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Bildung Lobbyarbeit im Schülerlabor

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Lobbyarbeit im Labor

Von Schülern produzierte Plastikbecher Quelle: Dominik Asbach für WirtschaftsWoche

Der Effekt sei nachhaltig, sagt die Didaktikforscherin. Auch vier Jahre später fanden Schüler Chemie und Physik noch deutlich spannender als vor dem Kurs. Doch warum nutzen Lehrer das Erfolgsrezept nicht für ihren Unterricht? Anleitungen zu grundschultauglichen Experimenten gibt es längst in Buchform. Und einige Schülerlabore bilden inzwischen auch Lehrer fort. Etwa in Wilhelmshaven.

Dort hat ein Trägerverein den Lernort Technik und Natur aufgebaut. 13 Mitarbeiter empfangen hier pro Jahr nicht nur 6100 Schüler, um sie mit regionalen Themen wie Küstenschutz, Schifffahrt und Hafenbau sowie erneuerbaren Energien vertraut zu machen. Seit 2010 bringen die Lernort-Mitarbeiter in Kooperation mit den Hochschulen Osnabrück und Oldenburg auch Lehrern bei, wie spannender Unterricht aussehen kann – etwa, wie Schüler ein eigenes Solarmobil bauen können.

Schulungen für spannenden Unterricht

Auch Universitäten gehen neue Wege, etwa das ProMINT-Kolleg der Humboldt-Universität Berlin. Dort werden Referendare und Lehrer im praxisnahen Unterricht geschult. Die Erfahrungen, von denen Steffen Harke als abgeordneter Lehrer des Kollegs berichtet, sind aber mitunter frustrierend. Kaum zurückgekehrt in die Tretmühle Schulalltag, verblassen die Ideen für anschaulichen Unterricht sehr schnell. Denn oftmals scheitern die guten Vorsätze schlicht am straffen Stundenplanregiment – eine Doppelstunde ist kurz, wenn alle Utensilien für ein Experiment auf- und auch wieder abgebaut werden müssen.

Spätestens bei biotechnischen Versuchen stoßen Schulen ohnehin an die Grenzen ihrer Ausstattung. Und deshalb genießt ein weiteres Bayer-Schülerlabor hohes Ansehen bei Lehrern: Das Baylab Plants in Monheim bei Düsseldorf vermittelt Einblicke in grüne Gentechnik – mit deren Hilfe Firmen etwa versuchen, Pflanzen robuster und leistungsfähiger zu machen.

Solche aufwendigen Versuche mit Hunderte Euro teuren Enzymen, kann sich kaum eine Schule leisten. Ganz zu schweigen von einem Sicherheitslabor des Typus S1, das für einfachere gentechnische Versuche benötigt wird.

Gleichzeitig ist bei der in Deutschland umstrittenen grünen Gentechnik offensichtlich, dass Bayer als einer der globalen Player mit gentechnisch verändertem Saatgut auch einen politischen Bildungsansatz verfolgt. Mitarbeiter geben ganz offen zu, dass es zum Ziel des Konzerns gehöre, Schüler positiv für Gentechnik einzunehmen. Hier grenzt sinnvolle Lernhilfe an Lobbyismus.

„Natürlich bekommen die Schüler dort den Eindruck vermittelt, Gentechnik sei das Nonplusultra, und ohne Bayer und seine Pflanzenschutzmittel würde keine Nutzpflanze auf dieser Welt überleben“, sagt eine Gymnasiallehrerin, die regelmäßig mit Bio-Kursen nach Monheim fährt und deshalb namentlich nicht genannt werden möchte. Doch die Lehrerin hat einen, wie sie findet, guten Weg gefunden, das Angebot dennoch zu nutzen: Wenn man die Oberstufenschüler auf diese Situation entsprechend vorbereiten würde, wäre es unter dem Strich immer noch ein sehr lohnender und lehrreicher Ausflug.

Kein Durchblick bei Angeboten

Hier prallen schulische Mangelverwaltung und die kostenfreie Rundumversorgung in Schülerlabors aufeinander. Noch viel problematischer: Die Schulen geben mit dieser Politik einen Teil der Ausbildung in fremde Hände – oft ohne zu wissen, was dort wirklich geleistet wird.

Denn neben den großen Schülerlaboren von Unternehmen, großen Museen, Hochschulen oder Großforschungseinrichtungen wie der Gesellschaft für Luft- und Raumfahrt gibt es reihenweise kleine und weniger gut strukturierte Angebote.

Dieses Problem hat auch Rolf Hempelmann vom Bundesverband der Schülerlabore erkannt. Er machte es auf der Jahrestagung seines Verbands vor wenigen Wochen zum Thema und verglich dabei Schülerlabore mit anderen außerschulischen Lernorten wie Museen oder Theatern. Während bei der Aufführung eines Klassikers wie Wilhelm Tell relativ klar sei, was Lehrer und Schüler zu erwarten hätten, durchschauten viele Lehrer bei der Vielzahl der Labor-Angebote kaum noch, was dort vermittelt wird. Deshalb steht für Hempelmann fest: „Qualitätssicherung ist für die Integration von Schülerlaboren ins Bildungssystem dringend erforderlich.“

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