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Crispr/Cas9 Was hinter dem Streit um die Genschere steckt

Sind Pflanzen, die mit der Genschere Crispr/Cas9 behandelt wurden, gentechnisch veränderte Organismen? Eine Streitfrage, die indirekt auch den Verbraucher angeht.

Wie gehen wir mit Organismen um, die mit der Genschere Crispr/Cas9 verändert wurden? Die Frage müssen die Richter am EuGH entscheiden. Quelle: dpa

BerlinStressresistente Maispflanzen , Allergen-freie Erdnüsse, eine Weizensorte, die gegen die gefürchtete Pilzkrankheit Mehltau resistent ist – an der Züchtung solcher und vieler anderer Kulturpflanzen arbeiten derzeit zahlreiche Pflanzenforscher. Viele nutzen dazu ein molekulares Werkzeug, das sich seit einigen Jahren in rasantem Tempo in den Labors rund um die Welt verbreitet: die Genschere Crispr/Cas9, kurz Crispr.

Mit dieser Technik ist es möglich, das Erbgut und damit die Eigenschaften von Pflanzen und anderen Lebewesen präzise zu verändern – viel präziser, als das mit bisherigen gentechnischen Verfahren möglich war. Viele Forscher sehen enormes Potenzial in der Technologie.

Gentechnik-Kritiker hingegen fürchten, dass damit gentechnisch veränderte Pflanzen geschaffen, schlimmstenfalls unkontrolliert angebaut und letztlich den Verbrauchern unwissentlich untergejubelt werden könnte. Beide Seiten warten derzeit mit Spannung auf ein Urteil des Europäischen Gerichtshofs (EuGH), der die entscheidende rechtliche Bewertung von Organismen liefern soll, die mit Crispr und vergleichbaren Techniken erzeugt wurden.

Die Frage ist: Handelt es sich dabei um gentechnisch veränderte Organismen (GVOs), die unter die strengen Auflagen des europäischen Gentechnikrechts fallen? Sie müssten in diesem Fall unter anderem ein aufwändiges Zulassungsverfahren durchlaufen und gekennzeichnet werden.

Oder sind die Crispr-Produkte keine GVOs, weil sie in vielen Fällen von Pflanzen, die natürlich entstanden sind oder mit konventionellen Züchtungsmethoden erzeugten wurden, ohnehin nicht zu unterscheiden sind? In diesem Fall dürften sie ohne spezielle Prüfung und Kennzeichnung in den Verkehr und auf den Markt gebracht werden.

Eine knifflige Frage. Der Generalanwalt des EuGH, Michal Bobek, legte im Januar dieses Jahres eine umfassende Stellungnahme zur rechtlichen Bewertung der neuen Verfahren vor. Darin heißt es unter anderem, dass mit Crispr und Verfahren erzeugte Organismen nicht als gentechnisch verändert anzusehen sind, solange die vorgenommenen Veränderungen auch auf natürliche Weise entstanden sein könnten.

Zu einem ganz anderen Schluss kommt der Rechtsexperte Ludwig Krämer. Er hat sich im Auftrag von Testbiotech – einem Institut für unabhängige Folgenabschätzung in der Biotechnologie, das eher gentechnik-kritisch eingestellt ist – mit der Stellungnahme befasst. Seiner Ansicht nach fallen die neuen Verfahren sehr wohl unter den Geltungsbereich der EU-Freisetzungsrichtlinie, welche die Zulassung gentechnisch veränderter Organismen regelt. Demnach müssen Pflanzen und Tiere, die mit Genomeditierungsverfahren verändert wurden, vor einer Freisetzung oder einem Import in einem Zulassungsverfahren auf Risiken untersucht werden.

Aber was genau ist das Crispr-Verfahren eigentlich? Bei der Methode werden Gene, die für eine bestimmte Eigenschaft der Pflanze verantwortlich sind, gezielt angesteuert. Der Genstrang wird an der betreffenden Stelle geschnitten und dann vom zelleigenen Reparatursystem wieder zusammengefügt. Da die Reparatur nicht immer perfekt verläuft, wird das Gen dabei unter Umständen verändert, zum Beispiel ausgeschaltet. An der Schnittstelle können auch neue Gene eingefügt werden.

Die resultierende Pflanze unterscheidet sich nur in wenigen genetischen Bausteinen von der Ausgangspflanze. Solche Mutationen, die zur Stilllegung von Genen führen können, treten auch natürlicherweise ständig auf und führen zu zufälligen Veränderungen des Pflanzen-Erbguts. Klassische Züchtungsmethoden, etwa die Bestrahlung, erhöhen die Mutationsrate, um dem Zufall auf die Sprünge zu helfen und schneller eine gewünschte Eigenschaft hervorzurufen.

Die Crispr-Methode ist schnell, einfach und sehr präzise und damit der klassischen Pflanzenzucht oder anderen gentechnischen Methoden überlegen, wie zumindest die Befürworter finden. Lange Zuchtreihen, die sich oft über Jahre oder sogar Jahrzehnte hinziehen, fallen damit weg.


Verbraucher wissen kaum Bescheid über das Verfahren

„Mit der hohen Präzision der Crispr-Technologie ist ein wesentlicher Schritt erreicht, den Pflanzenzüchtung schon immer angestrebt hat“, sagt auch Ralf Wilhelm, Leiter des Fachinstituts für die Sicherheit biotechnologischer Verfahren bei Pflanzen am Julius-Kühn-Institut. Man könne damit Züchtungsziele wie Krankheits- und Schädlingsresistenz oder eine erhöhte Widerstandsfähigkeit gegen Nässe oder Trockenheit erreichen – und zwar wesentlich schneller und günstiger als je zuvor.

Hinsichtlich einer rechtlichen Bewertung der Verfahren hält sich Wilhelm bedeckt. „Wir würden von wissenschaftlicher Seite keinen Sinn darin sehen, zwei Organismen, die völlig gleich sind, rechtlich anders zu bewerten.“ Allerdings müsse man fallweise entscheiden und die Art der jeweiligen Veränderung berücksichtigen. „Das ist ein Werkzeug, eine Methodik, die in vielen Zusammenhängen einsetzbar ist.“

So können mit Crispr etwa auch mehrere Gene gleichzeitig stillgelegt werden oder neue Genbausteine eingefügt werden – von der eigenen wie von fremden Arten. Vor allem wenn fremde Gene eingefügt würden, bedürfe es nach dem Gentechnikrecht einer umfassenden Sicherheitsprüfung der resultierenden Produkte, sagt Wilhelm.

Nach Ansicht von Christoph Then von Testbiotech unterscheiden sich Crispr-Pflanzen sehr wohl von ihren natürlichen Vorgängern und seien somit als gentechnisch verändert einzustufen. In der konventionellen Züchtung werde mit ganzen Pflanzen oder Zellen gearbeitet. Natürliche Prozesse würden dabei beschleunigt, aber welche Veränderungen entstehen, bliebe letztlich der Natur überlassen.

Es gebe im Erbgut von Pflanzen zum Beispiel Regionen, die vor Mutationen besonders gut geschützt seien. Mit Crispr könnten auch solche Regionen verändert werden. „Das kann zu biologischen Reaktionen führen, die man bisher noch nicht beobachtet hat und die ungewollt die Nahrungsmittelqualität oder die ökologische Qualität der Pflanzen beeinflussen.“

Aus diesem Grund fordert Then für Crispr und alle anderen Genom-Editierungsverfahren nach dem Vorsorgeprinzip eine umfassende Zulassungsprüfung und Risikobewertung sowie eine Kennzeichnungspflicht. Der Generalanwalt habe mit seiner Stellungnahme wenig getan, um die notwendige Transparenz und Rechtssicherheit zu schaffen.

Ob der Europäische Gerichtshof der Linie seines Generalanwalts folgt, ist unklar, eine Entscheidung wird in den kommenden Monaten erwartet. Sollten die neuen Verfahren aus dem Gentechnikgesetz herausgenommen werden, hätte das weitreichende Folgen, fürchtet Then. Aus Ländern wie den USA, wo bereits einige Crispr-Pflanzen zugelassen sind, könnten auf einen Schlag viele Sorten auf den europäischen Markt kommen. „Wenn das Gericht die Schleusen öffnet, schafft es Fakten und es dürfte für die Politik sehr schwer werden, das zurückzudrehen.“

Die Präsidentin des Bundesamtes für Naturschutz hatte schon im vergangenen November vor einer Herausnahme der neuen Techniken aus dem Gentechnikrecht gewarnt. Dies „würde zu erheblichen Regelungslücken sowie zu einer Zersplitterung der Zuständigkeiten führen“, sagte Beate Jessel, nachdem sie hatte prüfen lassen, inwieweit andere Regelungen in der Lage sind, mögliche Umweltrisiken zu kontrollieren. „Wegen des enormen Potenzials neuer Techniken ist eine am Vorsorgeprinzip und den Belangen des Umweltschutzes orientierte Risikoprüfung unabdingbar. Dies kann derzeit nur das Gentechnikrecht gewährleisten.“

Verbraucher wissen derzeit kaum über Verfahren wie Crispr Bescheid, wie eine repräsentative Umfrage des Bundesinstituts für Risikoforschung unter 1000 Personen im vergangenen Jahr zeigte. Werden sie über die Techniken informiert, nehmen sie diese unabhängig von der rechtlichen Einordnung eindeutig als Gentechnik wahr und begegnen ihnen mit ähnlichen Vorbehalten, ergab jüngst ein Forschungsprojekt.

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