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Biotechnik-Start-up Recombinetics US-Firma treibt Gentechnik in der Viehzucht voran

Eingriffe in das Erbgut von Tieren stoßen auf Skepsis. Recombinetics will die Technik mit strategisch gewählten „Optimierungen“ salonfähig machen.

Das Unternehmen Semex ist auch an dem Recombinetics-Projekt zur Entwicklung von hornlosen Kühen beteiligt. Quelle: dpa

OakfieldKühe könnten ohne Hörner geboren werden oder Hitze besser verkraften; Ferkel könnten ohne Pubertät auskommen und müssten dann nicht mehr kastriert werden. Das Potenzial der Gentechnik ist gewaltig - so zumindest sehen es die Befürworter. Um auch die Behörden zu überzeugen und zugleich Ängste vor monströsen Mutationen abzubauen, setzen sie in der Viehzucht nun gezielt auf Details, die das Leid der Tiere betreffen.

„So ist es einfach eine viel bessere Story“, sagt Tammy Lee, Leiterin des Biotechnik-Start-ups Recombinetics. Das in St. Paul im US-Staat Minnesota ansässige Unternehmen will Nutztieren das Leben leichter machen, indem es ihnen im Labor bestimmte genetische Eigenschaften nimmt oder hinzufügt. Ob es damit Erfolg haben wird, hängt aber nicht nur von der Machbarkeit ab, sondern vor allem von der Akzeptanz.

Recombinetics will der Gentechnik daher ein besseres Image verpassen. Während künstliche Veränderungen des Erbguts bisher meist mit einer höheren Produktivität begründet werden, setzen Lee und ihre Kollegen auf das Argument Tierschutz. Von Aktivisten wird etwa schon seit Langem kritisiert, dass Landwirte ihren Kühen mit Brenneisen oder ätzenden Substanzen auf schmerzhafte Art die Hörner entfernen, damit die Tiere sich nicht gegenseitig verletzen. Recombinetics entfernt stattdessen das Gen, das die Hörner überhaupt wachsen lässt.

Erste Tests sind durchaus vielversprechend. Im vergangenen Jahr zeugte ein von dem Start-up entsprechend manipulierter Bulle mehrere Kälber. Alle wurden, wie von den Experten erwartet, ohne Hörner geboren. Am Standort Davis der University of California werden die Kälber nun großgezogen. Sobald die weiblichen Nachkommen Milch geben, soll diese auf Anomalien hin untersucht werden.

In einem anderen Projekt geht es um Schweine. Wenn Ferkel in die Pubertät kommen, kann ihr Fleisch einen von Konsumenten als unangenehm empfundenen Geruch annehmen. Um diesen „Ebergeruch“ zu vermeiden, werden die Jungtiere kastriert. Oft geschieht dies ohne Betäubung. Auch hier will Recombinetics das Problem mit einem genetischen Eingriff lösen. Ebenfalls in der Entwicklung sind „hitzeresistente Kühe“, die bei heißeren Temperaturen nicht leiden.

Aus Sicht des US-Unternehmens macht Gentechnik im Prinzip das Gleiche wie die konventionelle Zucht seit Jahrhunderten - nur eben schneller und präziser. Noch sind die gesetzlichen Hürden für eine Markteinführung von derart erzeugten Produkten aber hoch. Befürworter des Verfahrens fordern, dass für Milch und Fleisch von genetisch manipulierten Tieren künftig keine Sonderregeln mehr gelten sollten.

Sobald die öffentliche Akzeptanz der Gentechnik steige, werde in der Landwirtschaft auch das Interesse an Methoden zur Verbesserung der Produktivität zunehmen, sagt Lee. Paul Thompson von der Michigan State University ist hingegen skeptisch. Die Vorbehalte in der Gesellschaft beträfen nicht nur das „Gottspielen“, sondern auch generell die Art, wie in der modernen Nahrungsmittel-Industrie mit Tieren umgegangen werde. „Seit mindestens 20 Jahren wird über die ethische Frage diskutiert, ob wir die Tiere ändern sollten oder nicht doch das System“, sagt der Agrarexperte.

Gerade wegen der Vielfalt der potenziellen Einsatzmöglichkeiten stößt die Gentechnik weiterhin auf Vorbehalte. Solange es nur darum geht, nahrhafteres Fleisch zu erzeugen, sehen laut einer Umfrage des Meinungsforschungsinstituts Pew vom August etwa 43 Prozent der Amerikaner das Verfahren positiv.

Die Tierschutz-Organisation Humane Society befürwortet Gentechnik auch in Fällen, in denen die Ferkel-Kastration oder die Enthornung von Kühen vermieden werden kann, warnt aber vor einer generellen Zulassung. „Wenn du deine Hühner so manipulieren kannst, dass sie die Größe von Elefanten haben, ist das nicht gut“, sagt Josh Balk, der in der Organisation für das Thema Nutztierschutz zuständig ist.

Andere Kritiker zweifeln an der Notwendigkeit der Technologie, wenn es sich wirklich - wie von den Befürwortern behauptet - nur um eine Beschleunigung der konventionellen Zucht handelt. Denn durch Fortschritte bei den traditionellen Methoden sei die Produktivität bei der Haltung von Kühen, Hühnern und Schweinen ohnehin längst enorm gestiegen. Milchfarmer etwa können beim Kauf von Rindersamen schon heute relativ genau nach bestimmten Eigenschaften auswählen.

Das kanadische Unternehmen Semex hat zum Beispiel die Version „Robot Ready“ im Angebot, bei der die Kühe besonders gut für das automatisierte Melken in Großbetrieben geeignet sein sollen. Semex ist auch an dem Recombinetics-Projekt zur Entwicklung von hornlosen Kühen beteiligt.

John Burket ist den beiden Unternehmen in gewisser Weise einen Schritt voraus. Denn auf seinem Hof im Staat Pennsylvania hat er längst Kühe ohne Hörner - und zwar natürlich gezüchtet. Er sehe Gentechnik zwar nicht grundsätzlich kritisch, sagt er. Noch sei er aber skeptisch, ob sie wirklich das bieten könne, was versprochen werde. Für Unternehmen wie Recombinetics und Semex wird die Herausforderung am Ende also auch darin bestehen, Landwirte vom ökonomischen Nutzen ihrer Entwicklungen zu überzeugen.

Unterdessen stößt unter Landwirten auch die in Aussicht gestellte Produktivitätssteigerung nicht nur auf Begeisterung. Denn nach den Erfahrungen der vergangenen Jahrzehnte droht damit ein weiterer Preisverfall. „Wollen wir eine Technologie, die den Markt mit noch mehr Milch überschwemmt?“, fragt Lorraine Lewandrowski, die im Norden des Staates New York eine Milchfarm betreibt.

Der Molkerei-Besitzer Jonathan Lamb sagt, er wäre angesichts der niedrigen Milchpreise kaum bereit, für gentechnische Produkte Extra-Kosten in Kauf zu nehmen. Trotzdem sehe er die Entwicklungen positiv, betont er. Sie seien ein erster Schritt hin zu anderen Möglichkeiten.

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