Bildung "Jedes Kind kann rechnen lernen"

Der Paderborner Mathematikprofessor Wolfram Meyerhöfer hält Rechenschwäche für ein konstruiertes Phänomen: Kinder, die Probleme mit Zahlen haben, leiden an schlechtem Unterricht.

Das können die deutschen Grundschüler
Mit ihren Zeugnissen in den Händen jubeln Schüler der 4. Klasse in der Antonius-Grundschule im niederrheinischen Neukirchen-Vluyn Quelle: dpa/dpaweb
Ein Schüler einer Grundschule in Heiligenhaus nahe Düsseldorf schreibt einige Zeilen aus einem Buch ab Quelle: dpa/dpaweb
Im Deutschunterricht einer dritten Klasse an der Erich-Kästner-Grundschule in Frankfurt (Oder) blättert die neunjährige Janina in einem Buch Quelle: dpa
Eine Schuelerin der Sankt Paulus Grundschule in Berlin Moabit steht bei einem Schreibtest am Donnerstag, 12. August 2004, an der Tafel. Quelle: AP
 Lehrerin Petra Baumann steht (Bild vom 16.10.2003) vor der dritten Klasse der Leverkusener Remigiusschule und bringt den Kindern spielerisch die englische Sprache bei. Quelle: dpa/dpaweb
Schüler der St. Suitbertus Montessori Grundschule in Heiligenhaus nahe Düsseldorf nehmen am Englisch-Unterricht teil Quelle: dpa/dpaweb
Eine Schülerin der St. Suitbertus Montessori Grundschule in Heiligenhaus nahe Düsseldorf meldet sich Quelle: dpa

Wolfram Meyerhöfer, 42, arbeitet seit 2009 an der Universität Paderborn. Zahlen sind seine Welt. Ihn interessiert, wie Menschen Mathematik lernen. Er untersucht nicht nur die Ursachen der Rechenschwächen von Grundschülern, sondern auch mathematischen Analphabetismus sowie den Zahlenerwerb von Kleinkindern. Und er entwickelt Tests, die mathematisches Verständnis messen.

WirtschaftsWoche: Herr Meyerhöfer, für mich war Mathematik in der Schule Quälerei. Hat mein fast dreijähriger Sohn Chancen, die Welt der Zahlen einmal besser zu verstehen?

Meyerhöfer: Sicher, jedes Kind kann rechnen lernen.

Tatsächlich? Die wachsende Zahl von Berichten über Schüler mit Rechenschwächen lässt eher anderes befürchten.

Nach meiner Überzeugung nicht. Ich halte die Rechenschwäche für ein konstruiertes Phänomen.

Der Zahlen-Meister - Wolfram Meyerhöfer von der Universität Padernborn untersucht, wie Menschen Mathematik lernen. Seiner Meinung nach ist Rechenschwäche ein konstruiertes Phänomen. Quelle: Presse

Wollen Sie bestreiten, dass manchen Kindern Mathe schwerer fällt als anderen?

Richtig ist, dass die Kinder mit unterschiedlichen Vorstellungen von Mengen und Zahlen in die Schule kommen. Und ungefähr einem Viertel von ihnen erschließt sich diese Welt nicht von allein. Im ersten Schuljahr wäre aber genügend Zeit, für alle in der Klasse eine gemeinsame Basis in Mathematik zu erarbeiten. Diesen Stoff können alle Kinder bewältigen.

Fachbegriffe wie etwa Dyskalkulie lassen vermuten, dass es sich bei Rechenschwäche um eine Art Krankheit handelt.

Für manche Lehrer und Eltern ist es vor allem ein Weg, um sich aus der Verantwortung zu ziehen: Sie haben nichts falsch gemacht, das Kind ist ja krank und versteht Mathe deshalb nicht. Das ordnet sich ein in eine Kultur, die alles Abweichende als krank ansieht. Mediziner definieren sich dann plötzlich als Experten für das Rechnen, indem sie eine offizielle Krankheit definieren.

Gibt es Zahlen, wie viele Kinder pro Jahrgang eine Rechenschwäche haben?

Die Art der eher medizinisch orientierten Tests führt dazu, dass etwa sieben Prozent der Schüler eine Rechenschwäche zugeschrieben wird.

Die besten Bundesländer für Schüler und Azubis
Passanten gehen am Dienstag (28.08.12) in Bremen an der Fassade des Empfangsgebaeudes des Bremer Hauptbahnhofes vorbei. Quelle: dapd
Ein Brunnen vor dem Hauptgebäude der Ludwig-Maximilians-Universität in München Quelle: dpa
Die St. Johann-Basilika in der Altstadt von Saarbrücken Quelle: dpa/dpaweb
Abendhimmel hinter der Baustelle der Elbphilharmonie am Hafen von Hamburg. Quelle: dpa
Die Rücklichter fahrender Autos werden am Mittwochabend (21.03.2012) auf der Karl-Marx-Allee in Berlin dank einer Langzeitbelichtung zu roten und gelben Linien. Quelle: dpa
Birds sit on a statue in the park of Sanssouci Palace Quelle: dapd
Gäste am Kreuzfahrtterminal in Warnemünde Quelle: dpa/dpaweb
Stadtzentrum von Dresden vor der Frauenkirche (v. l.), dem Ständehaus, der Hofkirche und dem Schloss Quelle: dpa
Touristen besichtigen das Hundertwasserhaus "Grüne Zitadelle" in Magdeburg. Quelle: dpa
Die Wartburg bei Eisenach Quelle: dpa

Was macht Sie so sicher, dass es keine Krankheit ähnlich wie die Lese- und Rechtschreibschwäche ist?

In sinnvollem Förderunterricht wird angeblich minderbegabten Schülern sehr erfolgreich das Rechnen beigebracht. Erfolgreiche Lerntherapeuten folgern daraus, dass im Schulalltag etwas schiefläuft. Für mich war das der Grund, mich intensiv damit zu beschäftigen.

Was ist Ihrer Meinung nach der Auslöser des Problems?

Als Mathematikdidaktiker besuche ich oft Schulen, etwa wenn meine Studenten bei Lehrern hospitieren. Oft bin ich entsetzt, was da abgeht. Mancher Matheunterricht ist so schlecht, dass die meisten Kinder gar nichts verstehen können. Ich bewundere manchmal, was die Kinder trotz des Unterrichts noch lernen.

Welche Folgen hat diese Art des Unterrichts für die Kinder?

Es beschädigt sie. Das Etikett "rechenschwach" klebt an ihnen und nimmt ihnen häufig jeden Ansporn, Mathe zu lernen. So produzieren wir Schüler ohne mathematisches Grundverständnis. Das ist für jeden einzelnen Schüler ein Drama – und für unser Bildungssystem ein Desaster.

"Die hohe Versagerquote ist völlig überflüssig"

Mechanische Abläufe einbläuen - Lehrer fördern das Verständnis für mathematische Zusammenhänge zu wenig Quelle: dpa

Was läuft denn konkret falsch?

Vielfach bekommen Kinder nur mechanisch Abläufe eingebläut. Das Verständnis für die mathematischen Zusammenhänge fördern viele Lehrer dagegen zu wenig. Die Folge: Viele Kinder arbeiten mit für sie unpassenden Rezepten.

Haben Sie ein Beispiel dafür?

Die schriftlichen Rechenarten etwa, Subtrahieren und Addieren. Die meisten Kinder lernen, dass sie als Gedächtnisstütze unten beim Übertrag eine kleine Eins hinschreiben sollen. Eine Methode, die Kultusministerien vorgeschrieben haben, als Buchhalter noch von Hand addierten und es keine Rechenmaschinen gab. Wichtiger für das Mathematikverständnis wäre aber, dass die Kinder verstehen, warum der Weg richtige Ergebnisse liefert.

Was muss der Schüler da verstehen?

Wenn ich beim Addieren der Einer auf zwölf komme, dann bündele ich zehn dieser Einer zu einem Zehner. Das notiere ich mit der kleinen Eins, weil ich diesen einen Zehner nun zu den anderen Zehnern addieren muss. Dieses Vorgehen muss man nicht vorgeben, der Lehrer kann die Schüler dazu bringen, es selbst zu entdecken. Aber wenn man es vorgibt, dann muss man hinterher auch darüber sprechen, warum das ein sinnvolles Vorgehen ist. Die Frage muss immer lauten: Warum funktioniert dieses Verfahren?

Wo die Schulen am besten sind
Schülerinnen schreiben am 28.02.2012 in einem Gymnasium in Frankfurt am Main ein Diktat Quelle: dpa
Schülerinnen und Schüler der Klassen drei und vier der Grundschule Langenfeld Quelle: dpa
SaarlandStärken: Im Saarland machen 51,9 Prozent das Abitur. Das ist über Bundesdurchschnitt und befördert das Land damit in die Spitzengruppe im Ländervergleich. Auch in puncto Integration ist das Saarland weit vorne: Nur 4,3 Prozent aller Schüler sind vom Regelschulsystem ausgeschlossen und werden in speziellen Förderschulen unterrichtet. Schwächen: Wirkliche Schwächen haben die Schulen beziehungsweise das Bildungssystem im Saarland laut dem Chancenspiegel nicht. In den einzelnen Bereichen der Kategorien Durchlässigkeit und Kompetenzförderung bewegt sich das Bundesland immer im Mittelfeld. So hat ein Kind auf einer sozial starken Familie eine dreimal höhere Chance, aufs Gymnasium zu gehen als ein Kind aus einer schwächer gestellten Familie. Das ist unschön, aber immer noch überdurchschnittlich gut. 15,9 Prozent aller Schüler in der Primar- und Sekundarstufe 1 besuchen eine Ganztagsschule (Bundesdurchschnitt: 26,9 Prozent). Ländervergleich: Untere Gruppe. Auch das Verhältnis 1:3,3 beim Wachsel der Schulform (pro Schüler, der von der Real- oder Hauptschule "aufsteigt", wechseln 3,3 Schüler vom Gymnasium auf die Realschule beziehungsweise von Real- zu Hauptschule) liegt noch unterhalb des Bundesdurchschnitts von 1:4,3. Auch im Lesen sind saarländische Schüler aud den vierten und neunten Klassen mittelmäßig. huGO-BildID: 25450255 ARCHIV - Schüler und Schülerinnen schreiben am 28.02.2012 in einem Gymnasium in Frankfurt am Main ein Diktat. Zu den Ergebnissen der Koalitionsrunde vom Wochenende gehört das Ziel, noch in dieser Wahlperiode eine Grundgesetzänderung zu erreichen, die das Kooperationsverbot von Bund und Ländern in der Bildungspolitik aufhebt. Foto: Frank Rumpenhorst dpa +++(c) dpa - Bildfunk+++ Quelle: dpa
Eine behinderte Schülerin sitzt am 01.11.2011 im Gebäude einer Integrierten Gesamtschule Quelle: dpa
Constanze Angermann steht vor dem Finale des Schreibkampfes "Frankfurt schreibt! - Der große Diktatwettbewerb" vor einer Tafel Quelle: dpa
 Ein Schulkind bearbeitet Schulaufgaben Quelle: dpa
Malstunde in der deutsch-chinesischen Kita im Berliner Stadtteil Prenzlauer Berg Quelle: dpa
Schüler der Geschwister-Scholl- Schule in Tübingen Quelle: dpa
Schüler der ersten Klasse der Goethe-Schule in einem Klassenzimmer Quelle: dapd
schriftliche Abiturprüfung im Fach Mathematik in der Aula des Georg-Cantor-Gymnasiums Quelle: dapd
Ein Zweitklaessler meldet sich Quelle: dapd
BremenStärken: In keiner der überprüften Kategorien schaffte es das Bildungssystem des Stadtstaates Bremen in die Spitzengruppe der Länder. Sowohl bei der Integration als auch bei der Durchlässigkeit und einigen Kompetenzen der Schüler erreicht das Bremer Bildungssystem bloß Mittelmaß. Schwächen: Gerade im Fach Deutsch hakt es in Bremen. Sowohl Viert- als auch Neuntklässler können unterdurchschnittlich schlecht lesen und Texte verstehen. Und die Bremer Neuntklässler - sowohl die leistungsstärksten als auch die schwächsten, sind schlechter als der Durchschnitt. Die schwachen Schüler sind sogar 46 Punkte unter dem Durchschnitt. Auch die Abhängigkeit von Leistung in der Schule und dem Elternhaus ist in Bremen besonders hoch. huGO-BildID: 6183401 ** ARCHIV ** Eine Schuelerin einer dritten Grundschulklasse in Frankfurt am Main schreibt am 18. Jan. 2006 an einer Tafel. Die Foederalismusreform muss am Montag, 6. Maerz 2006, eine entscheidende Huerde nehmen. In parallelen Sitzungen wollen Ministerpraesidenten, Koalitionsfraktionen und Bundeskabinett der Entflechtung der Gesetzgebungskompetenzen von Bund und Laendern zustimmen. So sollen fuer die Bildungspolitik in Zukunft grundsaetzlich die Laender zustaendig sein. (AP Photo/Michael Probst) Quelle: AP
Mann bei der Berufsinformation des Arbeitsamtes Quelle: gms
Schueler einer Grundschulklasse Quelle: AP
 Im Sächsischen Förderzentrum für Blinde und Sehbehinderte in Chemnitz arbeitet eine Kauffrau für Bürokommunikation Quelle: dpa
Ein Schüler schreibt einige Zeilen aus einem Sachbuch ab Quelle: dpa/dpaweb

Warum ist das so wichtig?

Es gibt viele Kinder, die beispielsweise in höheren Klassen noch mit den Fingern addieren und subtrahieren. Die haben nicht verstanden, dass sie Mengen miteinander vereinen oder trennen und dass die Zahlen lediglich Kennzeichen für diese Mengen sind. Der Schüler muss verstehen, was mit diesen Mengen passiert. Aber darüber wird leider im Unterricht kaum geredet.

Wie vielen Kindern erschließt sich das denn nicht von selbst?

Ich habe mit meinem Jenaer Rechentest untersucht, welche Kinder nach dem ersten Schuljahr noch erheblichen Förderbedarf haben. Das war etwa ein Viertel der Schüler.

Das ist eine erschreckend hohe Quote, oder?

Ja, sie ist erschreckend, vor allem weil sie vollkommen überflüssig ist. Denn es gibt ja Lehrer, bei denen lernen alle Kinder rechnen.

Wirklich alle?

Alle!

Und was zeichnet deren Unterricht aus?

Der Lehrer übt nicht stur Rechentechniken mit allen Schülern – egal, ob die das verstehen oder nicht. Er diskutiert stattdessen, warum eine Technik funktioniert.

Kann das mit Klassengrößen von 25 Kindern und mehr überhaupt funktionieren?

Natürlich sind kleinere Klassen besser. Aber unsere Erfahrung ist, dass zwei Drittel der Kinder gar nicht beschult werden müssten. Ihnen reicht es, wenn der Lehrer interessante Aufgaben stellt, den Lösungsweg erarbeiten sie selbst. Umso intensiver muss der Lehrer dann auf das verbleibende Drittel eingehen, das eben nicht alleine klarkommt.

Versagen denn bloß die Lehrenden, oder gibt es auch ein Problem mit der Lehrerausbildung?

Die Mathematikdidaktik hat sich mit der Frage, wie ich Schülern am besten die Grundlagen der Mathematik beibringe, leider lange zu wenig beschäftigt. Erst langsam tut sich wieder was. Inzwischen gibt es auch neue Handbücher für Lehrer. Aber das kann nur der erste Schritt sein.

"Kinder intellektuell und emotional bestärken"

Welche Bundesländer bei der Bildung Spitze sind
Platz 14: SaarlandAuch im Saarland ist bei der Bildung vieles eher Schatten als Licht. Gerade in den mathematisch-naturwissenschaftlichen MINT-Fächern muss Deutschlands kleinstes Bundesland noch aufholen. Lediglich elf Prozent der Studenten haben 2010 ein ingenieurwissenschaftliches Studium abgeschlossen - bundesweit der niedrigste Wert. Positiv ist hingegen, dass im Saarland nur 5,6 Prozent aller Schüler die Schule ohne Abschluss verlassen. Damit liegen die Saarländer im Kampf gegen die Bildungsarmut auf Platz zwei. Quelle: dpa/dpaweb
Platz 16: Schleswig-HolsteinSchlusslicht des IW-Bildungsmonitors ist Schleswig-Holstein. Zwar liegen die Nordlichter bundesweit bei der Integration (Platz 2) vorne. Leute aus bildungsfernen Schichten haben in Schleswig-Holstein eher die Möglichkeit einen ordentlichen Ausbildungsabschluss zu machen, als anderswo. Dafür aber hat Schleswig-Holstein starke Defizite bei der Akademisierung, der Internationalisierung und den Betreuungsbedingungen. Quelle: dpa
Platz 7: NiedersachsenBesondere Stärken weist Niedersachen bei der Ausgabenpriorisierung (3. Platz) und Zeiteffizienz (4. Platz) auf. Das bedeutet: Für das Land haben Bildungsausgaben besondere Priorität – vor allem Ausgaben für die Hochschulen. Außerdem ist Niedersachsen bei der Umsetzung der Bologna-Ziele für einen gemeinsamen europäischen Hochschulraum relativ weit. Schlechter schneiden die Niedersachsen bei der Integration und dem Ausbau der Förderinfrastruktur ab. Quelle: dpa
Platz 12: BrandenburgSchüler in Brandenburg können sich auf gute Betreuungsbedingungen verlassen. Auf einen Lehrer in der Sekundarstufe I (ohne Gymnasium) kommen hier nur 12,2 Schüler. Im Bundesdurchschnitt sind es 14,7. Auch bei der Förderinfrastruktur, der Internationalisierung und der Integration geht Brandenburg mit gutem Beispiel voran. Probleme hingegen gibt es hingegen bei der Schulqualität und der beruflichen Bildung. Quelle: dpa
Platz 3: Baden-WürttembergBaden-Württembergs Stärken liegen in der erfolgreichen Vermeidung von Bildungsarmut (Platz 1), und der Akademisierung (Platz 2). Nachholbedarf gibt es vor allem beim Ausbau der Förderinfrastruktur und der Integration. Quelle: dpa
Platz 10: Mecklenburg-VorpommernÜberdurchschnittlich gut präsentiert sich Mecklenburg-Vorpommern bei der Förderinfrastruktur. Ein Viertel der unter Dreijährigen können einen Ganztagsplatz in einer Kindertagesstätte nutzen, bei den drei- bis sechsjährigen sind es sogar 58 Prozent. Zum Vergleich: Im Bundesdurchschnitt liegen die Werte lediglich bei 11,3 bzw. 34,7 Prozent. Schwächen hat das Bundesland allerdings in der Zeiteffizienz (Platz 15): Im Jahr 2010 brachen mehr als 40 Prozent der Auszubildenden ihre Lehre ab. Quelle: dpa/dpaweb
Platz 1: SachsenDas leistungsfähigste Bildungssystem in Deutschland hat Sachsen. Hubertus Pellengahr, Geschäftsführer der Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft (INSM) führt dies vor allem auf  die gute individuelle Förderung dort zurück. Außerdem biete Sachsen wie auch das zweitplatzierte Thüringen einen breiten Zugang zu akademischen Abschlüssen, vor allem in den naturwissenschaftlich-technischen Fächern an. Quelle: ZB
Platz 9: HessenAuch in Hessen ist die Bilanz durchwachsen. In puncto Integration liegen die Hessen aber über dem Bundesdurchschnitt. Knapp 15 Prozent der Schüler mit ausländischer Staatsangehörigkeit konnten in Hessen Abitur machen (Bundesdurchschnitt: 12,5 Prozent). Bei Internationalisierung und Förderinfrastruktur muss Hessen hingegen noch deutlich aufholen: Es fehlt an Hochschulkooperationen mit ausländischen Universitäten und an Ganztagsschulen. Quelle: dpa
Platz 6: Sachsen-AnhaltSachsen-Anhalt ist bei den Betreuungsbedingungen, der Förderinfrastruktur und der Internationalisierung besonders gut, hängt aber bei der beruflichen Bildung, Schulqualität und Akademisierung zurück. Quelle: dapd
Platz 11: Rheinland-PfalzRheinland-Pfalz schneidet auch eher durchschnittlich ab. Die Schüler können sich zwar über eine hohe Schulqualität freuen (bundesweit Platz 4), dafür gibt es Defizite bei der Forschungsorientierung (Platz 16). Quelle: dpa
Platz 8: HamburgHamburg gehört zu den großen Gewinnern im Ranking. Im Vergleich zum Vorjahr (13. Platz) haben die Hanseaten fünf Plätze gut gemacht. Stärken weist Hamburg bei der berufliche Bildung (2.Platz) und Akademisierung auf. Verbesserungspotenzial besteht bei Schulqualität und Bildungsarmut. Quelle: dpa
Platz 13: Nordrhein-WestfalenDas bevölkerungsreichste Bundesland landet beim deutschlandweiten Vergleich im unteren Drittel ab. Gründe dafür gibt es viele: Es mangelt in NRW an der Schulqualität und ausreichender Betreuung. Zudem schließen nur zwei Drittel der Abgänger an beruflichen Schulen ihre Ausbildung erfolgreich ab – der schlechteste Wert in ganz Deutschland. Lediglich bei der Forschungsorientierung (Platz 3) kann NRW oben mithalten. Quelle: dpa
Einmal im Jahr zieht das Kölner Institut der deutschen Wirtschaft (IW) einen ausführlichen Vergleich zwischen den Bildungssystemen der deutschen Bundesländer. Es stützt sich dabei auf 13 Kriterien. Sie reichen von der Schulqualität über die Integration lernschwacher Schüler bis hin zur Förderung so genannter MINT-Fächer (Mathe, Informatik, Naturwissenschaft und Technik). Quelle: dpa
Platz 4: BayernBayern schneidet in sieben der dreizehn Kriterien überdurchschnittlich ab. Die herausragenden Stärken des Landes liegen bei der Schulqualität (Platz 1), der Förderung der beruflichen Bildung(Platz 1) und dem erfolgreichen Vermeiden von Bildungsarmut (Platz 3). Deutlichen Nachholbedarf gibt es beim Ausbau der Förderinfrastruktur. Quelle: dpa
Platz 2: ThüringenKein anderes Bundesland räumt den Bildungsausgaben so hohe Priorität ein wie Thüringen. Auch bei der Förderinfrastruktur und der naturwissenschaftlich-mathematischen MINT-Fächer liegt es jeweils auf dem zweiten Platz. Verbesserungsbedarf besteht bei der Effizienz der eingesetzten Mittel. Quelle: dpa
Platz 5: BremenBremen ist ein Bundesland der Extreme. Einerseits liegt es bei der Akademisierung und der Förderung der MINT-Fächer auf dem ersten Platz. Andererseits besteht erheblicher Verbesserungsbedarf in puncto Bildungsarmut und Schulqualität. Quelle: dpa
Platz 15: BerlinBerlins Bürgermeister Klaus Wowereit muss noch einiges in die Bildung investieren, damit seine Stadt dort zur Spitze gehört. So muss Berlin zum Beispiel noch an der Integration arbeiten und sich stärker für die Bekämpfung von Bildungsarmut einsetzen. Es gibt aber auch einen Lichtblick: Im Vergleich zum letzten Bildungsmonitor hat sich das Land immerhin um einen Platz verbessert. Bei der Forschungsorientierung liegt Berlin sogar bundesweit ganz vorne. Quelle: dpa

Was wäre der zweite?

An den Schulen wird gerade viel zu viel getestet. Jeder Schuldirektor weiß ohnehin, bei welchem Lehrer die Schüler nicht genug lernen. Diese Lehrer brauchen Hilfe, wie sie ihren Unterricht verbessern können. Lehrer sind hochbezahlte und hochbelastete Fachkräfte. Sie brauchen Coaching und Supervision.

Lassen sich die Lehrer denn über die Schultern schauen?

Ungern. Eine Kaskade des Jammerns verhindert leider oft den Fortschritt: Professoren beklagen sich über ihre vermeintlich schlechten Studenten, Lehrer über ihre unbegabten Schüler, sogar Kindergärtnerinnen beklagen sich über nicht erzogene Einjährige. Ab und an gibt es glücklicherweise Schulleiter und Kultusbeamte, die dennoch etwas ändern wollen.

Und bis das wirkt, müssen Eltern und Nachhilfe-Unternehmen den Job der Lehrer übernehmen?

Wenn es gut läuft. Leider reicht das Qualitätsspektrum bei Rechenschwächetherapien von schwärzester Scharlatanerie bis zu vernünftiger Arbeit. Und die Eltern können kaum die guten von den schlechten Angeboten unterscheiden.

Leisten können sich die Nachhilfe ohnehin nicht alle?

In der Tat. Das ist sehr teuer, und so findet schon in der Grundschule eine rechtswidrige soziale Auslese statt. Die Schule erfüllt ihre Aufgabe nicht.

Was wirklich hinter Lernmythen steckt
Bloß nicht mit den Fingern rechnen Quelle: Fotolia
Eine Lehrerin schreibt mit Kreide an die Tafel Quelle: dpa
Schüler mit dem Smartphone auf dem Schulhof Quelle: dpa
Fehler helfen beim LernenWer sich beim Lernen häufig verhaspelt und die Lösung raten muss, lernt trotzdem was. Eine kanadische Studie hat gezeigt, dass die Gedächtnisleistung sogar von den Fehlern profitiert. Dies gilt allerdings nur, wenn die Raterei nicht völlig ins Kraut schießt, sondern nur knapp an der richtigen Lösung vorbei ist. Wer häufig fast richtige Vermutungen anstellt, dem helfen diese wie kleine Brücken beim Erinnern an die korrekte Information. Diesen Vorteil konnten die Forscher sowohl bei jüngeren als auch bei älteren Probanden feststellen. Wer sich selbst herantastet, profitiert davon also mehr, als wenn ihm die richtige Antwort vorgesagt wird. Quelle: Fotolia
Texte wiederholt zu lesen, heißt viel zu lernen Quelle: dpa
Gelerntes erzählen, hilft es sich zu merken Quelle: AP
Hochbegabte sind LernüberfliegerWer einen ungewöhnlich hohen IQ hat, ist in der Schule noch lange kein Überflieger. Weil viele Hochbegabte in der Schule unterfordert sind, markieren sie den Klassenclown und bekommen entsprechend schlechte Noten. Quelle: Fotolia
Sport steigert die Konzentration Quelle: Fotolia
Manche sind nachts am lernfähigsten Quelle: Fotolia
Der frühe Vogel fängt den Wurm Quelle: dpa/dpaweb
Chaos macht kreativOrdnung gibt Sicherheit, weshalb kreative Köpfe gerne im Chaos versinken. Nur weil sich auf dem Schreibtisch Bücher und Zettel türmen, wird man aber noch lange nicht kreativ. Kreativ werden kann nämlich nur, wer bereits gelernt hat. Quelle: Fotolia
Lernen geht am besten unter Druck Quelle: dpa/dpaweb
Gehirnjogging macht geistig fitter Quelle: dpa
Musizieren macht klug Quelle: dpa
Kurz-vor-knapp-Lernen funktioniert Quelle: dpa
Werden Kinder gelobt, lernen sie besser Quelle: Fotolia
Schüler an der Tafel Quelle: AP
Intelligente Kinder haben bessere NotenUm eine gute Note zu bekommen, braucht es neben Intelligenz und Begabung auch Fleiß, Hingabe und Motivation. Ein intelligenter Mensch, der nicht lernt, bekommt schlechtere Noten als ein weniger intelligentes Kind, das sich anstrengt. Quelle: Fotolia
Lernmythen: Wer lernt und es aufschreibt, merkt es sich besser Quelle: dpa
Die Jüngsten lernen am besten Quelle: dpa

Dann müssen die Eltern ran.

Auch das funktioniert eher selten. Oft kommen Kinder zu uns in die Beratung, die schon wahre Dramen zu Hause erlebt haben. Sie üben stundenlang und schreiben trotzdem schlechte Noten. Die Eltern verzweifeln und schreien den Nachwuchs an: Ich habe es dir doch schon fünf Mal erklärt. Warum versteht du es denn immer noch nicht?

Schlechte Matheschüler hören oft, sie sollen mehr üben. Nützt denn das nichts?

Nein. Zumindest nicht bei Kindern, die beim Addieren und Subtrahieren noch mit den Fingern rechnen. Sie können noch so lange üben: Solange sie kein Mengen- und Operationsverständnis entwickeln, bringt es nichts. Sie üben einfach das Falsche.

In Arbeit
Bitte entschuldigen Sie. Hier steht ein Element, an dem derzeit noch gearbeitet wird. Wir kümmern uns darum, alle Elemente der WirtschaftsWoche zeitnah für Sie einzubauen.

Ihr Rat für geplagte Eltern?

Einfach raushalten! Denn wenn sie selbst Probleme hatten, stecken sie die Kinder mit ihrer eigenen Matheangst an. Und wenn sie selbst gut waren, werden sie keinerlei Verständnis haben für die Probleme.

Das ist ziemlich unbefriedigend, oder?

Neulich fragte mich ein Vater bei einer Elternversammlung in einer Kindertagesstätte, ob man die Fünfjährigen nicht langsam mal an Mathehausaufgaben gewöhnen sollte. Was für ein grausliger Übereifer. Nein, wenn mein Kind rechnen lernen soll, muss ich eine Schule wählen, in der ein gutes, und kein restriktives Lernklima herrscht. Außerdem gilt immer: Wenn ich will, dass mein Kind im Schulunterricht nicht gequält wird, dann muss ich es intellektuell und emotional bestärken.

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