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Corona-AerosoleLuftreiniger könnten die Lösung sein – doch Ämter stiften Verwirrung

Geräte, die in der Luft enthaltene Coronaviren vernichten, könnten den Restaurantbesuch sicherer machen. Doch Gastwirte zögern bei der Anschaffung – aus Verunsicherung, ob sich die erhebliche Investition lohnt.Thomas Stölzel 14.10.2020 - 07:57 Uhr

Gastronomen tun sich schwer, schützende Luftreinigungstechnik anzuschaffen, solange die Position der Behörden dazu so vage ist wie bisher.

Foto: imago images

Deutschlands Gastronomen fühlen sich in der Coronakrise zunehmend von Politikern und Behörden allein gelassen: Nicht nur die teilweise verordneten Sperrstunden setzen ihnen zu. Es geht auch um Unterstützung, die sich vor allem diejenigen erhoffen, die mit neuen Technologien den Restaurantbesuch ihrer Gäste etwas sicherer machen wollen – um so von ihrem Geschäft zu retten, was in diesem schwierigen Zeiten zu retten ist. 

So versuchen einige Wirte, ihre Räumlichkeiten mit Luftfiltern auszustatten und so auch in der kalten Jahreszeit Gäste zu locken. Doch bis heute gibt es für diese Filter keine Zertifizierung oder ähnliche Anhaltspunkte, welche Geräte sich im Kampf gegen das Coronavirus eignen.

Das sei ein massives Problem, klagt ein Düsseldorfer Gastwirt. Er befürchtet, dass die Behörden im Laufe des Winters doch noch Regeln aufstellen – und er dann bereits für viel Geld installierte Technik doch nicht mehr einsetzen darf. Für seine Restaurantfläche seien immerhin Geräte notwendig, deren Stückpreis über 10.000 Euro liegt. Ohne Rechtssicherheit tue er sich schwer, eine solche Investition zu stemmen.

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Tatsächlich gibt es inzwischen eine wahre Geräteflut und zahlreiche konkurrierende Technologien: Einige Geräte funktionieren mit sogenannten Hepa-Filtern, die die feinen Aerosoltröpfchen über engmaschiges Vlies aus der Luft fischen. Andere Geräte bekämpfen das Virus mit UV-C Licht, welches das Erbgut des Erregers so verändert, dass er sich in einem Wirt nicht vermehren kann. Wieder andere Geräte setzen auf Ozon, ein Gas, dessen Moleküle sich mit denen des Virus verbinden und es so zerstören. Und manche nutzen auch eine Kombination der Techniken.

Welche Geräte sich für Gastronomen eignen, darüber gibt es von den Behörden bislang nur sehr vage und oft widersprüchliche Aussagen. So verweisen städtische Ämter bei der Frage etwa in Nordrhein-Westfalen an das Gesundheitsministerium des Landes. Das wiederum bezeichnet das Robert-Koch-Institut (RKI) als zuständig. Und das RKI wiederum verweist für Informationen auf das Umweltbundesamt sowie die Aerosol-Experten der TU Berlin.

Verwirrung vom Umweltbundesamt

Vom Umweltbundesamt gibt es für Gastronomen derweil wenig zu hören, das sie zu einer Anschaffung von Luftfiltern ermuntern würde: Der Einsatz von mobilen Luftreinigern mit integrierten Hepa-Filtern reiche nicht aus, um wirkungsvoll über eine längere Dauer Schwebepartikel wie Viren aus der Raumluft zu entfernen. Dazu wäre eine exakte Erfassung der Luftströmung im Raum ebenso erforderlich, wie eine gezielte Platzierung der mobilen Geräte. Der Einsatz solcher Geräte könne Lüftungsmaßnahmen somit nicht ersetzen, sollte allenfalls flankierend in solchen Fällen erfolgen. Die Erreger mittels Ozon oder UV-Licht zu bekämpfen, lehnt das Amt aus gesundheitlichen Gründen und aus Sicherheitsgründen komplett ab, heißt es in einer Stellungnahme der Kommission Innenraumlufthygiene am Umweltbundesamt.

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An anderer Stelle heißt es von dem Amt jedoch, der Einsatz von UV-C Strahlung könne zu einer Reduktion der Viruslast in der Raumluft theoretisch beitragen, „weil diese grundsätzlich in der Lage sei, Bakterien abzutöten und Viren zu inaktivieren“. Man betrachte den Einsatz nur „für den nicht gewerblichen Einsatz“ etwa in Wohnungen als kritisch. 

Etwas zuversichtlicher als das Umweltbundesamt äußert sich Martin Kriegel, Leiter des Hermann-Rietschel-Instituts an der TU Berlin: Die wichtigste Maßnahme, um eine gute Luftqualität herzustellen, sei die Frischluftzufuhr. Ergänzend könne ein Gastronom Umluftfiltergeräte einsetzen. Die müssten dann aber eine nennenswerte Leistung haben: Ab 1000 Kubikmeter gefilterter Luftmenge pro Stunde würden sie einen sinnvollen Beitrag leisten. Vom Aufstellungsort hänge ab, ob das Raumvolumen tatsächlich in Gänze erfasst wird. Solche Filtergeräte würden keine komplett saubere Luft im Raum herstellen, sondern ein Gemisch, das immer noch Viren enthält, wenn auch weniger.

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„Für sehr entscheidend halte ich daher die Aufenthaltsdauer. Diese sollte maximal eine Stunde sein, wenn gut gelüftet oder ein derartiges Umluftfiltergerät mit 1000 Kubikmetern Filterleistung pro Stunde aufgestellt wird“, so der Aerosol-Experte. Bei einer Stunde liege das Restrisiko einer Infektion dann bei etwa zehn Prozent, so Kriegel. Je länger ein Gast sich im Raum aufhält, desto höher steigt das Infektionsrisiko. Ist der Aufenthalt doppelt so lange, bestehe das doppelte Risiko. Wolle ein Wirt seine Gäste also länger halten, helfe nur noch häufigeres Lüften oder noch mehr Filtern: Dann starte er auf niedrigerem Niveau.

An der längsten Raumseite aufstellen

Dass Politiker und Behörden sich auf eher vage und mitunter widersprüchliche Aussagen zurückziehen, was den Einsatz von Luftreinigern im Kampf gegen das Virus betrifft, sorgt bei einigen Gastronomen dafür, dass sie ihre Kaufentscheidung seit Wochen hinauszögern. Dabei ist weitgehend unstrittig, dass die Technik das Risiko zu senken vermag.  Das Institut für Strömungsmechanik und Aerodynamik der Universität der Bundeswehr in München etwa hält es sogar für notwendig, auch technische Lösungen zur Eindämmung der Pandemie zu etablieren.


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Im August testeten die Wissenschaftler die Tauglichkeit transportabler Luftfilter für den Kampf gegen das Virus. Die Ergebnisse waren beachtlich. Mit dem eingesetzten Trotec Tac V+ Raumluftreiniger etwa konnten sie die Aerosolkonzentrationen selbst in großen Räumen mit einer Fläche von 80 Quadratmetern je nach Volumenstrom in 6 bis 15 Minuten halbieren. Das Gerät besitzt eine spezielle Filterkombination, die maximale Filterleistung beträgt immerhin 1500 Kubikmeter Luft pro Stunde. Bei Räumen mit 20 Quadratmetern werde eine Halbierung der Aerosole je nach eingestellter Leistung in 3 bis 5 Minuten realisiert. Es sei daher mit Raumluftreinigern möglich, die Aerosolkonzentration in Räumen kleiner und mittlerer Größe problemlos auf einem niedrigen Niveau zu halten. Allerdings kostet ein solches Hochleistungsgerät um die 4000 Euro.

Um eine effektive Filterung zu erreichen, müsse der Raumluftreiniger möglichst an der längsten Raumseite in der Mitte positioniert sein, so die Wissenschaftler. Der Deckenbereich in Richtung der Ausströmungen dürfe nicht von Objekten unterbrochen werden, da sich sonst ungünstige Wirbelströmungen im Raum bilden können. Sei dies nicht möglich, müsse der Volumenstrom erhöht werden. Die Forscher empfehlen zudem, die Geräte im Dauerbetrieb laufen zu lassen, nicht stoßartig. So lasse sich die Virenkonzentration im Raum klein halten.

Verband fordert schnelle Klarheit 

Doch längst nicht jeder Gastwirt kennt diese Studien. Und darauf berufen können sie sich im Zweifel auch nicht. Die Politik sorgt sogar noch für zusätzliche Verwirrung, indem sie die Zurückhaltung des Umweltbundesamtes einfach konterkariert. Die Landesregierung von Nordrhein-Westfalen will die Anschaffung von Luftreinigern zwar mit einem zweistelligen Millionenbetrag fördern, auch bei Gastronomiebetrieben. Wirtschaftsminister Andreas Pinkwart (FDP) schlug gar vor, Gastronomie- und Hotelbetreibern zu erlauben, wenn sie Hochleistungsluftreiniger einsetzen, den Mindestabstand von 1,50 Metern zwischen den Tischen im Restaurant zu unterschreiten. Allerdings gebe es bisher keine Zertifizierungen für diese Geräte, die zum einen die Wirksamkeit belegen und „zum anderen Aussagen darüber treffen, auf welche anderen Maßnahmen im Rahmen des Multi-Barrieren-System verzichtet werden kann“, heißt es aus dem Gesundheitsministerium des Bundeslandes.

Für die Gastwirte bleibt die Situation also unübersichtlich: „Wir brauchen so schnell wie möglich eine belastbare Expertise, damit die Unternehmen sicher investieren können“, sagt Ingrid Hartges, Hauptgeschäftsführerin des Deutschen Hotel- und Gaststättenverbandes (Dehoga). Der Verband könne nur Empfehlungen aussprechen, wenn eine Technik wirklich geeignet sei, die Infektionsgefahr zu senken. Diese Klarheit müsse von einer von den Behörden und der Wissenschaft anerkannten Stelle kommen, so Hartges.

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