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Computerspiele Gedanken-Spiele sind ein Milliardenmarkt

Daddeln mit dem Hirn: Die US-Forscherin Deepa Iyengar entwirft Computerspiele fürs Handy, die sich mit Gedankenkraft steuern lassen. Der Alltagsspaß öffnet der High-Tech-Hirnforschung ganz neue Märkte.

Marktforscher kalkulieren, dass sich mit Gehirn-Computer-Interaktion in den kommenden Jahren Hunderte Milliarden Dollar verdienen lassen. Quelle: dpa

WirtschaftsWoche: Frau Iyengar, können Sie mir sagen, woran ich gerade denke?

Iyengar: Ich muss Sie enttäuschen. Gedanken lesen können wir noch nicht, auch wenn wir immer danach gefragt werden. Die Technik gibt das noch nicht her.

Trotzdem verspricht Ihr Unternehmen Mindgames, dass sich Ihre Spiele mit Gedankenkraft steuern lassen. Klappt das tatsächlich?

Natürlich. Vor einem Jahr haben wir das erste Spiel herausgebracht, bei dem das funktioniert. Mit aktuellen, einfachen Hirnstrom-Sensoren für jedermann können wir zwar keine Gedanken lesen, wohl aber grundlegende Gemütszustände unterscheiden. In unserem neuesten Spiel „Götter und Sterbliche“ müssen Sie sich abwechselnd konzentrieren und entspannen, um sich Gegner vom Leib zu halten.

Besonders ausgefeilt ist diese Interaktion aber noch nicht?

Das stimmt, aber wir hoffen in Zukunft auf bessere EEG-Geräte, mit denen wir mehr Daten erhalten können. Dann wird unser Einblick in die Gedankenwelt genauer. Das wird die Art, wie wir mit Computern interagieren, völlig verändern. Und wir sind nicht das einzige Unternehmen, das dieses Thema entdeckt hat. Großunternehmen wie Microsoft arbeiten daran, die Technik für den Alltag nutzbar zu machen.

Marktforscher kalkulieren, dass sich mit Gehirn-Computer-Interaktion in den kommenden Jahren Hunderte Milliarden Dollar verdienen lassen. Welche Chancen hat in diesem Markt ein Startup wie Ihres?

Wir können uns nicht beklagen: Wir haben drei erfolgreiche Spiele produziert und werden das vierte bald auf Facebook starten. Dabei fokussieren wir uns auf das, was heute machbar ist, und gestalten Spiele, die jeder einfach benutzen kann. Alles, was Sie brauchen, sind ein iPhone oder iPad und ein günstiges EEG-Headset für rund 100 Euro.

Wann also haben Maus und Tastatur ausgedient, weil wir unsere Rechner tatsächlich mit dem Kopf bedienen können?

Ganz so schnell wird das leider nicht passieren. Per Tastatur können Sie mit etwas Übung sehr schnell sehr exakte Eingaben machen. Mit Gedanken ist das nicht so einfach. Zwar gibt es schon heute Programme, mit denen ich Buchstaben diktieren kann, indem ich mir Bilder im Kopf vorstelle. Aber damit schaffen Sie höchstens acht Buchstaben in der Minute.

Damit ist die Gedankensteuerung dem traditionellen Tippen weit unterlegen...

...aber für Menschen, die an chronischer Muskelschwäche leiden, oft der einzige Weg, um sich auszudrücken. Leider ist die Technik heute noch sehr umständlich, kompliziert und anfällig für Fehler. Damit der Computer überhaupt etwas mit den Hirnströmen anfangen kann, ist sehr viel Training nötig. Das ist so wie bei einem Diktierprogramm: Wenn Sie wirklich möchten, dass die Software Sie versteht, müssen Sie Ihre Sprache anpassen.

Sehr unterhaltsam klingt das nicht.

Ist es aber. Mit unseren Spielen können Sie Spaß haben und zugleich lernen, die eigenen Gemütszustände zu steuern.

Wie bitte, Ihre Spiele sollen meine Gedanken kontrollieren?

Ja, aber nur indirekt. Es geht darum, gezielt bestimmte mentale Zustände herbeiführen zu können. Wir planen zum Beispiel gerade ein Pilotprojekt, bei dem Kinder mit dem Aufmerksamkeitsdefizit-Syndrom ADS unsere Spiele nutzen sollen, um besser entspannen zu können. Sich auf Kommando zu beruhigen ist nämlich gar nicht so einfach.

"Eine Technik, in die das Militär Millionen investiert"

Ein US-Marinesoldat in Afghanistan. Deepa Iyengar zur militärischen Anwendung der Hirnstromfroschung:

Wie wollen Sie das anstellen?

Über das EEG können wir die Hirnaktivität messen und den Spielern unmittelbar Feedback geben. Wie entspannt sind sie tatsächlich? Nur wenn der Spieler tatsächlich relaxt, gelingen ihm bestimmte Aufgaben, sodass er in den nächsten Level aufsteigen kann. Wir glauben, dass das für Kinder eine große Hilfe sein kann, um weniger gestresst zu sein. Dadurch müssen sie weniger Medikamente einnehmen oder können vielleicht sogar ganz darauf verzichten.

Für Stressabbau könnten sich auch viele Erwachsene begeistern.

Natürlich. Schließlich leiden Millionen von Menschen an Stress und Schlafstörungen, die mit unserer Software das Entspannen üben können. Und das ist nicht die einzige Anwendung, die mir einfällt.

Was noch?

Wie wäre es mit einer Software, die Sie davon abhält, Facebook-Einträge zu schreiben, wenn Sie emotional sehr aufgebracht sind? Der Computer könnte Sie warnen: „Hör mal, du scheinst mir gerade sehr sauer zu sein. Bist Du sicher, dass es eine gute Idee ist, gerade jetzt eine Nachricht zu verschicken?“ Das Programm könnte Ihnen Vorschläge machen, wie Sie abschalten können, bevor Sie einen Fehler machen. Oder stellen Sie sich ein Spiel vor, mit dem Sie gezielt einen „Flow“ herbeiführen.

Einen was, bitte?

Einen Zustand, in dem Ihnen die Dinge scheinbar mühelos von der Hand gehen und Sie intuitiv wissen, was zu tun ist. Vielleicht können wir schon bald ein Spiel anbieten, mit dem Sie so lange trainieren können, bis sich dieser Zustand gezielt herbeiführen lässt.

Das klingt faszinierend. Aber auch nach einer Technik, die sich missbrauchen lässt. Was, wenn der Staat eines Tages meine Gedanken lesen kann?

Das werden Sie und ich nicht verhindern können, denn das amerikanische Verteidigungsministerium investiert schon heute Millionen, um den Gedanken auf die Spur zu kommen. Es gibt zum Beispiel Projekte, bei denen Soldaten mit der EEG-Technik miteinander kommunizieren sollen, damit sie im Kampfeinsatz keine Worte wechseln müssen. Und das ist noch einer der harmloseren Einsatzzwecke. Auch Versicherungskonzerne oder Geheimdienste würden gerne wissen, was sich in unseren Köpfen abspielt.

In Arbeit
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Auch da könnten Sie viel verdienen.

Ich kann nur sagen, dass unser Unternehmen niemals Geld für solche Zwecke annehmen würde. Aber das können wohl nicht alle Firmen von sich behaupten. Wir brauchen dringend eine ethische Debatte darüber, wie wir als Gesellschaft mit den neuen technischen Möglichkeiten umgehen wollen.

Apropos Ethik: In einem Ihrer Spiele müssen sich die Spieler vor einem Zombie retten, der das Gehirn des Spielers auslöffeln will. Der muss die Löffel mit Gedankenkraft verbiegen, um zu überleben. Ist das nicht doch etwas morbide?

Es stimmt, dass unsere Spiele voll schwarzen Humors sind. Aber das Spiel richtet sich ja an Erwachsene. Und natürlich spielen auch Götter und Sagengestalten eine große Rolle. Dass die meisten unserer Mitarbeiter aus Island stammen, bleibt für die Ästhetik unserer Produkte eben nicht ohne Folgen. Aber ich bin unschuldig. Ich bin hierher gezogen, weil mein Mann aus Island stammt.

Wann werden Sie mit Ihrem Smartphone sehen können, wovon Ihr Mann träumt?

Heute kann ich immerhin schon feststellen, dass er am Träumen ist. Ich schätze, es wird noch mindestens zehn Jahre dauern, bis wir die Hardware und die Algorithmen haben, um die Träume der Menschen auch zu Hause analysieren zu können.

Würden Sie es denn wissen wollen?

Niemals! Ich bin zufrieden mit meiner Selbsttäuschung.

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