmer: Ina Heuzeroth, Ausbildungsmeisterin beim Kunststoff-Zentrum in Würzburg, hat es vor anderthalb Jahren mit Wagners Hilfe nach Würzburg transferiert. Gesundheitliche Folgeschäden durch Weichmacher in Kunststoffen spielen hier eher eine untergeordnete Rolle. Davon hörten die Schüler ohnehin laufend von ihren Lehrern, stöhnt Ausbilderin Heuzeroth. Das Hauptanliegen ihrer Lobbyorganisation, die die zahlreichen Kunststoff verarbeitenden Betrieben der Region vertritt: Sympathie für die Branche zu wecken und Mitarbeiter-Nachwuchs anzuwerben und zu finden.

Der Nachwus wandert ab

Vor allem abseits der Ballungsräume ist Abwanderung von Nachwuchs für viele Unternehmen ein massives Problem, auch außerhalb der Kunststoffbranche.

Das weiß Reinhold Festge, Chef des seit 125 Jahren existierenden Drahtweberei Haver & Boecker aus Oelde im Münsterland, ganz genau: „Wir konkurrieren heute nicht mehr mit Neubeckum, Ahlen oder Gelsenkirchen um technisch gut ausgebildete Mitarbeiter, sondern mit der ganzen Welt.“ Für den Chef des Familienunternehmens ist deshalb klar: „Wenn wir die jungen Menschen in der Region halten wollen, dann müssen wir sie binden.“ Und genau das tut Festge , indem er in Oelde ein Schülerlabor mitfinanziert, Partnerschulen an sich bindet und deren Schüler für spannende Projekte, die sie dort eigenständig bearbeiten können, in sein Unternehmen holt.

In Arbeit
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Gerade deshalb besitze auch die Baylab-Plastics-Idee so großen Charme, findet Petra Skiebe-Corrette, denn sie lasse sich mühelos auf viele Branchen übertragen und biete Vorteile für beide Seiten. Die Unternehmen könnten Nachwuchs sichten – und die Schüler einen sehr konkreten Eindruck gewinnen, wie der Berufsalltag einmal aussieht, so Skiebe-Corrette. Sie ist als Projektleiterin der Freien Universität Berlin für die dortigen Schülerlabore zuständig und sucht nach einem Unternehmen, das die Idee in Berlin umsetzt.

Wie Wirtschaft funktioniert, könnten Unternehmen einfach besser zeigen, sagt Skiebe-Corrette: „Das können weder Lehrer noch Professoren vermitteln.“

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